Wie aus Megapixeln Geschichten werden

Die grundlegende Idee ist simpel: eine Person, die sich freiwillig dazu bereit erklärt, heftet sich eine Miniaturkamera an, die alle 30 Sekunden einen Schnappschuss macht, 24 Stunden lang.

Das so entstandene Video, das aus Einzelaufnahmen besteht, wird von Textautor*n gesichtet, die daraus eine Geschichte ableiten. Diese Geschichte wird aufgeschrieben und veröffentlicht.

Ist das Literatur?

Warum denn nicht?

Wer sich hinsetzt, um einen Roman oder auch nur eine Kurzgeschichte zu schreiben, hat bestimmte Bilder im Kopf, Szenen. Und dann natürlich Gesichter, Figuren.

Es gibt verschieden Ansätze, damit umzugehen, die Figuren in den Szenen auftreten zu lassen, sie zu beschreiben in einer Art, die sie für den Leser lebendig werden lässt.

Ich kenne Fantasy-Autor*n, die machen wunderschöne Zeichnungen von Gebäuden, Landschaften und den Menschen, die sie in ihren Szenen auftreten lassen wollen. Diese Zeichnungen sind ein Masterplan für die als Text zu schreibende Handlung. Und schauen wir uns einen Comic an, dann besteht der aus einer Folge einzelner Bilder, die zeitlich geordnet sind.

Allen diesen Methoden ist gemein, dass die Bilder und Szenen, egal ob gezeichnet oder nicht, im Kopf der Autor*n entstehen, ein Werk ihrer Fantasie sind. Zwar kommt auch Fantasie nicht aus dem Nichts, sondern arbeitet mit Ableitungen beobachteter Realität (die selbst nicht real sein muss). Im Endprodukt wird das Beobachtete jedoch so stark verfremdet, dass das Original für den Leser nur schwer zu entschlüsseln ist.

Das Projekt Megapixels, das nach Aussagen der Initiatoren nicht zuletzt „spielerisch nach dem Erzählen in der Transparenzgesellschaft fragt“, macht nun eben das, was Autor*n normalerweise vermeiden: Es dokumentiert die beobachtete Realität und verknüpft sie mit den daraus erdachten Geschichten zu einer audiovisuellen Performance.

Erzählt wird die Geschichte eines Tages, der genau so und doch niemals stattgefunden hat.

Die dabei schwierigste Frage scheint mir zu sein, wie die Textautor*n mit der Persönlichkeit der Kameraträger umgehen, die durch die Fotos offen zutage tritt. Zwar haben die Kameraträger das Recht, bestimmte Aufnahmen ohne Angabe von Gründen zu löschen. Aber was bleibt, verrät immer noch genug über Menschen, ihre Vorlieben, Gewohnheiten, Charakterzüge.

Es heißt, es genüge, sieben Sekunden lang in den Badezimmerschrank eines Menschen zu blicken, um ein grundlegendes Bild seiner Eigenschaften zu erkennen. Die Fotos der Megapixels-Freiwilligen bieten ein Vielfaches an Information.

Ich habe mir die Endprodukte angesehen, also die mit den entscheidenden Bildern hinterlegten Lesungen der Autor*n. Bei der Wahl der Reihenfolge orientierte ich mich am Titel und wählte den für mich interessantesten zuerst. In dieser Reihenfolge möchte ich die Videogeschichten jetzt auch hier vorstellen. Das soll keine Wertung sein.

Jede Geschichte für sich ist sorgfältig komponiert, kommt mit Witz und manchem daher, was nachdenklich stimmt. Große Unterschiede gibt es jedoch in der Art, wie die einzelnen Autor*n das vorhandene Bildmaterial einsetzen und interpretieren.

Lucy Fricke: Der Tag, an dem sie begann, Katzen zu hassen

Am Anfang von Lucy Frickes Video-Geschichte war ich erst einmal irritiert, weil die namensgebende Katze im Text schon lange eingeführt war, ehe sie im Bild zu sehen war.

Ich zweifelte daher, ob der Text überhaupt etwas mit den Fotos der Kameraträgerin zu tun hatte, auf die sich die Geschichte bezog und brauchte einige Zeit, um zu verstehen, welche Methodik Lucy Frickes Arbeit zugrunde liegt: Sie erschafft eine transzendente Protagonistin, die durch einen Albtraum stolpert und keinen Namen hat. Es handelt sich um einen Beziehungsalbtraum, in dem Katzen und Männer einander zugeneigt scheinen – was Frauen dazu bringt, sich selbst Gutes zu tun und über die Vorzüge von Fischen nachzudenken.

Köstlich subtil kommen die erotischen Anspielungen bei Lucy Fricke daher. Die Frage nach der Persönlichkeit der Kameraträgerin umgeht sie gekonnt. Stattdessen pickt sie aus dem vorhandenen Bildmaterial einzelne Elemente, die sie mit Fantasie in einen völlig anderen Kontext setzt. Das gelingt.

Ein Stolperstein in der Video-Geschichte ist allerdings das Zusammenspiel zwischen gelesenem Text und Fotos. Wie schon angedeutet, fehlt hier das auf einander abgestimmte Zusammenwirken der Elemente. Die Bilder bleiben zu lange stehen, das Betrachten wird langweilig, während der Text leichtfüßig weiterwandert. Das ist etwas, was auch meiner Sicht besser gemacht werden könnte. Oder ich bin auf einen bestimmten Rhythmus in der Erzählfolge von Bildgeschichten konditioniert, weil ich mit meiner Tochter in den vergangenen zehn Jahren zu oft KiKa geschaut habe.

© Video: Megapixel Projekt

Jakob Nolte: Sollte Kenia seine Truppen aus Somalia abziehen?

Oh, oh, ein politisches Thema, dachte ich, als ich den Titel las. Das weckte mein Interesse.

Ich begann trotzdem mit den Katzen, weil mir das unkomplizierter erschien.

Ich hatte mich getäuscht. Denn was Jakob Nolte aus der Vorlage seiner Kamerafrau macht, ist Satire vom Feinsten.

Auch Nolte entwirft Fantasiefiguren, die er aber auf eine Reise in die Wirklichkeit schickt: eine Geschäftsreise, um genau zu sein. Diese Geschäftsreise führt auf das Messegelände Hannover, und wir lernen neben der imaginären Kamerafrau Kito ihren Kollegen, den Herrn Purro, und seinen Freund, den vor Witz sprühenden Herrn Märklin kennen.

Alle drei waren in jüngeren Jahren darauf bedacht, in den Kämpfen der Zeit auf der von Ihnen als richtig empfunden Seite zu stehen. Daher ihr Interesse an weltpolitischen Themen, die sie am Rande ihrer Geschäftsreise noch immer zur Kenntnis nehmen. Doch um sich darüber aufzuregen oder gar auf die Barrikaden zu gehen, dazu fehlt Ihnen inzwischen die Motivation. Die Ideale des Sturm und Drang sind verflogen, verdrängt worden vom Terminkalender, dessen Fülle die Notwendigkeiten des Broterwerbs diktieren.

Okay, neben dem täglich Brot darf es auch das eine oder andere sein, was man sich gönnt, um nicht ständig an den schleppenden Fortgang begonnener Projekte oder die permanente Unzuverlässigkeit des Öffentlichen Personen-Nah-und-Fernverkehrs denken zu müssen.

Obwohl nicht wirklich alt, haben Jakob Noltes Figuren ein gewisses Alter erreicht, ein Alter, in dem einem klar wird, was im Leben realistisch erreichbar ist und was nicht. Das Alter, in dem die Träume zu sterben beginnen. Als Gegenmittel hilft ein wohltemperiertes Bier, das einen Beigeschmack hat, weil jedem in der Runde klar ist, dass anderenorts auf dieser Welt das Leben anders verläuft: auf Messers Schneide.

Da kann man trinken so viel man will: der Beigeschmack bleibt, und Jakob Nolte lässt ihn nicht aus den Augen, was für mich den besonderen Wert dieser Geschichte ausmacht.

Zwar kommen die Protagonisten ihrerseits zu dem Schluss, es mache keinerlei Sinn, sich ernsthaft den Kopf darüber zu zerbrechen, ob und wie Somalia seine politischen Probleme löst und welche Rolle Kenia dabei spielen könnte. Doch schimmert durch jede durchdachte Pointe des Autors die Frage: „Was wäre, wenn ihr euch irrt?“

© Video: Megapixel Projekt

Heinz Helle: Die Begutachtung einer Wand

Satire aus.

Heinz Helle, dessen Stück den lapidaren Titel „Begutachtung einer Wand“ trägt, erfindet keinen fiktiven Charakter. Der Mensch, den er auftreten lässt, wünscht sich eher eine fiktive Welt herbei, aber sie kommt nicht.

Helle wagt, was seine Kolleg*n nicht zu wagen versuchen: Er sucht im dem ihm vorliegenden Bildmaterial nach dem Menschen, der es aufgenommen hat.

Er deutet die Zeichen, die sich ihm offenbaren, geht dabei achtsam vor. So gelingt ihm ein gefühlvolles Porträt, das man sich lieber ansehen sollte, als es hier zu beschreiben: ein Meisterstück.

Am Ende von Heinz Helles Geschichte bleibt ein tiefes Gefühl von Traurigkeit, genährt von der Einsicht, dass das Leben keine Deals zulässt. Es geht stumm seinen Weg, ob der uns passt oder nicht.

© Video: Megapixel Projekt

Von Hildesheim nach Liechtenstein

Megapixels in Hildesheim, das ist, so könnte man sagen, der Schnee vom vergangenen Jahr. Jetzt, 2016, geht das Projekt in eine neue Phase. Derzeit werden Freiwillige für die Fotos gesucht. Der Ort der Handlung wird verlagert von Hildesheim nach Liechtenstein, auch neue Textautor*n sind schon gefunden. Das verspricht neue Perspektiven. Es bringt aber auf meiner Seite auch neue Fragen.

Werden die Einblicke der Kameraträger andere sein, weil es ein anderes Land ist? Wie werden die Autor*n das neue Material verwerten? Was wissen wir überhaupt von Liechtenstein?

Ich möchte diesen Fragen in einem eigenen Beitrag nachgehen und das Projekt weiter begleiten.

Denn was mich fasziniert ist die Art, wie hier Literatur gemacht wird.

Auch der Besuch der Projekt-Website lohnt sich: http://www.megapixel-projekt.net