Die Queen und ihr Flüchtlingsproblem

Vor den Toren Londons campieren mehr als zehntausend Flüchtlinge, und im britischen Parlament beginnt eine hitzige Debatte darüber, wie man damit umgehen soll. Fakt ist, die britische Wirtschaft befindet sich in einer ausgeprägten Rezession, weshalb die einen meinen, die Flüchtlinge kämen gerade recht, um der lahmen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Die anderen sehen die Zugereisten als unerwünschte Kostgänger. „This race of vermin . . . this idle, profligate people„, empört sich ein Abgeordneter der Tories in der Presse. („Dieses Gesindel…, diese unnützen, verdorbenen Menschen.“)

Niemand hatte sie gebeten zu kommen. Oder doch?

Die Queen persönlich, sagen sie, habe sie eingeladen und versprochen, ihnen zu helfen, ein neues Leben aufzubauen. Dabei berufen sich auf ein Goldenes Buch. In dem sei alles nachzulesen.

Nun ist die Rede hier nicht von Queen Elizabeth II, sondern von Queen Anne, „Good Queen Anne“‚ wie sie noch heute genannt wird, letzte der Stuarts auf dem englischen Thron und erste Königin von Großbritannien.

Die Flüchtlinge kommen auch nicht aus dem Nahen Osten oder Afrika, sondern sind arme Bauern aus der Pfalz, dem Rheinland und dem nördlichen Baden-Württemberg. Die angelsächsische Geschichtsschreibung wird sie „the poor palatines“ („die armen Pfälzer“) nennen, und das Jahr ihres Aufbruchs ist 1709.

Sie erreichen zunächst Rotterdam, wo die städtischen Behörden mit der Situation völlig überfordert sind. Wie sollen sie zehn- bis dreizehntausend Menschen unterbringen und versorgen? Als gute Christen möchte sie zwar gern helfen, doch ihre Ressourcen sind begrenzt.

Zum Glück für die Flüchtlinge führt England, das nächste Etappenziel ihrer Reise, gerade Krieg auf dem Kontinent. Nach England müssen sie, weil die Schrift, die ihnen den Weg weist, das so bestimmt. Und nach England kommen sie, weil der britische Gesandte in den Niederlanden sich dafür einsetzt, dass die Schiffe, die den Nachschub für seine Truppen bringen, nicht leer zurück in die Heimat fahren.

Das „Goldene Buch“ ist seit 1706 im Umlauf und ein Pamphlet, das die Vorzüge eines Landes namens Carolina in Englisch Amerika preist, welches scheinbar nur darauf wartet, von tüchtigen Bauern besiedelt zu werden. Der Titel des Buches glänzt in goldenen Lettern, daher der Name „Das Goldene Buch“. Der zweiten Auflage von 1709 wurde neben einem Bildnis der Königin Anne auch ein Bericht hinzugefügt, der beschreibt, wie ein Jahr zuvor, 1708, die gute Königin einer Gruppe von fünfzig armen Pfälzer Bauern die Überfahrt nach Carolina ermöglichte, wo sie alle eigenes Land bekamen. Es heißt, die Königin hätte die Bauern auch dort noch solange mit Brot versorgt „bis sie aus eigener Ernte selbst welches haben backen können“.

In London freilich wartet erst einmal die Erkenntnis, dass es so einfach wie im „Goldenen Buch“ beschrieben nicht ist. Aber es gibt Menschen, die sich für die Flüchtlinge einsetzen. Der Journalist und Agitator Daniel Defoe, Mitglied der Reformpartei Whigs und heute für seine später verfassten Romane „Robinson Crusoe“ und „Moll Flanders“ bekannt, legt eine Studie vor, die zu dem Schluss kommt, die Flüchtlinge könnten gut für sich selbst sorgen, wenn man ihnen nur Land gäbe. Wenn es auf diese Art gelänge, sie in die Gesellschaft zu integrieren, würden sie die wirtschaftliche Gesamtleistung Großbritanniens – heute würde man sagen: das Bruttosozialprodukt – um jährlich 80.000 Pfund Sterling erhöhen. Land gäbe es genug in Irland und Teilen Schottlands.

In den genannten Regionen waren tatsächlich weite Landstriche menschenleer, seit erst Oliver Cromwells New Model Army und anschließend die Truppen der Royalisten sie verwüstet hatten. Religiöse wie politische Abweichler und Kriegsgefangene waren im Zuge diverser Kampagnen zu Tausenden auf die Westindischen Inseln und nach Virginia zwangsdeportiert worden, wo sie als Sklaven auf Zeit (intendured servants) in den Zucker- und Tabakplantagen schuften mussten, was oft einem Todesurteil gleichkam.

Tatsächlich werden an die dreitausend Flüchtlinge Anfang September 1709 nach Irland gebracht, um dort zu siedeln. Die Hälfte davon ist allerdings schon Ende November zurück in London, denn Defoe und seine politischen Freunde haben vollkommen außer Acht gelassen, dass die Deutschen keineswegs nach Irland, sondern nach Carolina in Englisch Amerika wollen. Nichts anderes, nur das.

Jetzt steht der Winter vor der Tür, und auch das politische Klima wird zunehmend rauer. Nicht zuletzt, weil unter den Flüchtlingen auch zahlreiche Katholiken sind. Was in der Folge von mancher anglikanisch-protestantische Kanzel herab gepredigt wird, ist auch für uns heute leicht vorstellbar… Es erübrigt sich, nach historischen Zitaten zu suchen. Mir fehlen dafür auch die Quellen.

Nicht mehr genau nachzuvollziehen ist es, welche politischen Kräfte wann genau erreichten, dass tatsächlich eine Gruppe von sechshundert deutschen Flüchtlingen nach Carolina in See stechen durfte. Denen, die auserwählt wurden, muss es so vorgekommen sein, als seien all ihre Gebete erhört worden.

Sechshundert Passagiere, das sollte an dieser Stelle gesagt sein, war die maximale Zuladung eines Handelsschiffs zu jener Zeit. Ein Sklavenschiff auf dem Weg von Westafrika nach Amerika hatte die gleiche Anzahl Passagiere geladen. Die Afrikaner waren in Ketten gelegt, die europäischen Flüchtlinge nicht. Es sollte jedoch in Betracht gezogen werden, dass die Afrikaner wertvolle Waren darstellten, die am Ankunftsort einen guten Preis erzielen sollten. Für die europäischen Flüchtlinge war vorab ein festgelegter Preis für den Transport pro Kopf gezahlt worden.

Von den sechshundert, die nach Carolina in See stachen, das ist dokumentiert, kamen nach dreizehn Wochen auf See dreihundert lebend an. Ein Grund dafür war sicher die ungewöhnlich lange Überfahrt (üblicher Durchschnitt waren nur acht Wochen). Aber auch die Versorgung muss grauenvoll gewesen sein, wenn man bedenkt, dass auf portugiesischen Sklavenschiffen im Durchschnitt nur jeder achte Passagier die Reise nicht überlebte.

Wer es bis in die Neue Welt schaffte, erhielt in Carolina Land, aber weniger als erhofft und von minderer Qualität. Da die Neusiedler in die Außenbezirke der Kolonie geschickt wurden, gerieten sie zwangsläufig in Konflikte mit dem benachbartem Indianerstamm der Tuscarora, von denen noch heute eine kleinere Gruppe im US-Bundesstaat North Carolina ansässig ist (größere Gruppen, insgesamt etwa eintausend Personen, in Kanada und US -Bundesstaat New York – Quelle: Wikipedia). Etwa sechzig Siedler starben binnen eines Jahres in Gefechten mit den Indianern. Der Rest rieb sich in Disputen mit größeren Plantagenbesitzern und der Kolonialverwaltung auf, wanderte in der Folge in andere Kolonien ab.

Besser erging es jenen, die einwilligten, in New York zu siedeln. Den Plan dafür entwarf ein schottischer Adliger namens Robert Hunter, der in Europa unter dem Duke of Marlborough gekämpft hatte und von Queen Anne dafür zum Gouverneur von New York ernannt wurde.

Hunter erkannte, dass der britischen Marine in Amerika ein Hafen mit geeigneten Docks fehlte, wo Schiffsrümpfe ausgebessert und Takelage erneuert werden konnte. Wenn es ihm gelänge, die deutschen Bauern zu Teerkochern und Segeltuchmachern umzuschulen, dann – so sein Kalkül – wäre dies eine hoch profitable Geschäftsidee.

Hunter sammelte Geld bei privaten Investoren und schloss mit den Flüchtlingen die damals üblichen Verträge ab: Hunter zahlte die Überfahrt und versprach jedem ein Stück eigenes Land, wofür nach der Ankunft jeder Flüchtling auf sieben Jahre unentgeltlich für ihn arbeiten sollte als Sklave auf Zeit. Schuldknechtschaft wäre das wahrscheinlich treffendste deutsche Wort dafür.

Um die Überfahrt für rund siebzig Kinder im Alter von bis zu elf Jahren – viele von ihnen Waisen, denn auch in den Flüchtlingslagern von London wurde gestorben – kümmerte sich die Londoner Verwaltung. „Kümmern“ bedeutete: die Kinder wurden an bereits in New York ansässige Familien vermittelt, die für diesen „Service“ eine Gebühr an die Stadt London zahlten. Von diesem Betrag gingen die Kosten für die Überfahrt ab, der Rest blieb als Reingewinn. Offiziell hieß es, die Kinder würden „in apprentice“ also in eine Ausbildung gegeben. In der Tat arbeiteten sie bis zum Erreichen des 21. Lebensjahres als Haussklaven. Das Verfahren war nicht neu. Schon seit 1619 entledigte sich die Stadt London auf diese Weise ihrer Straßenkinder und Waisen und machte dabei noch einen schönen Profit.

Alles in allem kamen etwa 2400 Flüchtlinge in New York an, während 470 auf der Überfahrt oder kurz nach der Ankunft starben. Im Jahr danach starb noch einmal jeder vierte.

Damit hatte Hunter gerechnet. Womit er nicht gerechnet hatte war die Dickköpfigkeit der Deutschen, wenn es ums Prinzip geht. Statt ihnen Ackerland zu geben, wollte er sie mit einem kleinen Garten abspeisen.

Es klingt einleuchtend: Wer Bauer war und Land haben konnte, wollte nicht Werftarbeiter werden. Womöglich verstanden die Deutschen auch gar nicht den Sinn und Wortlaut der englischen Knebelverträge, denn zwar gab es in deutschen Landen die Leibeigenschaft und das Heuerlingswesen, doch eine Schuldknechtschaft wie sie in den englischen Kolonien praktiziert wurde, war den Deutschen unbekannt.

Es kam zu einer Pattsituation, die über Monate anhielt und von Hunter nicht gelöst werden konnte, da die Deutschen – zum Schutz vor Indianerüberfällen – sich zuallererst Waffen besorgt hatten.

Am Ende ging Hunter das Geld aus. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Deutschen aus ihren Verträgen zu entlassen. Zwar hatten sie noch immer kein Land, aber sie konnten jetzt gehen wohin sie wollten, und Amerika war groß.

Das letzte Stück ihrer Reise führte sie den Hudson River hinauf landeinwärts bis zum Schoharie. Das war Indianerland der Mohawk, die nicht nur auf die Jagd gingen, sondern auch Mais, Bohnen und Kürbisse anbauten. Schon lange trieben die Mohawk erfolgreich Handel mit Holländern und Briten. Über diese Kanäle könnten erste Gespräche erfolgt sein, die am Ende dazu führten, dass lutherische Pastoren und die Clanmütter der Mohawk zu einer Übereinkunft kamen, die den deutschen Bauern gestattete, im Indianerland endlich das zu machen, was von Anfang an ihr Ziel gewesen war: ihr eigenes Land zu bestellen. Noch heute findet man daher in dieser Gegend manchen deutsch klingenden Namen.

Den Mohawk hat ihre Politik nicht geschadet. Sie festigten in der Folge ihre Koalition mit den Briten und kämpften an deren Seite im Krieg von 1812 gegen die USA. Das mag ein Grund dafür sein, dass die meisten Mohawk heute in Kanada leben. Die Zahl der Stammesangehörigen ist von kaum mehr als 2000 am Anfang des 18. Jahrhunderts auf heute 45.000 gewachsen. Bauarbeiter aus dem Stamm der Mohawk sind besonders gefragt, wenn es hoch hinaus geht. Sie gelten als schwindelfrei, bauten mit am Empire State Building und anderen Wahrzeichen Amerikas.

Würde es sich lohnen, Lehren aus der Geschichte zu ziehen, um nachhaltige Lösungen für unsere heutigen Probleme zu finden?

Ich meine: Ja.

Die Gegend um den Schoharie