Vom Krieg in Bosnien – Der Roman „Die Bauchtänzerin “ von Safeta Obhodjas

„Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Dieser Satz aus Carl von Clausewitz‘ Denkschrift „Vom Kriege“ hat Eingang in unsere Alltagssprache gefunden und wird oft zitiert. Meist ist damit die Absicht verbunden, die Schuld an Kriegen ausschließlich den politisch Mächtigen zuzuweisen, deren Handlungen, so legt es diese Interpretation nahe, Leid und Elend über unschuldige Völker bringe.

Jedoch schreibt Clausewitz auch: „Die Leidenschaften, welche im Kriege entbrennen sollen, müssen schon in den Völkern vorhanden sein.“

Er lässt dabei offen, wie diese Leidenschaften entstehen und bleibt nicht der einzige, der dieser Frage aus dem Weg geht.

Hass und Feindlichkeit sind für Clausewitz „blinder Naturtrieb“. Auch Kunst und Literatur tendieren dazu, sich eher mit den Auswirkungen des Krieges zu beschäftigen.

Ein Buch, dessen Handlung einen völlig anderen Ansatz wählt und damit wie kaum ein anderes die Themen der aktuellen Tagespolitik reflektiert, ist Safeta Obhodjas‘ Roman „Die Bauchtänzerin“.

Der Kern der Handlung spielt von den 1980er Jahren bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges in Bosnien-Herzegowina im Jahr 1992. Ort ist eine fiktive Stadt, genannt die Čaršija. Von dort ist es nicht weit bis ins benachbarte Kroatien.

Die Fotografin Sandra und die etwa gleichaltrige Vildana sind die beiden Protagonistinnen. Beide Mädchen – zum Ende der Geschichte junge Frauen – kennen einander seit Kindertagen, weil ihre Väter befreundet sind. Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten. Denn während Vildana so etwas wie der Star ihrer Altersklasse ist, eine ehrgeizige Trendsetterin mit ausgeprägten Ambitionen, gefällt sich Sandra in der Rolle der stillen Beobachterin, die das Wesen der Dinge zu erfassen und mit der Kamera einzufangen versucht. Sie erinnert dabei an den Julius aus Teju Coles Roman „Open City“, der ebenfalls gern mit der Kamera unterwegs Ist. Nur fotografiert Julius Vögel. Sandras Lieblingsmotiv sind Menschen, die Bewohner der Čaršija.

Vildana ist keine Einzelgängerin wie Sandra. Ihre Freunde bilden eine Clique. Sie selbst ist die Anführerin und „… alles, was sie umgab, war etwas Besonderes, und jeder, der mit ihr verkehrte, musste das zur Kenntnis nehmen.“

Aus dieser Gruppe von Jugendlicher heraus formt Vildana mit ihren besten Freundinnen Melita (katholisches Elternhaus) und Jelena (serbisch-orthodoxes Elternhaus) eine Tanzgruppe. Melitas Cousin Danijel und seine Band spielen die Begleitmusik bei den Auftritten.

Vildanas Vater Besim, in den 80ern Bürgermeister der Čaršija, ist stolz auf die kulturelle Vielfalt in seiner Stadt und bedient sich im Rahmen seiner ausschweifenden Reden gern beim Standardvokabular der Kommunistischen Partei.

Obwohl Vildanas Familie und auch Sandras Mutter einen kulturellen Hintergrund haben, der auf muslimische Traditionen zurückgeht, hat das kaum Auswirkungen auf die Charakter der Protagonistinnen.

Sandra ist stark beeinflusst von ihrem Vater Ivo, der – wie er selbst sagt: „nirgendwo dazugehört“.

Vildana, die Modebegeisterte, würde am liebsten als Designerin in Paris leben. Ihre Teenagerträume werden jedoch empfindlich gestört, als ihr älterer Bruder Amar, der in Sarajevo Medizin studiert, die Geschwister Daraj, palästinensische Exilstudenten, in die Čaršija einlädt.

Vor allem die ältere, traditionsbewusste Generation, die von Vildanas Tante Haruna vertreten wird, beeindruckt, wie die kluge Rashida Daraj sich den Wünschen und Bedürfnissen ihres streng religiösen Bruders bedingungslos unterordnet.

„So solltest auch du deinen Bruder behandeln“, bekommt Vildana von ihrer Tante zu hören.

Hier zeigt sich zum ersten Mal, dass die althergebrachten Denk- und Verhaltensweisen hinter der kosmopolitischen Fassade der kommunistischen Ideologie überdauert haben. Nur will Vildana zu keiner Zeit etwas davon wissen.

Zu ihrer nicht geringen Überraschung findet sie dann doch eine Gemeinsamkeit mit Rashida: die Leidenschaft für das Tanzen.

Rashida bringt Vildana ihrer Bauchtanz bei, den die Bewohner der Čaršija den Chaostanz zu nennen beginnen, weil er moderne mit traditionellen Elementen mischt. Es ist dieser Tanz, der bei der Wahl des Buchtitels Pate stand.

Nach einigen Monaten ziehen die Geschwister Daraj weiter in die USA, und Vildana glaubt, die gehörten Geschichten über Krieg, Vertreibung und Flucht vergessen zu können. Dabei war es nur das Vorspiel zu einem größeren Akt.

Dieser Akt beginnt mit dem Ende des Kalten Krieges.

Dem kommunistischen Jugoslawien hatte der Westen aufgrund seiner oppositionellen Haltung gegenüber dem Führungsanspruch der Sowjetunion zuvor großzügige Kredite und Wirtschaftshilfe gewährt. Jetzt findet ein ökonomischer Wandel statt, auf den das Land nicht vorbereitet ist. Dem versiegenden Devisenstrom begegnet die Regierung mit massiver Abwertung der Landeswährung, was zu einer Inflation führt, in deren Verlauf in der Čaršija (wie in ganz Bosnien-Herzegowina) die D-Mark zum einzigen breit akzeptierten Zahlungsmittel aufsteigt.

Mit viel erzählerischem Geschick bringt Safeta Obhodjas diese makro-politischen und -ökonomischen Fakten wie beiläufig in ihren Roman ein und zeigt die Auswirkungen auf die Verhaltensweisen der Menschen in der Čaršija.

Vildana, die eine eigene Modeboutique führt, gehört erst einmal zu den Gewinnern der Veränderungen. Aber nicht, weil sie so tolle Kleider schneidert, sondern weil sie am Fiskus vorbei mit Schmuggelware handelt.

Ivo und Sandras Foto-Laden ist dagegen als erster unmittelbar von der Krise betroffen, weil die Menschen sparen, während die Fotomaterialien zunehmend teurer werden.

Safeta Obhodjas lässt den Leser durch die sorgfältig formulierten Beobachtungen ihrer Figuren die zunehmende Vergiftung der Atmosphäre in der Stadt spüren. Es gibt keine Schuldzuweisungen an eine bestimmte Gruppe, keine „Kriegstreiber“ in Sinne einer bestimmten Propaganda. Jeder, selbst Sandra und Ivo, tragen ihren Teil dazu bei, dass Vorurteile, Neid und Hass immer weiter angestachelt werden und die Fronten zunehmend verhärten. Dabei entsteht ein komplexes Bild, eine Gemengelage menschlicher Charaktereigenschaften und Unzulänglichkeiten, die die Autorin neben den Zielen der „Großen Politik“ als Ursache des Konflikts verortet.

In Belgrad, Zagreb und Sarajevo mögen Regierungen darum streiten, wo welche Grenzen auf der Landkarte gezogen werden sollen. In der Čaršija hat unabhängig davon schon jeder seine eigene Vorstellung in Hinblick auf die Neuverteilung der Ämter, Rollen und Besitztümer.

Darin liegt die Stärke dieses Romans: Er braucht keinen fabelhaft ausgedachten Blechtrommler, der den Lauf der Geschichte kommentiert. Hier trifft man Menschen, die so lebensecht sind wie jene, die man morgens trifft in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder im Aufzug vom Jobcenter oder in der Schlange vor dem LaGeSo.

Und es sind diese Menschen, die handeln und damit ihre Motive offenbaren.

Die Sprache, sie ist und bleibt in diesem Roman ein trügerisches Instrument, das vor allem dazu dienen soll, die wahren Ansichten und Absichten der Handelnden zu verschleiern. Mit chirurgischer Präzision legt Safeta Obhodjas auch diesen Wundkanal frei, indem sie jede Begebenheit aus den jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln von Vildana und Sandra in der Ich-Form erzählt. Beim Leser entsteht so immer wieder ein Aha-Effekt: ein Plus für alle, die an tiefer schürfenden Einsichten interessiert sind. Möglicherweise ist es ein Manko für jene, die sich ein rasches Fortschreiten der Handlung wünschen. Aber das ist Geschmackssache.

Clausewitz kommt in seiner Theorie zu dem Schluß: „Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“

Safeta Obhodjas beschreibt in ihrem Roman, auf welch vielfältige Art und Weise sich Wünsche formen, Ziele gesetzt und Mittel instrumentalisiert werden. Sie schreibt über Leidenschaften, Manipulationen, Täuschen und Enttäuschen, Wechselwirkungen, denen sich keiner entziehen kann. Es sei denn durch Flucht. Und wie am Ende all jene verlieren, die gute, gemäßigte Absichten und Wünsche hegen.

Denn, um ein letztes Mal Clausewitz zu zitieren: „… in so gefährlichen Dingen, wie der Krieg eins ist, sind die Irrtümer, welche aus Gutmütigkeit entstehen, gerade die schlimmsten.“

Erschienen ist „Die Bauchtänzerin“ im CulturBooks Verlag als e-Book zum Preis von 7,99 Euro.

(C) Titelbild Buchcover: CulturBooks Verlag, Hamburg