Die Sozialen Netze sind keine Wissensdatenbank

Sacha Lobo hat für den SPIEGEL eine Kolumne geschrieben (hier der Link zum Artikel auf Spiegel Online), in der er das unterirdische Niveau der Postings in den Sozialen Netzwerken beklagt, besser noch: anprangert.

 Ich komme nicht umhin, ihm in fast allen Punkten seiner Klage beizupflichten.

 Das beschriebene Niveau einschließlich fehlender Netiquette und strikter Ausblendung des gesunden Menschenverstands ist mir allerdings schon früher aufgefallen, etwa wenn Menschen mit unterschiedlichen Ernährungsphilosophien verbal aufeinander losgehen. Die Kommentare zur Flüchtlingspolitik sind nur die konsequente Fortsetzung solcher bereits erprobten Muster.

 Aber sind die sozialen Medien überhaupt der geeignete Platz für Diskussionen?

 Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluß: Nein.

 Facebook, um ein von Lobo zitiertes Beispiel zu nennen, ist optimal, um schnell Informationen zu (ver)teilen, die ebenso schnell erfasst werden können. Dafür eignen sich am besten Bilder mit und ohne Sprüche, kurze Texte. Es erfordert keine tiefschürfenden Denkprozesse, diese Informationen zu verarbeiten. Aber sie wirken auf uns, vor allem emotional. Wie bei einer amerikanischen Sitcom feuern die Facebook-Nutzer Salven aus coolen oder blöden Sprüchen aufeinander ab und erfreuen sich an den erreichten Punktzahlen in Form von „Likes“ und „Shares“. Substanzhaltigkeit der Informationen und Korrektheit der Fakten sind dabei nebensächlich.

 Mit Facebook kommuniziert man Emotionen, es ist keine Wissensdatenbank. Es ist so konzipiert. Schließlich soll man nur bewerten, ob einem etwas gefällt, nicht, ob man es für bedenkenswert hält oder sogar durchdacht hat.

 Wer also Gedanken veröffentlichen will oder andere dazu bringen möchte, sich Gedanken zu machen, der muss weiterhin wie Sascha Lobo Kolumnen schreiben oder wie ich Artikel in meinem Blog.

 Wenn ich mich allerdings frage, ob es von Dummheit zeugt, was sich in die Sozialen Netzwerke ergießt, dann sehe ich mich gezwungen zu differenzieren. Vieles mag inhaltlich dumm sein, aber je dümmer der Spruch, desto emotionaler die Reaktionen darauf. Es gewinnt, wer am unverschämtesten ist. Und das eben heißt, ein Medium wie Facebook in genau der Weise zu nutzen, die seinem Konzept entspricht. Nichts ist geeigneter als die Sozialen Netzwerke, um sich selbst in Szene zu setzen, die Anhänger der eigenen Ideologie Tag für Tag zu motivieren und Menschen mit gegenteiligen Standpunkten zu verunglimpfen.

 Dazu braucht es nur weniger gezielter Impulse. Der Shitstorm entwickelt sich aus der brodelnden Masse der Gefühle scheinbar spontan.

 Spontan: ein Lieblingswort Goebbels‘, der gern inszenierte, dabei aber unerkannt bleiben wollte. Victor Klemperer rechnete es zu den wichtigsten Unworten der LTI. Spontan zu handeln, so Klemperer, bedeute, sich ganz einem diffusen Bauchgefühl hinzugeben, den Verstand auszuschalten.

 Wie empfänglich breite Teile der Bevölkerung für diesen Ansatz sind, lässt sich erahnen, wenn man so unpolitische Texte wie Kontaktanzeigen liest.

 Die Sozialen Netze als Plattformen für breit angelegte sachliche Diskussionen zu nutzen, ist eine reizvolle Vorstellung. Umsetzen lässt sie sich meiner Meinung nach nicht, weil weder die Netze noch die Masse ihrer Nutzer dafür geeignet sind.