Der Krieg und die Liebe: Eine Woche in Waterloo

Das zwanzigste Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen hat eine Vielzahl literarischer Werke hervorgebracht, in denen ehemalige Frontsoldaten, Kriegsreporter und Flakhelfer ihre Erlebnisse verarbeiten. Spätestens seit Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ wissen wir, auf welch vielfältige Art und Weise der Tod den Soldaten an der Front ereilen kann. Die detaillierte Beschreibung des Tötens und Sterbens mag notwendig gewesen sein, um den Lesern endlich begreiflich zu machen, dass Krieg kein Abenteuer ist, in das man leichtfüßig und frohen Mutes hineinstolpert. Das allerdings hätte man auch schon einhundert Jahre vor Remarque in einem vergleichsweise dünnen Brevet nachlesen können, das von einer jungen Frau verfasst wurde.

Der Text mit dem Titel „A Week at Waterloo“ umreißt die persönlichen Erlebnisse der Autorin zwischen dem 8. Juni 1815, dem Tag ihrer Ankunft und des Einzugs britischer Truppen in Brüssel, und dem 4. Juli 1815, dem Tag, an dem sie ihre Rückreise nach England antritt.

Sie kam als  frisch vermählte Ehefrau und verließ die Stadt als trauernde Witwe, beladen mit einer Flut von Eindrücken, die auf ihrer Seele lasteten.

Am 04. April 1815 hatte Magdalene, geborene Hall, den um einige Jahre älteren Oberst William Howe De Lancy geheiratet. Zwei Wochen zuvor war Napoleon Bonaparte von der Insel Elba geflohen und hatte den französischen Thron zurückerobert. In der Folge sollten sich seine Wege mit denen von Magdalenes Familie nicht zum ersten und nicht zum letzte Mal kreuzen.

Es sind drei Gründe, die Magdalene De Lancys Bericht für heutige Leser noch immer unbedingt lesenswert machen:

Erstens ist sie eine Zeitzeugin historisch bedeutsamer Ereignisse, die dazu führten, dass Europa heute so ist wie es ist.

Noch wichtiger sind für mich die Emotionalität ihres Berichts und ihre bildhafte Sprache.

Schon die ersten Zeilen bestechen durch Klarheit des Ausdrucks und Lebendigkeit. Erst die wiederholte Verwendung des Attributs „gay“ in der Bedeutung von „fröhlich, ausgelassen“ – wir benutzen es heute in einem anderen Kontext – erinnert daran, dass dieser Text schon zweihundert Jahre alt ist. Er wurde auch nicht für ein breites Publikum geschrieben, sondern, das ist meine Vermutung, um das Erlebte zu verarbeiten. Nachdem Magdalene damit fertig war, gab sie ihre Niederschrift anderen Familienmitgliedern zu lesen. Ihr Bruder Basil Hall wurde in den folgenden Jahren durch seine Reiseberichte als Autor bekannt. Er hatte Kontakt zu anderen Schriftstellern, darunter Charles Dickens und Sir Walter Scott. Basil Hall reichte Magdalenes Manuskript an sie weiter.

Dickens brauchte einige Tage, um die Lektüre zu verdauen. Dann schrieb er Basil Hall einen Brief, in dem er bekannte: „Nie dürfte ich das leiseste Wort daraus vergessen … Es wird mich im Schlaf verfolgen … von dieser Stunde an bis ans Ende meines Lebens.“

Walter Scott: „Ich würde es für eines der wertvollsten und wichtigsten Schriftstücke halten, das publiziert werden könnte, um die Schrecken des Krieges zu veranschaulichen.“

Eine weitere Abschrift gelangte in den 1840er Jahren in die Hände von William Makepeace Thackerey. Der benutzt die historische Vorlage für eine Szene seines Romans „Vanity Fair“ („Jahrmarkt der Eitelkeit“). In ihr verabschiedet sich Hauptmann George von seiner Ehefrau Emmy, um mit seinem Regiment aus Brüssel auszurücken, nachdem die Nachricht vom Anrücken Napoleons bekannt geworden ist.

Magdalene De Lancey beschreibt diesen Moment so:

Gegen drei Uhr [morgens – A.d.Ü.] hatten sich alle Truppenteile im Park aufgestellt. Sir William und ich lehnten uns aus dem Fenster hinaus und sahen sie abmarschieren – nur wenige sollten zurück kehren. Es war ein klarer, erfrischender Morgen, und die Szene so ernst und traurig. Nur die Querflöten spielten und die Regimenter, eins nach dem anderen, marschierten vorbei. Ich sah sie durch das große Tor am Ende des Platzes dahinschmelzen.

Während Magdalene darauf fokussiert zu beschreiben, was sie sieht, hört und empfindet, lässt Thackerey seine Leser in die Köpfe von George und Emmy hineinschauen. Das macht es spannend, beide Szenen im Vergleich zu lesen. Es zeigt den Unterschied zwischen Report und Roman.

Thackereys George hat allerdings wenig mit Magdalenes Ehemann gemein. Sir William, wie sie ihn meist nennt, war Quartiermeister der Alliierten Armee unter Wellingtons Kommando, ein Logistiker. Er war verantwortlich die Verpflegung und Unterbringung von achtundsechzigtausend Soldaten, den Nachschub an Munition, Sold und Futter für die Pferde.

Einen Offizier, der mit solchen Aufgaben betraut ist, würde man heute nicht mehr in die Nähe der Hauptkampflinie schicken. Damals aber führte man noch von vorn. Das heißt, die höchsten Offiziere gingen beim Angriff voran, anstatt sich in Bunkern zu verschanzen.

Insgesamt verlor der Herzog von Wellington bei Waterloo die Hälfte seiner Stabsoffiziere und Kommandeure.

William De Lancey erwischte es gegen drei Uhr nachmittags, als er unmittelbar neben dem Herzog ritt. Eine französische Kanonenkugel schlug in der Nähe ein und prallte wie ein Tennisball vom Boden ab, um noch ein Stück weiterzufliegen. Dabei sauste das gusseiserne, bis zu zwölf Pfund schwere Geschoss mit hoher Geschwindigkeit so dicht an De Lancys Rücken vorbei, dass ihn der Luftdruck aus dem Sattel hob und über den Kopf seines Pferdes mehrere Meter nach vorn schleuderte. Er landete mit dem Gesicht auf dem Boden, versuchte noch einmal hochzukommen, bevor er zusammenbrach. Andere Stabsoffiziere eilten zu Hilfe.

„Geht fort, lasst mich in Frieden sterben“, waren die letzten Worte, die man während der Schlacht von ihm hörte.

Auf Befehl Wellingtons wurde De Lancey an den Rand des Schlachtfelds getragen, außer Reichweite französischer Waffen und Angriffe. Der Kampf tobte anschließend drei Stunden mit unverminderter Heftigkeit fort.

Magdalene hat die Folgen dieser Kämpfe gesehen. Trotzdem lässt sie sich nicht dazu hinreißen, ihren Bericht mit Bildern davon zu schmücken. Fokussiert auf ihre eigene, sehr persönliche Geschichte, verzichtet sie auf jede Darstellung von Gewalt und ihren Auswirkungen. Sie entfaltet damit jene enorme Langzeitwirkung ihres Berichts, der in puncto Einprägsamkeit den Vergleich mit Remarque nicht zu scheuen braucht.

William hatte im Vorfeld der erwarteten Schlacht nicht zuletzt für die Sicherheit seiner Frau gesorgt. Magdalene verließ Brüssel am 16. Juni um sechs Uhr morgens, drei Stunden nach dem Abmarsch der britischen Truppen. Im fünfundzwanzig Kilometer entfernten Antwerpen sollte sie die Entwicklung der Dinge abwarten. Das war sinnvoll, denn Antwerpen verfügte über einen Hafen, in dem Schiffe für eine Evakuierung nach England bereit lagen.

hr Ehemann hatte ihr eingeschärft, es sei gefährlich, sich im Rücken einer großen Armee als Frau ohne Begleitschutz zu bewegen. Außerdem solle sie keine Nachrichten glauben, es sei denn, er selbst schriebe.

Am Abend des 16. Juni erfährt Magdalene von Captain Mitchell, dem lokalen Quartiermeister in Antwerpen, Untergebener ihres Mannes, eine Schlacht hätte stattgefunden [bei Quatre Bras – A.d.Ü.]. Die Engländer hätten gesiegt (was nicht stimmte), es würden jedoch weitere Gefechte erwartet.

Am Morgen des 17. Juni steht Antwerpen Kopf. Andere Offiziersfrauen, die mit Magdalene zusammen nach Antwerpen gekommen waren, hatten der Versuchung nicht wiederstehen können, waren zurück nach Brüssel gefahren. Jetzt fluten sie mit einer großen Menschenmasse zurück: Wagenladungen voller Frauen und Kinder, die aus der Hauptstadt fliehen, die ersten Verwundeten. Magdalenes Zofe Emma mischt sich unters Volk. Am Ende des Tages ist sie einem Nervenzusammenbruch nahe, weil nichts, was sie hört, so recht zusammenpassen will.

In Brüssel hätten vom Feuer der Geschütze die Fundamente der Häuser gebebt, wird ihr erzählt. Und wer über wen gesiegt hat, darüber widersprechen sich alle Angaben.

Magdalene will davon nichts wissen, schließt sich wie schon am Vortag in ihrem Zimmer ein. Sie hatte die Fenster am Tag der ersten Schlacht fest verschlossen, so dass sie das Donnern der Kanonen nur stark gedämpft hörte: „Es klang wie das Rollen der See.“

Angestachelt von den anderen Offiziersfrauen und ihren Zofen bedrängt Emma Magdalene, auf eines der Schiffe zu gehen und nach England zu fliehen.

Magdalene antwortet: „Selbst wenn die Franzosen dieses Haus beschießen würden, ginge ich nicht, solange es nicht ausdrücklich von mir verlangt wird.“

Sie wartet auf Nachrichten von William. Tatsächlich erreicht sie am späten Abend ein flüchtig gekritzelter Zettel aus Genappe, wo Wellington zu Abend isst, bevor er sein Hauptquartier in Waterloo aufschlägt. Magdalene schrieb William mehrmals am Tag, doch keiner ihrer Briefe kam je bei ihm an, obwohl sie die Schreiben an Captain Mitchell gab. Es stellte sich später heraus, dass sie vergessen hatte, das Wörtchen „privat“ auf den Umschlag zu schreiben.

Am Morgen des 18. Juni lässt Mitchell sie wissen, dies könne der Tag der Entscheidungsschlacht sein.

Warum dauert das alles so lange!„, stöhnt Magdalene und fühlt, wie die Zuversicht sie allmählich verlässt.

Ich kann nicht einmal versuchen, den rastlosen, unglücklichen Zustand zu beschreiben, in dem ich mich befand„, bekennt sie in ihren Aufzeichnungen. Aber es wäre doch äußerst unwahrscheinlich, dass William etwas geschähe.

Man muss dazu sagen, dass selbst Wellington bis zum Abend des 13. Juni 1815 nicht damit rechnete, von Napoleon überhaupt angegriffen zu werden. Und William, der seit beinahe zwanzig Jahren Soldat war, hatten bereits zahlreiche Gefechte und kleinere Schlachten unbeschadet überstanden: „Es kam mir nie in den Sinn, dass er verwundet würde. Bis man mir sagte, er sei gefallen.

Diese Nachricht erhält Magdalene am 19. Juni, einen Tag nach der Schlacht, um elf Uhr abends in Antwerpen. Um neun Uhr morgens des gleichen Tages hatte ihr Captain Mitchell noch versichert, die Schlacht sei entschieden, die Franzosen geschlagen und William wohl auf. Er schlussfolgerte das aus der Tatsache, dass De Lanceys Name in den offiziellen Listen der Gefallenen und Verwundeten nicht auftauchte. Der Grund aber, weshalb der Name fehlte: niemand wusste, wo sich De Lancey befand. Er war verschwunden, heute würden wir sagen: vermisst.

Folgendes hatte sich zugetragen:

Delancey Barclay, ein Vetter Williams, der als Oberst ein Regiment aus Wellingtons Reserve befehligte, hatte aus einiger Entfernung beobachtet, was seinem Cousin wiederfahren war. Kaum hatten die Stabsoffiziere De Lancey (die Schreibweise des Familiennamens variiert in den Urkunden der damaligen Zeit) am Rand des Schlachtfelds abgelegt, macht sich Barclay mit einigen Soldaten und einem Feldchirurgen auf den Weg zu dem Verwundeten. Der Arzt bestätigte, dass die Kanonenkugel William nicht direkt getroffen hatte und Hoffnung auf Heilung bestand, woraufhin Barclay anordnete, William zurück bis nach Waterloo zu bringen. Dort lag er in einem Haus, unfähig, sich bemerkbar zu machen, während draußen Offiziere vorbei hasteten, die er gut kannte. Erst am 20. Juni betrat einer diese Offiziere durch einen Zufall das Haus. Er informierte umgehend Sir George Scovell, der im Stab Wellingtons – um es modern auszudrücken: für die Feindaufklärung zuständig war.

Scovell ordnete an, Magdalene in Antwerpen zu informieren, worum William schon seinen Vetter Barclay gebeten hatte. Doch auch Barclays Nachrichten kamen nie an. Statt dessen hatten Lady Hamilton und ein nicht näher spezifizierter Sir James Magdalene nach einigem Hin- und Herdrucksen erklärt, dass William tot sei.

Besagte Lady Hamilton hatte die Verlustlisten in Antwerpen selbst (ab-)geschrieben und sich dafür entschieden, die Namen derjenigen, deren Schicksal noch ungeklärt war, unerwähnt zu lassen

„Diese Informationen zu erhalten war ein Schock, egal, wie sie vermittelt wurden. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass mir vorher gesagt wurde, es gehe ihm gut. Aber es bringt nichts, sich darüber zu grämen. Mag sie [Lady Hamilton] auch glauben, ich könne ihr nie vergeben, sehe ich rückblickend nur ihre gute Absicht.“

Jetzt wurde es für Magdalene schwierig, die Wahrheit zu finden oder besser: ihr Glauben zu schenken.

„Lady Hamilton, ich kann es nicht ertragen, noch länger hingehalten zu werden. Ist er tot?“

„Nur verwundet.“

„Ja, ja, das sagen sie so. Aber ich wie kann glauben, was sie mir erzählen.“

Es ist nicht Magdalene, sondern Lady Hamilton, die jetzt in Tränen ausbricht: „Ich schwöre Ihnen, als General Alava das Schlachtfeld verließ, hat er noch gelebt.“

Der spanische General Alava war ein enger Freund Wellingtons. Obwohl er als Diplomat in Brüssel weilte, ritt er mit Wellington, um moralische Unterstützung zu geben. Dadurch wurde er der einzige alliierte Offizier, der die beiden großen Entscheidungsschlachten der britischen Kriegspartei in den Napoleonischen Kriegen, Trafalgar und Waterloo, überlebte.

Magdalene beschließt am nächsten Morgen, nach Brüssel zu fahren. Doch obwohl sie dem Kutscher ein Extra-Trinkgeld im Voraus bezahlt, ist auf der Straße kein Durchkommen. Zu ihrem Unglück trifft sie eine weiteren befreundeten Offizier, Mr. William Hay, der zu ihr sagt, ihre Bemühungen seien vergebens, ihr Ehemann tot.

Ob er dabei gewesen sei, als William starb, will Magdalene von Hay wissen.

Nein, weiter weg. Aber das ganze Stab des Herzogs sei dabei gewesen. Eine Kanonenkugel hätte Sir William direkt in die Brust getroffen. Er sei vom Pferd gefallen, die anderen seien zu ihm geeilt, aber man habe nichts mehr für ihn tun können. Er starb als Soldat.

Mr. Hay verspricht, Augenzeugen der Szene zu finden und zu Magdalene zu schicken, die wieder nach Antwerpen zurückkehrt. Dort schließt sie sich in ihrem Zimmer ein: „Ich verriegelte die äußere Tür und verschloss die innere, so dass niemand mehr bei mir eindringen konnte.“

Es müssen bittere Stunden gewesen sein, die sie allein verbrachte.

Am späten Abend klopft Emma.

„Oh, Emma, geh fort! Erzähle mir nicht auch noch irgend etwas, nicht jetzt und nicht später.“

„Nein, aber ich muss es Ihnen sagen, weil es gute Nachrichten sind: Sir William lebt.“

Der Überbringer der Nachricht ist General M’Kenzie. Er hat eine Brief von Sir George Scovell.

Am darauffolgenden Tag startet Magdalene den zweiten Anlauf, Brüssel und anschließend Waterloo zu erreichen. General M’Kenzie lässt ihrer Kutsche einen Dragoner vorausreiten und folgt selbst im Abstand von einer Stunde mit einigen Männern nach.

Es geht stockend voran, doch Magdalene kommt ihrem Ziel näher, wobei sie die Jalousien der Kutschenfenster geschlossen hält.

Zehn Meilen vor Brüssel stach der Geruch von Schießpulver in die Nase. Die Hitze drückte von oben herab. Nachdem wir bis auf eine Meile an die Stadt herangekommen waren, sagte mir Emma (die draußen auf dem Kutschbock saß – A.d.Ü), die Vielzahl der elenden, armselig ausschauenden Menschen nehme immer mehr zu. Ich hielt die Fenster weiter geschlossen.

Das war eine kluge Entscheidung. General M’Kenzie hatte Magdalene darauf vorbereitet, dass sie all ihren Mut und alle Kräfte brauchen werde, um es tatsächlich bis nach Waterloo zu schaffen.

In Brüssel wartete Mr. Hay mit frischen Pferden.

Wir waren bald wieder aus Brüssel heraus und auf dem Weg nach Waterloo. Das ist ein Weg von neun Meilen. Mr. Hay ritt vor uns mit gezogenem Schwert, damit man für uns Platz machte. Oft ging es 10 Minuten keinen Schritt vorwärts. Die Pferde schrien wegen des Gestanks der Verwesung, der vielerorts durchdringend war. Schließlich, als der Ort schon sehr nah war, sagte Mr. Hay, er würde vorausreiten, um herausfinden, ob die Weiterfahrt für mich angeraten sei. Ich hoffe, kein Mensch der Welt wird jemals sagen müssen, er könne verstehen, was ich fühlte, während ich eine halbe Stunde auf seine Rückkehr wartete. Wie inbrünstig und ernsthaft ich beschloss, ich würde nichts bereuen, wenn ich William nur noch einmal für eine einzige Stunde lebend sah. Ich hatte vor Angst und Anspannung beinahe meinen Verstand verloren, als Mr. Hay rief: „Alles in Ordnung. Ich war bei ihm. Er erwartet Sie.“

„Komm, Magdalene, das ist ein trauriges Geschäft hier, nicht wahr?“ Mit diesen Worten begrüßt William seine Frau.

Magdalene ist unfähig zu antworten.

Ich konnte nichts sagen, setzte mich neben ihn und hielt seine Hand. Das wurde meine Beschäftigung für die folgenden sechs Tage.

Er fragte mich, ob ich eine gute Krankenschwester wäre. Ich antwortete, ich hätte es noch nicht probiert.

Dann versprach er mir, ein guter Patient zu sein, der klaglos alles ertragen werde, was ich von ihm verlangte, bis er auf dem Weg der Besserung sein. Anschließend, dass wüsste er, würde er sich wütend erheben.

Ich wartete vergeblich auf ein wütendes Wort von ihm. All seine Anstrengungen schienen darauf gerichtete, einen freundlichen Eindruck in mir zu hinterlassen. Und als es ihm schlechter ging, er mehr litt, wurde sein Lächeln noch gewinnender und sein Dank für alles, was man ihm geben konnte, inständiger.

In dieser Zeit war Emma eine große Hilfe… Sie sagte mir, sie sei dankbar dafür, Waterloo gesehen zu haben, weil es ihr zeigte, was andere Menschen erdulden mussten. Zuvor habe sie allenfalls nur zur Hälfte verstanden, wie friedlich und bequem ihr Zuhause in London sei…

Ich kann nur schwer beschreiben, was ich im Anschluss an meine Rückkehr nach England empfand, wo ich Menschen sah, die im Überfluss ihres Luxus unglücklich wurden, sobald sie eine begehrte winzige Annehmlichkeit nicht bekamen. Ich kann mir keine bessere Heilmethode für alle diese eingebildeten Übel vorstellen, als eine Woche in Waterloo leben zu müssen.

Es gab nicht viel, was Magdalene für William tun konnte. Der britische Historiker Andrew Roberts kam in einer Untersuchung zu dem Schluss, es sei unmöglich zu sagen, ob Williams Verletzung mit den heute bekannten Methoden der Militärmedizin heilbar gewesen wäre. Geht man davon aus, dass schwere Innere Verletzungen der Lunge vorlagen, die ein Lungenödem und möglicherweise eine zusätzliche Lungenentzündung nach sich zogen, wie von den behandelnden Feldchirurgen und Magdalene beschrieben, wäre es auch zweihundert Jahre später kein einfacher Fall gewesen.

Die Feldscher des Napoleonischen Zeitalters versuchten, bei William mit Aderlässen und Blutegeln aufkommendes Fieber zu unterdrücken. Als ihm das Atmen zunehmend schwerer fiel, wandten sie „Blister“ an. Wahrscheinlich meinte das entzündungsanregenden, blasenbildende Salben wie sie noch heute in der Tiermedizin benutzt werden.

Es gab einen Tag, da schien es William besser zu gehen. Er konnte frei atmen, die Schmerzen in seiner Brust waren verschwunden.

In der Nacht zuvor hatte Magdalene geklagt: „Mein Mund war so ausgedörrt. Beim Berühren fühlte er sich an wie mein Handrücken. Ich dachte, ich würde zuerst sterben.“

Wie ernst es um William steht, ist beiden bewusst. Trotzdem reden sie lieber über Alltägliches, nutzen jede Minute, um zusammen sein.

In der Phase kurzzeitiger Besserung fragt Magdalene, ob etwas gäbe, das Williams Herz belaste.

Er antwortet, es gäbe nichts, was er ihr nicht gleich nach ihrer Ankunft gesagt hätte. Er sei im Reinen mit sich und der Welt. Wenn er denn gehen müsse, dann in eine bessere Welt, und er bereue lediglich, Magdalene in ihrem Schmerz zurücklassen zu müssen. Sie unglücklich zu machen, schmerze ihn am meisten.

Unmittelbar vor Magdalenes Ankunft hatte der Herzog von Wellington William besucht. Beide Offiziere kannten sich lange, hatten bereits in den 1790er Jahren in Indien gemeinsam gekämpft. William sagte zu Magdalene, er habe Wellington noch nie so warmherzig in seinen Gefühlen erlebt. Auch hatte Wellington William wissen lassen, er wünsche nie wieder eine Schlacht zu sehen, weil Waterloo für ihn so schockierend gewesen sei.

Dieses Detail in Magdalene De Lanceys Bericht bestätigt, dass Wellingtons berühmt gewordener Spruch: „Nichts, ausgenommen eine verlorene Schlacht, ist so traurig wie eine gewonnene“ sich tatsächlich auf die Gesamtheit der Ereignisse und nicht, wie unter anderem sein Biograf Richard Holmes meint, nur auf das Plündern der Gefallenen durch die Überlebenden bezieht.

Auch William äußert sich Magdalene gegenüber ähnlich:

Über seine Verwundung sagte er, das sei die allerglücklichste Fügung, die uns widerfahren konnte. Ich schaute ihn an und wartete auf eine Erklärung.

„Selbst wenn ich vollständig genesen sollte“, sagte er, „käme es mir nicht in den Sinn, noch einmal zu dienen. Niemand dürfte es wagen, mich je wieder danach zu fragen. Wir sollten ruhig und friedlich den Rest unseres Lebens zuhause verbringen.“

Die letzte Nacht seines Lebens war unruhig. Gegen elf Uhr abends rief William Magdalene zu sich. Sie versuchte, ihn auf verschiedene Weise zu betten, aber es brachte keinerlei Linderung.

Aus Brüssel hatte Magdalene Lavendelduftwasser kommen lassen, um dem Zimmer eine angenehmere Atmosphäre zu geben. Es stand in Reichweite.

Eine kurze Abwesenheit Magdalenes nutze William, um seinen Diener die Position des Bettes verändern zu lassen. Er selbst war zu diesem Zweck aufgestanden. Magdalene war außer sich, als sie es erfuhr. Es hatte ihn angestrengt. Wenigstens konnten jetzt alle Fenster geöffnet werden, um frische Luft ins Zimmer zu lassen.

Das beruhigte William. Er wünschte, dass Magdalene eine Weile neben ihm läge. Weil dafür der Platz nicht reichte, legte sie sich, auf einem Stuhl sitzend, quer über ihn. So schliefen sie fünf Stunden lang, einander umarmend, zwei Menschen aufs Innigste verbunden.

Am Morgen schickte man nach den Ärzten. William wünschte einen neuen Verband für die Wunde. Bisher hatte sie ihm nie äußerliche Schmerzen bereitet. Jetzt fühlte er ein Sticheln.

Die Ärzte kamen gegen drei Uhr nachmittags.

William ging es schlechter. Er hatte Schmerzen in der Brust. Sein Atem ging röchelnd.

Während die Wunde verbunden wurde, verließ Magdalene den Raum. Sie konnte William nicht leiden sehen.

Während des Verbandwechsels bemerkte Mr. Powell, einer der beiden Feldchirurgen, eine Veränderung in Williams Gesichtsausdruck. Sofort wies er Emma an, Magdalene zu holen.

Ich stand neben meinem Ehemann. Er schaute zu mir auf und sagte: „Magdalene, Liebste, das Duftwasser…“

Ich beugte mich zu ihm hinunter, um ihm an dem Fläschchen Lavendel riechen zu lassen. Ich verteilte auch schnell einige Spritzer in seiner unmittelbaren Umgebung. Er schaute zufrieden aus. Dann schluckte er, als ob etwas in seiner Kehle steckte.

Als nächstes hörte ich den Arzt sagen: „Ach, der arme De Lancey! Er ist heimgegangen.“

Ich presste meine Lippen auf seine und verließ den Raum.

Später, als ihre Kutsche für die Rückfahrt nach Brüssel draußen bereit steht, fragt Magdalene Emma, ob die Ärzte und Diener das Sterbezimmer tatsächlich verlassen hätten. Als Emma bejahrt, begibt sie sich noch einmal zu William.

Ein Ausdruck perfekten Friedens und süßer, ruhiger Gelassenheit lag in seinen Zügen, was ich ihm kein Stück neidete. Er war erlöst. Ich blieb, um zu leiden. Dann dachte ich mir, ich sollte vielleicht nicht zu lange leiden …

 

Magdalene starb 1822, sieben Jahre nach William, im Alter von 28 Jahren, nach der Geburt ihres dritten Kindes.

Nachtrag

Es gab keine Trauerfeier für William De Lancey. Er wurde auf dem Evere-Friedhof bei Brüssel bestattet. Magdalene blieb in Brüssel, bis ein Grabstein für William aufgestellt war: „Es gab, als ich dahin kam, mehr als vierzig neue Gräber. Williams Grab hatte als einziges einen Stein.“

Magdalene verließ die Niederlande (heute: Belgien) am 04. August 1815. Drei Monate zuvor hatte die Hochzeit stattgefunden. Ihre Schwester Susan heiratet einige Zeit später den Generalmajor Sir Hudson Lowe. Lowe wurde zum Gouverneur der Insel St.Helena ernannt und damit de facto Napoleons „Kerkermeister“.

Die Gunst verwandtschaftlicher Beziehungen nutzend legte Magdalenes Bruder Basil auf einer seiner Reisen im Hafen der Insel an und bat Napoleon um ein Interview.

In diesem Interview erinnerte sich Napoleon lebhaft an den ersten „Engländer“, den er in seinem Leben getroffen hatte. Er war damals Kadett der Militärakademie in Brienne gewesen, sein Mitschüler der schottische Adelige James Hall of Dunglass, Vater von Magdalene, Susan und Basil Hall.

Basil Halls Tochter Eliza heiratete am 19. Juni 1845, 30 Jahre und einen Tag nach der Schlacht von Waterloo, den englischen Admiral Chamberlain. Auch Eliza starb früh, 1856, gebar aber drei Söhne. Einer davon war Houston Stewart Chamberlain. Er heiratete Eva Wagner, eine Tochter des deutschen Komponisten Richard Wagner. Unter dem Einfluss seiner späteren Schwiegermutter Cosima Wagner, Tochter von Franz Liszt und Marie d’Agoult, hatte er sich schon vorher mit der Rassenlehre Gobinaus beschäftigt. Darauf aufbauend schrieb er sein Hauptwerk „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, das ein wichtiger Grundstock der nationalsozialistischen Ideologie wurde.

Die Familiengeschichte der Halls zeigt, wie eng jene sozialen Schichten, die wir heute wahrscheinlich „Eliten“ nennen würden, im 19. Jahrhundert miteinander bekannt, sogar verbunden waren.Trotzdem waren sie bereit, sich bei jedem als notwendig erachteten Anlass auf dem Schlachtfeld gegenüber zu treten und, wenn es sich so ergab, einander zu töten.