Das Haus – eine wahre Geschichte

Einige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer klingelte unser Telefon. Das heißt, es war das Telefon in der Wohnung meiner zukünftigen Schwiegereltern, wo ich mit meiner damaligen Freundin wohnte.

Am anderen Ende der Leitung war Tante Ida aus West-Berlin. Wir sollten sie unbedingt besuchen kommen, jetzt wo die Mauer weg sei.

Meine Freundin war sofort begeistert, ich etwas verhalten.

Meine Verhaltenheit kam daher, dass ich ein angeborenes Misstrauen gegen große Begeisterungswellen habe, mit denen Menschenmengen, die sich selbst als Mehrheit empfinden, Erfolge feiern, zu deren Erreichen sie selbst wenig beigetragen haben. Zum Beispiel bei Fußballweltmeisterschaften.

Gegen die Begeisterung meiner Freundin war das freilich kein stichhaltiges Argument. Also fuhren wir am darauffolgenden Wochenende zu Tante Ida in den Westen, was allerdings eine Frage des Blickwinkels war. Denn Tante Ida wohnte in Ost-Staaken, das zu West-Berlin gehörte. Aus der Sicht ihrer Schulfreundin, die in West-Staaken und damit in der DDR wohnte, wohnte sie geographisch im Osten, nur politisch im Westen.

Die Ortschaft Staaken war durch die Grenze geteilt wurden, weil ein Bach sie durchquerte, der benutzt worden war, um den Grenzverlauf zwischen dem britischen Sektor Berlins und der sowjetischen Besatzungszone zu definieren. Das Haus von Tante Ida befand sich so dicht am Bach, dass es unter permanenter Beobachtung der DDR-Grenztruppen stand, die vom nahe gelegenen Wachturm das gesamte Grundstück einsehen konnten.

Da man im politischen Westen nichts von der Schusswaffengebrauchsordnung der DDR-Grenzer wußte, die Schüsse an der Grenze in Richtung Grenze untersagte, war es ein schöner Nebeneffekt, das alle Einbrecher, Spitzbuben und sogar streunende Hunde einen weiten Bogen um Tante Idas Grundstück machten. Weil das so war, fühlte sich Tante Ida auf ihrem Grundstück am Ende doch rundum sicher. Oder, wie noch heute mancher im ehemaligen politischen Osten gern sagt: „Es war ja nicht alles schlecht.“

Tante Ida war kein politischer Mensch, sie war warmherzig. Sie freute sich, dass es bald wieder eine Brücke über den Bach geben würde, über die sie ohne Passkontrolle zu ihrer Schulfreundin auf der anderen Seite gehen konnte. Und sie freute sich auch, uns in ihren Haus willkommen heißen zu können. Das waren die ersten Worte, die ich von ihr hörte: „Herzlich Willkommen!“

Natürlich zeigte sie uns das Haus, für das sie und ihr Mann Hans in wenigen Monaten die letzte Rate bezahlt haben würden. Es war eine kleines Haus in Bungalowbauweise, im oberen Stockwerk der Wohnbereich mit Küche, Wohnzimmer und einem Zimmer für Cousine Bibi, die schon ausgezogen war. Im darunter liegenden Keller befanden sich mehrere Hauswirtschafts- und Hobbyräume. Draußen war der weitläufige Garten, in dem ein weiteres kleines Häuschen stand, beinahe ein Hexenhäuschen. Dort wohnte Idas Oma.

„Ohne Oma, der das Grundstück gehört hat, hätten wir das alles hier gar nicht aufbauen können“, sagte Tante Ida, die als Kassiererin in einem Supermarkt arbeitete. Hans war Busfahrer bei der BVG. Dreißig Jahre lang hatte sich Hans‘ und Idas Leben auf drei Punkte fokussiert, die alle miteinander verbunden waren: Bibi, Oma und das Haus. Wenn Ida im Fernsehen Menschen aus der DDR sah, die von den ungeahnten Möglichkeiten der neu gewonnenen Reisefreiheit schwärmten, konnte sie nur den Kopf schütteln: „Wir sind in den letzten dreißig Jahren nur ein einziges Mal in den Urlaub gefahren, nach Lanzarote. Das war traumhaft.“ Ihre Augen begannen zu leuchten: „Das Meer, die schwarzen Strände, der Himmel, die Sonne, hohe Berge. Ach …!“

Zwei Jahre nach unserem ersten Besuch starb Idas Oma. Sie hatte ein Alter von 101 Jahren erreicht, und Ida hatte sie bis zum letzten Tag gepflegt.

Anschließend waren viele Dinge zu ordnen. Den größten Teil der Erbschaft verwendeten Ida und Hans, um Bibi und ihrem Freund André den Kauf einer Eigentumswohnung in bester Citylage zu ermöglichen. Bibi stand damals kurz vor ihrer Zulassung als Steuerberaterin.

Ich erinnere mich an unser erstes Treffen mit ihr. Sie war ohne ihre Eltern zu uns in den Osten gekommen. Äußerlich unterschied sich ihr Outfit von dem meiner Freundin nur durch die Cowboystiefel, die sie zur Jeans trug. Mir fiel allerdings auf, dass Bibi im Vergleich zu uns anders „tickte“. Obwohl ich sie mochte, empfand ich ihre Zielstrebigkeit, die sich bis zur Verbissenheit steigern konnte, als unangenehmen Beigeschmack.

Sechs Monate nach Omas Tod wurde bei Tante Ida Krebs diagnostiziert. Der Tumor hatte sich zwischen Wirbelsäule und rechter Niere eingenistet. Er war kaum operabel. Man versuchte es trotzdem.

Sie lag lange im Krankenhaus. Wir besuchten sie dort.

Bibi rannte die ganze Zeit durch die Gänge und versuchte, Ärzte zu finden, die mehr sagen, mehr tun könnten als schon gesagt und getan worden war. Am Ende war sie völlig aufgelöst und Marie, meine Schwiegermutter, nahm sie in den Arm. Bibi heulte hemmungslos.

Der Tag dieses Besuchs im Krankenhaus war das letzte Mal, dass ich Ida sah. Als sie mich fragte, wie es gehe, erzählte ich ihr vom Studium. Mir fehlte noch ein Semester und die Diplomarbeit zum Abschluss. Danach, sagte ich, sei es wichtig, einen vernünftigen Job zu finden.

An diesem Punkt wurde Ida hellhörig. Sie setzte sich im Bett auf soweit sie konnte und schaute mich eindringlich an: „Ralf, arbeite bloß nicht so viel!“

Ich nickte. Es brauchte keine weiteren Worte. Ich hatte verstanden, was sie mir sagen wollte.

Zwei oder drei Wochen später ist Tante Ida gestorben.

Hans, der sportlich aktiv war und regelmäßig Tennis spielte, hatte in seinem Verein wohl schon vor Idas Tod Uta kennengelernt, eine lebenslustige und für ihr Alter gut aussehende Frau, allerdings nicht ohne Ansprüche.

Einmal noch saßen wir in Idas Garten zusammen beim Grillen mit Uta und Hans und Utas Sohn. Bibi fehlte. Sie konnte Uta nicht ausstehen und machte ihrem Vater Vorwürfe, Ida betrogen und im Stich gelassen zu haben.

Als Hans Uta heiratete ohne in einem Ehevertrag die Besitzverhältnisse zu Bibis Gunsten geregelt zu haben, kam es zum Bruch zwischen Vater und Tochter. Auch Marie, die anfangs noch zu vermitteln versucht hatte, konnte daran nichts ändern.

Auch ich ging andere Wege.

Einundzwanzig Jahre später klingelte abermals das Telefon, diesmal in meiner Wohnung. Es war Marie. Obwohl ich seit Jahren von ihrer Tochter geschieden war, rief sie ein oder zwei Mal im Jahr an. Nicht zuletzt, weil ich geduldig zuhörte und oft Rat wußte, wenn sie sich in der Zwickmühle einer Entscheidung befand.

Wie immer, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte, kam Marie ohne Umschweife zur Sache: „Ach, Ralfi, gestern habe ich bei Bibi angerufen. Ich hatte ja schon zwei Jahren lang nichts mehr von ihr gehört.“ Sie seufzte. „André ging ran. Wir haben kurz gequatscht, da klang er schon etwas komisch. Dann fragte ich: ‚Kann ich denn Bibi sprechen?‘, und plötzlich wurde er still. Ich dachte schon, die Verbindung sei abgebrochen, da sagte er: ‚Tante Marie, um mit Bibi zu sprechen, rufst du ein Jahr zu spät an. Ich wohne allein hier mit unseren beiden Töchtern. Bibi ist vergangenes Jahr am Pfingstsonntag gestorben. Der Krebs …'“

Ich erinnerte mich, dass kurz nach Idas Tod auch bei Bibi Krebs im linken Auge diagnostiziert worden war. Sie war damals operiert worden, aber nach zwanzig Jahren kam der Tumor zurück, um zu vollenden, was er begonnen hatte.

„Und Hans?“, fragte ich.

„André sagt, er sei zu ihm gefahren, aber er habe gar nicht verstanden, worum es ging. Hans und Uta leben beide im Pflegeheim. Beide haben schwere Demenz. Hans hat vergessen, dass er eine Tochter hat und Enkelkinder.“

„Und das Haus?“

„Vor Jahren verkauft, bevor sie ins Heim gezogen sind. Das Konto mit dem Verkaufserlös verwaltet ein Treuhänder. Er bezahlt davon die Kosten der Pflege. André glaubt nicht, dass von dem Geld am Ende noch etwas übrig bleibt. Es ist, als hätte alles nie existiert.“