Club der Tigerinnen

„Tom ist ein Arschloch.“

Wie immer, wenn Beatrice sich aufregte, kräuselten sich Wellen des Zorns auf ihrer Stirn.

Jenny warf ihr einen Blick zu, der versuchte, anhand des Verwerfungsgrades der Wellen die Ernsthaftigkeit der Empörung abzuschätzen. Bea tendierte dazu, sich schnell zu echauffieren, das war ihrer Art.

„Was genau hat er denn gemacht, um sich als Arschloch zu qualifizieren?“

Wort für Wort schob Jenny die Frage über den Tisch und ließ dabei Beas Zornesfalten nicht aus den Augen.

„Was genau?“ Bea riß die Augen auf. Im Bruchteil einer Sekunde war ihre Stirn wieder glatt.

„Erst meldet er sich nicht mehr. Und jetzt, nach Wochen, taucht er plötzlich im Chat auf und fragt, wie es mir geht.“

„Wie oft habt ihr euch getroffen, seit du aus Lima zurück bist?“

„Naja“, druckste Bea herum. „An sich nur zwei Mal.“

„Wobei ihr zuallererst gemeinsam bei diesem Rockkonzert wart, richtig?“

„Das stimmt.“ Beas Lippen wurden schmal. Sie war verdrießlich. Und sie war klug genug, die Schlussfolgerung aus den vorliegenden Fakten selbst zu ziehen.

„Ein klarer Fall von Er steht einfach nicht auf dich„, posaunte Jenny heraus.

Beas Stirn legte sich wieder in Falten: „Aber warum?“

„Weil die Realität am Ende nicht dem entsprach, was er sich in euren endlosen Chats vorgestellt hat.“

„Aber er kennt mich seit …“ – sie dachte kurz nach – „siebzehn, nein, achtzehn Jahren. Wir haben uns schon hunderte Male vorher gesehen. Und so sehr habe ich mich in den drei Jahren Lima doch nicht verändert.“

„Nein“, bestätigte Jenny, fügte im Stillen jedoch hinzu: Du hast dich nicht in Lima verändert, sondern seit du begonnen hast, dich vegan zu ernähren. Früher hattest du einen perfekt proportionierten Körper und einen Po zum Reinbeißen, um den ich dich immer beneidet habe. Du hattest es leicht, die Männer auf dich aufmerksam zu machen. Heute ist das anders. Zwar bist du immer noch gut in Form, weil du viel Sport machst. Aber deiner Haut fehlt die Spannung. Obwohl du innerlich angespannt bist, wirst du äußerlich immer schlaffer.

„Aber das letzte Mal“, sagte Jenny laut“, habt ihr euch nicht gesehen, bevor du nach Lima gegangen bist. Das ist länger her, stimmt’s?“

Beatrice rollte die Augen. „Ja, es war auf dem Klassentreffen.“

„Vor wie vielen Jahren?“

Sie zuckte hilflos die Schultern: „Vielleicht zehn.“

„Schätzelein, da warst du gut in den Dreißigern unterwegs.“

„Ja, und?“

„Jetzt bist du Ende Vierzig. Das ist ein Unterschied.“

Beatrice schluckte.

„Möglicherweise sollten Lehrer ganz einfach nicht mit ehemaligen Schülern anbandeln“, stellte Jennifer fest. „Oder was meinst du, Bine?“

Sabine, die rechts neben Jenny saß, schreckte hoch.

„Kannst du nicht mal in unserer Runde damit aufhören, auf deinem Smartphone rumzudaddeln? Wem schreibst du denn andauernd?“

„Nico weiß nicht, was er sich zu Essen machen soll. Dabei habe ich alles vorbereitet und in den Kühlschrank gestellt.“

„Och, der kleine Nico“, rief Jenny pathetisch.

„Wie alt ist er denn jetzt?“, fragte Bea mit einem Tonfall, der verriet, sie wollte ihre Vermutung lediglich bestätigt wissen.

„Achtzehn.“

„So süß“, flötete Jenny.

„Und saftig“, setzte Sabine mit spitzer Zunge nach. Sie wusste, Jenny war nie allzu wählerisch gewesen, was die Wahl ihrer Männer betraf. Solange das Abenteuer einen – wenn auch nur kurzen – Rausch der Sinne versprach, war es für Jenny das Risiko wert.

„Und wo ist dein Ehegatte? Könnte der nicht bei der Suche im Kühlschrank behilflich sein?“, spöttelte Beatrice.

Sabine sah kurz auf ihre Armbanduhr, ehe sie antwortete: „Ich schätze, er liegt oben im Bett und spielt Candy Crush. Oder er hat doch schon mehr als fünf Flaschen Bier intus und schnarcht.“

„Das ist doch nicht sein Limit“, lästerte Jenny.

„Nein. Acht bis zehn halbe Liter pro Tag schafft er, ohne sich anzustrengen.“

„Dabei war er mal ein geniales Talent.“

„Ja, Jenny. Aber das ist lange her. Als ich ihn kennenlernte, hatte er schon den größten Teil seines Talents versoffen. Ich habe es leider zu spät bemerkt.“

„Wann genau hast du ihn denn kennengelernt?“, fragte Bea. Diesmal wusste sie es tatsächlich nicht.

„Das war kurz nach Nicos erstem Geburtstag.“

„Und Nicos Vater?“

„Hhhhm!“ Sabine zuckte die Schultern. „Das hat nicht funktioniert. Mit dem kannst du nichts aufbauen. Sobald Geld auf dem Konto ist, wird es verjubelt, um Spaß zu haben.“

„Kein schlechtes Konzept“, bemerkte Jenny, deren Ersparnisse gleichfalls bescheiden waren.

„Bist du dir eigentlich sicher, dass in deiner Chatchronik der letzten Stunde nicht auch ein gewisser Wolf auftaucht?“ Bea ließ ihre Zunge schnell über den mittleren Teil von Ober- und Unterlippe gleiten. Es gefiel ihr, diese Frage stellen zu können und Bines Reaktion darauf zu beobachten.

Sabine setzte ihr schönstes Lächeln auf: „Klar doch!“

„Wie lange geht das jetzt mit euch schon? Zwei …“

„Nein, drei Jahre“, korrigierte Sabine.

„Und er macht das mit?“

„Ja.“

„Dabei muss er sich doch wie das fünfte Rad am Wagen fühlen.“

„Manchmal“, sagte Sabine, „beschwert er sich, dass es so ist. Aber wenn wir anschließend darüber reden, finden wir heraus, dass alles so seine Vor- und Nachteile hat.“

„Die da wären?“

Sabine musterte Bea. Sie wusste, was sie sagen wollte, legte aber Wert darauf, es sorgfältig zu formulieren. Im Gegensatz zu Bea sprudelten bei ihr die Gedanken nicht aus dem Mund. Doch war diese Eigenschaft Beas aus Sabines Sicht kein Manko, im Gegenteil. Von Bea waren keine Intrigen zu fürchten, was sie von vielen anderen Menschen unterschied, mit denen Sabine beruflich oder familiär verbunden war.

„Also was?“, hakte Beatrice nach.

„Wir haben keinen Alltag, an dem sich unsere Beziehung abnutzt.“

„Ihr seid aber auch nicht richtig zusammen. Glaubst du, das gefällt ihm?“

„Nein. Ich weiß, dass ihm die Zeit, die wir füreinander haben, nicht reicht. Aber“, sie hob den Zeigefinger der rechten Hand einige Zentimeter von der Tischplatte ab, „wenn ich erzähle, wie Nico seinen Dreck im ganzen Haus verteilt und Netty mich morgens vollzickt, weil sie sich einbildet, zu spät zur Schule zu kommen, wenn ich nicht sofort losfahre – ganz zu schweigen davon, was meine Mutter alles so ablässt … Na, da ist er dann doch froh, das alles nicht aushalten zu müssen. Mein Wolf soll dichten und schreiben anstatt sich mit solchem Alltagskram zu befassen.“

„Ich denke, du setzt dich schön in die Mitte und pickst dir aus allen Kuchen um dich herum die Rosinen raus“, bemerkte Jenny mit feinem Spott in der Stimme, der ihrem Angriff die Schärfe nahm.

„Ich habe aber auch viele bittere Pillen zu schlucken“, beklagte sich Bine.

„Warum trennst du dich dann nicht endlich?“ Für Bea war das die naheliegendste Lösung.

„Wenn ich mich von Andreas trenne, könnte er mir das Leben zur Hölle machen. Als mein Künstlerischer Leiter kann er mir beruflich fast alles vermasseln.“

„Und sonst?“

„Die Kinder gehören natürlich zu mir, das steht fest. Und wenn ich mich mit Netty nicht hinsetze, hätte sie mit ihrer Lese-/Rechtschreibschwäche in der Schule keine Chance.“

„Ihr habt doch aber schon mal alle zusammen gewohnt.“

„Ja, nachdem ich bei Andreas ausgezogen war. Aber den Kindern hat das nicht gutgetan. Nico war ständig irgendwo unterwegs, und Netty fehlte ihre gewohnte Umgebung, das Haus und der Garten.“

„Dir auch?“

„Ja, mir auch.“

„Dann reich doch die Scheidung ein und klage auf Eigenbedarf. Mit den Kindern bei dir kriegst du das durch, und dein Wolf verdient genug Kohle. Damit könnt ihr Andreas auszahlen.“

„Dabei vergisst du allerdings, dass mein Wolf auch noch ein Kind hat, mein Haus aber nur zwei Kinderzimmer. Wir haben diese riesige Wohnküche im Erdgeschoss …“

„Und da könnt ihr nicht eine Wand einziehen, um ein Zimmer abzuteilen?“

„Doch, aber das hätte dann keine Fenster oder müsste der gesamte Wohnbereich sein.“

„Anbauen?“

„Dürfen wir nicht. Gesetzliche Auflagen.“

„Oh Gott!“

„Vergesst es einfach.“ Sabine schüttelte den Kopf. „Wir haben das alles schon selbst in den letzten zwei Jahren durchgespielt. Es gibt keine Lösung. Es sei denn, wir gewinnen im Lotto und bauen etwas ganz Neues von Grund auf, das allen Ansprüchen gerecht wird.“

Es gibt keine Lösung, weil keiner von euch, alle Kinder mit eingeschlossen, seine Ansprüche auf ein Niveau zurückschrauben will, das einen gemeinsamen Nenner zu finden ermöglicht. So dachte Jennifer, verspürte aber keinerlei Drang, es auszusprechen. Es mochte stimmen, war aber möglicherweise nur ein weiterer Aspekt unter vielen, die es zu bedenken galt. Und überhaupt waren Freundschaften nicht dazu da, auf einander herumzuhacken.

„Was meint ihr, ob Jola noch kommt?“, fragte Beatrice. „Ich hab‘ Hunger …“

Vegan-bedingte Unterzuckerung, dachte Jenny.

„Bestimmt kommt sie“, antwortete Sabine. „Wir können trotzdem schon bestellen.“

Das ließ sich Bea nicht zweimal sagen.

Die Bedienung nahm es gelassen, als sie sich nach der genauen Liste der Zutaten für ihr Gericht erkundigte.

Als sich Jenny ein Steak bestellte, „blutig, aber nicht roh“, biss sich Bea fest auf die Unterlippe.

Sabine bestellte Salat mit gegrillter Hähnchenbrust. Sie schwörte auf Low Carb, um die Figur zu halten.

„Ich muss mal wohin“, sagte sie, nachdem die Bestellung abgeschlossen war und stand vom Tisch auf.

Bea und Jenny sahen ihr hinterher. Dabei hätte Jennifer, die nach den beiden anderen angekommen war, beinahe durch die Zähne gepfiffen: „Was ist denn das für ein scharfes Outfit!“

„Das macht der Wolf“, sagte Bea. „Lederleggings und Overkneestiefel mit hohen Absätzen, da steht der drauf.“

„Bei Jola hat sich das aber nicht so ausgewirkt.“

„Deshalb hat es mir ihr und dem Wolf vielleicht auch nicht funktioniert. Ich glaube, Jola ist ein wenig prüde, was die Vielfalt der Möglichkeiten betrifft, das Lustempfinden zu steigern.“

„Kann ich mir gar nicht vorstellen. Jola macht doch im Sommer auf FKK.“

„Klar. Und mit wem geht sie dahin? Mit ihren Eltern.“

Bea blieb der Mund offen stehen.

„Tja“, fuhr Jenny fort, „so ist es. Jola ist zwar die Jüngste von uns, aber in ihrem Alter hatten Bine und du schon …“

Ihr Redefluss stockte. Es gab Worte, die Jennifer lieber nicht hören wollte, die anderen wussten das. Jetzt aber war es an Jenny selbst, ein solches Wort auszusprechen oder auch nicht. Sie schluckte und beendete den angefangenen Satz: „Kinder.“

Bea sagte nichts, beobachtete Jenny nur aufmerksam.

Jennifer hatte keine Kinder und konnte auch keine mehr bekommen.

Beatrice verlor kein weiteres Wort über dieses Thema. Stattdessen legte sie ihr Smartphone in die Mitte des Tisches und zeigte Jenny Mitschnitte der Proben zu einem Theaterstück, bei dem ihre Tochter Regie führte.

Einige Zeit später, Sabine war immer noch nicht zurück, kam das Essen.

Jenny und Bea einigten sich darauf, nicht lange zu warten.

Als Jenny mit dem Messer in das Steak auf ihrem Teller hineinschnitt und blutiger Saft aus den Poren des Fleisches quoll, hielt Bea im Kauen inne.

Während sie die Salatblätter in ihrem Mund mit Mühe hinunterschluckte, erstaunte sie der Ausdruck vollkommenen Essgenusses in Jennys Gesicht.

„Bist du dir sicher, dass so etwas“, sie meinte das blutige Steak, „tatsächlich gesund ist für dich?“

Jenny ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, kaute zu Ende und trank einen Schluck Rotwein nach.

„Schätzelein“, erklärte sie anschließend, „die Art von Krebs, die ich hatte, kommt nicht von falscher Ernährung, die kommt vom Sex mit dem falschen Mann.“

Wieder einmal riss Bea die Augen auf, entsetzt über Jennys Offenheit.

„Aber die Tiere …“, wollte sie zu bedenken geben.

Jenny wischte den Einwand mit einer Handbewegung beiseite: „Das hier ist südamerikanisches Rindfleisch von Rindern, die auf der Weide stehen und Gras fressen. Vierzig Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Erde sind Grünland. Willst du das mit dem Rasenmäher bearbeiten?“

„Kann es nicht einfach nur wachsen?“

„Nee, kann es nicht. Das Gras muss gefressen werden oder gemäht, das löst einen Wachstumsschub aus. Vor allem die Wurzeln dringen dann tiefer ins Erdreich vor und in Symbiose mit den Mikroben, die dort leben, binden sie CO2. Das wirkt dem Treibhauseffekt langfristig entgegen. Und Mais“, sagte Jenny, deutete dabei auf die gelben Körnchen in Beas Salat, „ist eine bis zu vier Meter hohe Pflanze, deren allergrößter Teil für den Menschen nicht essbar ist. Was machst du damit nach Ernte der Samen, wegwerfen oder verbrennen?“

Genüsslich betrachtete Jenny die sprachlose Bea, schnitt anschließend ein weiteres saftiges Stück Rinderfilet ab und steckte es in den Mund.

In diesem Moment kam Sabine zurück, Jola im Schlepptau.

„Da bist du ja endlich“, rief Jenny mit vollem Mund. Sie sprang auf, schluckte und musterte Jola: „Na, wie isses …?“

„Alles chic“, erwiderte Jola in ihrer etwas distinguierten Art. „Ich war noch mit Stephan shoppen. Das hat etwas länger gedauert …“

„Stephan?“, fragte Bea nach. Es war das erste Mal, dass sie diesen Vornamen aus Jolas Mund hörte. Und im Gegensatz zu Jenny suchte sich Jola ihre Männer mit viel Bedacht aus.

„Ja!“ Sie sprach das „a“ betont kurz und griente im Anschluss: Eine Katze, die heimlich von der besten Sahne der Köchin genascht hat.

„Erzähl!“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen.“ Für Jola waren Beziehungskisten Privatsache. Sie sprach nicht gern darüber, vielleicht mit ihrer Mutter. Das war eine andere Sache.

„Aber wie hast du ihn kennengelernt?“

„Bei einem Projekt.“

„Auf Arbeit?“

„Nicht da, wo ich jetzt arbeite.“ Jola wand sich. Diese Fragen waren ihr unangenehm.

„Stephan Barsch“, kam es unerwartet von Jenny. „Geschäftsführer von SOLIVENT Enterprises, verheiratet, drei Kinder.“

Jola erstarrte. „Woher …?“

„Schätzelein, ich schau mir doch an, für welche Vorstände du arbeitest. Dreimal gegoogelt und das Netz spuckt von jedem die Kurzvita aus.“

Jola wusste noch immer nicht, was sie sagen sollte.

Jenny kam ihr zu Hilfe: „Ist doch okay, wenn dir Stephan gefällt und du ihm. Du musst dich dafür nicht rechtfertigen.“

Jola schaute zu Jennifer. Dann wanderte ihr Blick zu Bea und Bine. Beide hatten zwei Kinder und einen Ehemann, dessen Unzulänglichkeiten sie mit einem zusätzlichen Partner zu kompensieren versuchten. Möglicherweise spielte sie, Jola, in Stephans Leben eine ähnliche Rolle. Der Gedanke, es könnte so sein, war allerdings weniger unangenehm als die Vorstellung, mit Kindern und Wohneigentum an eine Beziehung gebunden zu sein, die allen anderen substantiellen Gehalt schon vor Jahren verloren hatte.

„Stephan ist toll“, sagte Jola selbstbewusst in die Runde. „Alles andere ist meine Sache.“