Der Einfall

Probleme gibt es, die treiben einen Menschen an den Rand der Verzweiflung, sogar darüber hinaus. Ein solches Problem war der Wandstrahler, den ich vor Jahren in einem schwedischen Möbelhaus weit vor den Toren der Stadt erworben hatte. Es war kein wertvolles Stück. Unauffällig verrichtete er seinen Zweck, bis eines Tages die Glühlampe des Strahlers mit einem Knall für immer verlosch.

Der unangemeldete Defekt störte meinen geplanten Tagesablauf. Verärgert schraubte ich die schadhafte Lampe aus ihrer Fassung, warf sie sogleich in den Müll. Ersatz dafür musste es in jedem beliebigen Supermarkt geben.

Genau so war es. Das Angebot umfasste Glühlampen aller erdenklichen Art. Sie unterschieden sich nach Farbe und Form des Glases sowie in der Art des Gewindes.

Ratlos stand ich vor dem großen Regal im Einkaufzentrum. Zu gerne hätte ich mich einzig am Preis orientiert. Ich hatte keine hohen Ansprüche. Der Wandstrahler sollte mein Zimmer erhellen, wenn man ihn anknipste. Mehr nicht. Es blieb herauszufinden, welches Leuchtmittel des Sortiments in meinen Wandstrahler passte. Die Antwort musste ich schuldig bleiben. Obwohl ich drei Semester Elektrotechnik studiert hatte, fehlte mir jede Ahnung in Bezug auf die Norm der Gewindetypen von Glühlampen und ihren Einsatz.

In meiner Hilflosigkeit fiel mein Blick auf eine Verpackung mit dem in Großbuchstaben gedruckten Wort „SPOT“. Spot, blitzte es in meinem Sprachschatz auf, ist das englische Wort für Punkt oder Fleck. Ein Spotlight ist ein Punktscheinwerfer, auch Strahler genannt. Ich schien die passende Lampe damit gefunden zu haben.

Das Preisschild jagte mir allerdings einen Schreck ein. Denn die SPOT-Lampe kostete das Vierfache der gewöhnlichen Modelle. Es gab kein preiswertes Derivat.

Unhörbar knirschte ich mit den Zähnen, ergab mich anschließend meinem Schicksal. Licht zu haben sei bedeutsamer, als Geld zu sparen, sagte ich mir. Es hätte obendrein Stunden gedauert, ein gleichwertiges, zugleich günstigeres Exemplar der Gattung SPOT-Glühlampe in einem anderen Laden zu finden.

Zu Hause kam die Ernüchterung. Die Fassung des Wandstrahlers war auf den ersten Blick wesentlich größer als das Gewinde der soeben erstandenen SPOT-Lampe. Dem Durchmesser nach schien sie für Lampen ausgelegt, die man in Deckenleuchten und Stehlampen montierte. Ein Vergleich mit der defekten Originallampe hätte geholfen. Die aber lag im Müll, in einem Container unwiderruflich entsorgt.

Ich hatte keiner andere Wahl. Beim nächsten Besuch im Supermarkt lief ich zum wiederholten Mal am Regal mit den Glühlampen vorbei. Diesmal langte ich zielsicher zu, schließlich hatte ich mir von vornherein überlegt, was ich brauchte. Der Griff fiel mir außerdem leichter, weil ich mich endlich allein am Preis orientieren konnte. Zuversichtlich trug ich meinen Erwerb nach Hause in der Aussicht auf ungetrübte Sichtverhältnisse.

Erneut rannte ich in eine Sackgasse. Zwar stimmte der Durchmesser des Gewindes. Aber der Glaskörper der Lampe war viel zu groß für den knapp bemessenen Platz im Gehäuse des Wandstrahlers. Die Situation wurde zunehmend unhaltbar. Ich hatte bereits eine Menge Geld für die Anschaffung nicht verwendbarer Glühlampen ausgegeben. Das hielt mich von einem dritten Kaufversuch ab. Zaudernd schlich ich bisweilen um die Regale verschiedener Supermärkte. Ich dachte sogar daran, zum schwedischen Möbelhaus weit vor den Toren der Stadt zu fahren, wo es auf jeden Fall die passende Glühlampe geben musste. Was mich davon abhielt, war Angst, das Resultat könnte am Ende eine zusätzliche Verschwendung von Zeit und Geld sein. Daher ließ ich es bleiben, lebte stattdessen Wochen in völliger Dunkelheit.

Endlich kam Weihnachten, damit verbunden die Rettung in Form eines Geschenks. Der Inhaber einer geschäftlich befreundeten Werbeagentur schenkte mir ein Päckchen, in dem ich fand, was ich dringend vermisste: eine fabrikneue Wandlampe. Mir gefiel daran vor allem das Glasquadrat, das die dahinter liegende Lampe verbarg. Auf dem Glas stand in der Art einer Buchstabentafel beim Augenarzt geschrieben:

DES
IGNE
RLEUCHTE

Das schärfte nicht zuletzt meinen Durchblick. Ich beschloss, den Wandstrahler endgültig zu ersetzen.

Ein letztes Mal nahm ich ihn zur Hand. Ein letztes Mal wallte in mir der Ärger auf. Hasserfüllt dachte ich an die weit vor den Toren der Städte gelegenen schwedischen Möbelhäuser. Sie verkauften Wandstrahler, die für einen Glühlampenwechsel ein Studium von mehr als drei Semestern Elektrotechnik vorraussetzen.

Zum letzten Mal betrachtete ich die tückische Fassung, die mir so viel Kopfzerbrechen bereitet hatte. Mich wurmte die Tatsache, dass ich trotz abgeschlossenen Ingenieurstudiums offenkundig zu blöd war, für einen simplen Wandstrahler die passende Glühlampe zu kaufen. Mit diesem Gedanken im Kopf untersuchte ich die Fassung im Innern des Strahlergehäuses endlich genauer. Mir fiel dabei auf, dass der Teil der Fassung mit dem zu großen Durchmesser überhaupt kein Gewinde hatte. Das lag im Innern des Sockels, hatte geringere Abmaße. Warum paßte die exklusive SPOT-Lampe da nicht hinein?

Die Antwort darauf wollte ich finden, ehe ich das Problem ein für alle Mal auf den Müllhaufen meiner persönlichen Geschichte der Wandstrahler und Glühlampen warf. Gleichzeitig dachte ich den Beweis anzutreten, dass die Aufschrift auf der Verpackung der SPOT-Lampe eine Irreführung des Kunden war.

Ich holte sie aus ihrer gefalteten Papphülle, setzte sie in den Wandstrahler ein. Anschließend tat ich das einzig Richtige: Ich begann zu schrauben!

Der Erfolg kam postwendend, und ich gebe zu: Warum ich nicht schon beim ersten Anlauf versucht hatte, die Lampe in die Fassung hinein zu drehen, weiß ich bis heute nicht.

Dafür kann ich jetzt jedem erklären, was es bedeutet zu sagen, jemandem sei ein Licht aufgegangen