Die Bloggerin

Der Druck des Zungenpiercings war angenehm. Es war eine Angewohnheit Maraikes, ihre Zunge besonders fest gegen den Gaumen zu drücken, wenn sie durchs Traumland spazierte oder sich auf ein Ziel konzentrierte. Im Moment tat sie beides.

Maraike schaute zu ihrem Kater. Er hatte sich am Fußende des Bettes zusammengerollt und blinzelte sie aus halb zusammengekniffenen Augen an. Ein leises Schnurren war von ihm zu hören. Es klang nach Innerer Zufriedenheit, deren Maß die regelmäßigen Atemstöße waren.

Das Fell des Katers, braun und schwarz getigert, fand seine farbliche Entsprechung im Muster der Strumpfhosen, die Maraike trug. Es war ihr Outfit für besondere Tage, an denen sie nicht gedachte, die Wohnung zu verlassen.

Ehe sie nach dem Notebook griff, angelte sie sich die „Tatzenpuschen“, monströse Plüschhausschuhe in der Form von Löwentatzen. Die Krallen daran waren besonders auffällig herausgearbeitet. Maraike würde sie brauchen.

Sie wusste, sobald sie das Notebook öffnete, war mit einem Schwall Hassmails zu rechnen, der sich in Ihrem Account angestaut hatte.

Entschlossen setzte sie sich im Bett auf und legte das Notebook auf ihre Oberschenkel.

Heute, sagte sie sich, heute war der Tag, an dem sie der ollen Nazi-Tante den Rest geben würde. Diese Frau, die nicht wesentlich älter war als Maraike selbst, verbreitete seit Wochen ausländerfeindliche Parolen im Netz und in Interviews. Wenn man sah, wie schnell die Schar ihrer Anhänger wuchs, konnte einem Angst werden.

Dagegen musste etwas unternommen werden, hatte sich Maraike gesagt. Sie hatte im Netz recherchiert, Kontakte geknüpft, Informationen gesammelt, die Argumente der Gegenseite analysiert und gekontert. Dabei war sie in den vergangenen Wochen zu einer Art Berühmtheit geworden, viel zitiert in linken Tageszeitungen und sogar das „Vampirwochenblatt“, wie sie den SPIEGEL nannte, hatte ihre Arbeit lobend erwähnt.

Gestern Abend nun war etwas besonders Delikates in ihren Besitz gelangt, ein Foto, das den Urgroßvater der ollen Nazi-Tante in Uniform beim Hitlergruß zeigte. Und neben besagtem Urgroßvater stand – der Adolf selbst!

Natürlich wusste Maraike, dass politische Ansichten nicht vererbbar waren und dass besagter Urgroßvater erst relativ spät, 1937, in die Nazi-Partei eingetreten war, um seinen Posten als Botschafter nicht zu verlieren. Aber hier ging es um eine Kampagne, die einer schmutzigen Kampagne die Stirn bieten musste. Da war es nicht zielführend zu differenzieren. Deshalb würde sie heute das Foto mit einem entsprechenden Text posten. Und dann würde ein Shitstorm durchs Netz rasen, der die Nazi-Tante und ihren Verein wie ein Tsunami träfe.

Maraike war entschlossen, ans Werk zu gehen, als das Telefon die spezielle Melodie zu spielen begann, die einen eingehenden Anruf von Maraikes Mutter verkündete.

Nein, nicht jetzt! Unwirsch drückte Maraike die Taste für den Ruf-Abbruch. Die Melodie verstummte. Dann öffnete sie das Notebook.

Bling-bing-bling-bing! Eine Serie von Jingles verkündete Neuigkeiten. Mareike überflog die Liste der neuesten Nachrichten. Ihr Twitter Account meldete den zehntausendachthundertvierundneunzigsten Follower. Das hatte Kult-Status.

Wieder begann das Telefon die Melodie zu spielen. Abermals drückte Maraike den Anruf weg.

Sie stürzte sich auf das Notebook. Die Hassmails – egal, die konnte sie später löschen. Das Foto, das Foto musste jetzt raus. Über Facebook und Twitter, ELLO und Instagram, völlig egal. Sie würde sich sogar bei Snapchat anmelden, um ihre Reichweite zu vergrößern. Feuer, Feuer, aus allen Rohren. Es war an der Zeit, die olle Nazi-Tante in die Steinzeit zurück zu bomben, wo sie hingehörte.

Die Reaktionen im Netz – Likes, Shares und Re-Tweets – ließen nicht lang auf sich warten. Es glich einem Trommelwirbel, virtuelles Stakkato, Tusch und Triumph für Maraike, die Kämpferin gegen Unrecht und Dummheit. Ein paar Minuten lang tat sie nichts, genoss die tiefe Zufriedenheit, die sie empfand. Heute war ein fantastischer Tag.

Bing! Ein neuer Tweet an sie war eingetroffen. Der Absender war der neue Follower und der Text der Nachricht lautete: „Viel mehr als 140 Zeichen.“ Im Anhang fand sich ein GIF.

Okay, was du nicht schreiben kannst, musst du giffen, murmelte Maraike.

Die Grafikdatei animierte sich selbst nach dem Download. Es war das Bild einer Bombe, der Lunte brannte. Was für ein Scheiß!

Wütend wollte Maraike zurücktweeten, als sich das Telefon zum dritten Mal meldete. Diesmal fehlte Maraike die Entschlossenheit, den Anruf abzuwehren. Sie nahm den Hörer in die Hand: „Ja, Mama?“

„Maraike, ein Glück!“ Ihre Mutter klang aufgeregt. Was war da wieder los?

Sie kam gleich zur Sache: „Hast du diesen Foto schon abgeschickt, im Netz verbreitet, meine ich?“

„Warum?“

„Tu es nicht!“, flehte die Mutter.

„Weshalb nicht?“

„Das kann ich dir nicht so schnell am Telefon sagen.“

„Na wenn schon. Es ist eh zu spät. Das Foto ist raus.“

„Oh Gott!“

„Was ist damit?“

„Maraike, sie werden dich kriegen.“

„Ich hab keine Angst vor diesen ollen Nazis.“

„Aber die meine ich nicht. Sondern die Presse und alle …“

„Wieso denn die? Womit denn?“ Maraike konnte sich keineswegs vorstellen, dass irgendjemand etwas in der Hand haben sollte, das ihr schaden könne.

Ihre Mutter seufzte: „Maraike, der Mann auf dem Foto …“

„Der Urgroßvater der ollen Nazi-Tante?“

„Ja, der.“ Ihre Mutter hielt noch einmal inne. „Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. An sich wollte ich das nicht am Telefon …“

„Ach was, ist doch egal. Heute erfährt man alles von überall her. Du solltest dich daran gewöhnen.“

„Na gut, wenn du meinst. Also“, die Mutter seufzte noch einmal auf, „dein Vater ist nicht dein richtiger Vater.“

„Was?“ Maraike glaubte sich verhört zu haben.

„Er hat dich aufgezogen und alles. Aber er ist nicht dein biologischer Vater.“

„Wie bitte? Wer ist es dann?“

„Glaub mir, es ist eine komplizierte Geschichte. Alles, was du im Moment unbedingt wissen musst: Dein Vater ist der Enkel des Mannes auf dem Bild. Die olle Nazi-Tante, wie du sie nennst, ist deine Cousine.“

Es war, als würde sich ein Kloß in Maraikes Kehle formen. Das Zungenpiercing, dessen angenehmen Druck sie sonst schätzte, fühlte sich plötzlich an wie ein Fremdkörper, der sie am Schlucken hinderte. Mit einigen schnell nacheinander ausgeführten Atemstößen versuchte sie sich Luft zu verschaffe.

„Mama, ich kann jetzt nicht mit dir darüber reden“, brachte sie schließlich heraus. „Ich rufe dich später zurück.“

Sie wehrte den Einwand der Mutter ab und beendete das Telefonat.

Was war zu tun?

Nichts. Sie konnte die Posts und Tweets nicht löschen, das Geschriebene nicht rückgängig machen. Im Gegensatz zum menschlichen Gehirn vergaß das Netz nichts. Und sie war nicht die einzige, die recherchieren, Kontakte knüpfen und Informationen einholen konnte, um sie gegen andere zu verwenden.

Das Kernargument zu ihrer Verteidigung wäre die Aussage, politische Ansichten seien nicht vererbbar. Nur konnte sie etwas für sich in Anspruch nehmen, was sie ihrer Cousine verweigerte?

Maraike starrte auf die grafische Bombe, deren Lunte zunehmend kürzer wurde. Es war eine neckische Animation, durch nichts zu stoppen.

Na wenn schon, dachte Maraike trotzig. Ich werde es überleben.

In diesem Moment, zeitgleich mit der Explosion der Bombe im GIF, barsten die Fensterscheiben. Ein Donnerschlag raste durchs Zimmer und ließ das Bett, in dem Maraike noch immer lag, einen Luftsprung machen. Die ganze Bude flog ihr um die Ohren. Staub rieselte von der Decke, und als alles vorbei war, quietschte irgendwo eine kitschige Pendelleuchte.

Fassungslos starrte Maraike auf die Verwüstung im Zimmer. Dann fiel ihr Blick auf den Kater.

Der Kater lachte.