Fräulein Milas Gespür für Momente oder Die Welten der Ramona Ambs

Ich bin auf Ramona Ambs aufmerksam geworden, nachdem sie ein Gedicht auf Facebook gepostet hatte, das ein anderer, dem ich dort folge, mit einem fröhlichen Smiley markierte. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren macht sie dort kaum Eigenwerbung, schaut eher, wie sich Dinge entwickeln, kommentiert, reflektiert, auch politisch. Aber sie schwingt nie die Moralkeule.

Manchmal postet sie ein paar Zeilen in Hebräisch. Und dass sie, was ich annehme, alttestamentarische Schriften im Original lesen kann oder zumindest Leute kennt, die das können, schlägt sich auch in ihren Buchtexten nieder: „Seid ein Segen für die Menschen, heißt es in der Thora. Wenn das alle beherzigen würden, dann wär schon viel gewonnen… wobei dann immer noch die Frage wäre, was ein Segen ist. Das empfindet ja auch jeder anders…“

Irgendwann habe ich dann nach ihren Büchern geschaut: „Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter“ und „Mrozek“.

Womit anfangen?

Marmelade war appetitanregender und auch das erste Buch, das sie geschrieben hat. Es geht darin – wie auch bei „Mrozek“ – um den Selbstfindungsprozess der Protagonistin. Ihr Name ist Romy, nach Romy Schneider, die eigentlich, das fällt mir dabei ein, Rosemarie Albach hieß und wie die Romy in Ramona Amb’s Roman ein eher schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater hatte.

Die Romy des Romans lebt bei ihren Großeltern, weil ihre Mutter sich mit einem Goldenen Schuss ins Jenseits befördert hat. Es ist nämlich nicht einfach, das Leben in dieser Familie. Der Grund dafür ist die Last des Überlebens oder besser: überlebt Habens, das die Großeltern – ob sie es wollen oder nicht – an Kinder und Enkelkinder weitergeben. Der Gott des Alten Testaments straft bekanntlich bis ins dritte und vierte Glied, und mit der Shoa hat er seinem auserwählten Volk eine besonders schwere Last ins Gepäck gelegt. Es gibt daher nicht viele Alternativen für Romys Lebensweg. Ihre Aufgabe ist es zu leben, weil eben die Großeltern und auch ihr Onkel Max bestimmte Lager überlebt haben.

Nur, was ist es wert, dieses Leben, dessen wichtigste Aufgabe es ist, dem Überleben einen Sinn zu geben? Diese Frage zieht sich durch das gesamte Buch als fein gesponnener Faden.

Ramona Ambs ist eine Meisterin der Momentaufnahme. Die meisten ihrer Szenen sind für mich als Leser unglaublich gut vorstellbar, nachfühlbar. Sie läßt tief in das Innenleben Ihrer Figuren schauen, an ihren Gedanken teilhaben, die manchmal vorlaut, manchmal traurig und manchmal wütend sind. Gott bekommt dabei ziemlich viel ab.

Nur Romys Großeltern bleiben auf seltsame Weise verschlossen in ihrem Bemühen, weiterzuleben als hätte es keine großen Einschnitte in ihrem Leben gegeben. Was zugegebenermaßen eine Art sein kann, mit solchen Erfahrungen umzugehen.

Dass allerdings eben dieser gelebte Alltag Romy schon als Teenager zur Flucht in die Welt der Drogen treibt, ist für mich emotional dann doch nicht ganz nachvollziehbar. Warum kreisen Romys Gedanken nie um ihre tote Mutter, und warum ist ihr Vater ein absoluter Volltrottel, obwohl er doch an einem Gymnasium arbeitet und zumindest regelmäßig Zeit mit seiner Tochter verbringt?

Diese Fragen spielen für Romy keine Rolle.

Prägender für ihre Persönlichkeit erweist sich die Tatsache, dass sie schon als kleines Kind am den Holzschutzmitteln ihre Großvaters schnüffelt. In der Pubertät angekommen steigt sie auf Heroin um.

Was dann folgt, liest sich ein bißchen wie ein Remake von Christiane F.’s „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Das heißt nicht, es sei schlecht geschrieben, ganz im Gegenteil.

Nur wer die „Kinder vom Bahnhof Zoo“ kennt, dem wird das eine oder andere bekannt vorkommen, weil die Droge Heroin ihren Konsumenten eben bestimmte Verhaltensmuster diktiert, an denen auch eine Romanfigur nicht vorbeikommt.  

Neue Fahrt nimmt die Geschichte auf, wenn man weiter liest und nach erfolgreicher Rehabilitation Romy als junge Erwachsene kennenlernt.

In dieser Phase wird ihr von der Autorin der eigensinnige Onkel Max zur Seite gestellt.

Onkel Max darf Dinge sagen, die Romy nicht einmal denken dürfte, ohne altklug zu wirken. Das ist eine starke Kombination, aus der sich ein Feuerwerk schriftstellerischen Ideen ergibt.

Ein Highlight ist die Auseinandersetzung mit Romys Karriere als Künstlerin. Hier stichelt Ramona Ambs auf die deutsche Kulturszene ein und jeder Stich sitzt.

Immer wieder überrascht sie mit ungewöhnlichen Stilmitteln. Sie beherrscht es, mit Satzteilen und Buchstaben zu spielen. Manchmal füllt sie eine Seite mit einem einzigen Wort, manchmal drei Kapitel mit je einer Zeile eines Gedichts.

Sie setzt das gekonnt ein.
Zum Atemholen.
Nachdem gerade sehr viel passiert ist.

Das hilft dem Leser, um sich zu sammeln und auf das Nachfolgende zu konzentrieren. Der Protagonistin: in gleicher Weise.

Auch kurze Gedichte als Bestandsaufnahme der Art: „Was gut ist …“und „Was schlecht ist …“ finden sich in beiden Büchern. Es sind kleine philosophische Gedankenspiele, die ihren eigenen Reiz haben.

Es ist mehr als nur eine Geschichte.
Es ist Poesie.
Ich mag das.

Romy, so ist die Figur angelegt, hat keinen ausgeprägten Willen, um sich zu behaupten. Wohler fühlt sie sich da, wo die Sonne nicht gelb, sondern warm und golden scheint. Weshalb Romys Geschichte so endet wie sie endet. Anders als bei Christiane F.

Bleibt als Fazit: „Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter“ ist, selbst wenn man „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ kennt, in jedem Fall lesenswert, weil so viele gute Gedanken darin stecken und die sprachliche Umsetzung überaus gelungen ist.

Erschienen im U-Line Verlag.
e-Book: 3.95 Euro,
gebunden: 4.95 Euro
Erschienen im U-Line Verlag. e-Book: 3.95 Euro, gebunden: 4.95 Euro

Ramona Ambs‘ zweiter Roman „Mrozek“ ist nur mit einem Wort zu beschreiben: genial!

Auch Mila Mrotzek hatte ein schwierige Kindheit, verlor früh Mutter und Bruder und wuchs bei ihrem Vater auf, der die Schicksalsschläge des Lebens mit Alkohol betäubt. Deshalb haut sie ab und zieht mit dem Puppenspieler Matteo, ihrer großen Liebe, durch halb Europa – bis Matteo sie nach ein paar Jahren sitzen läßt.

Sie strandet in einer deutschen Kleinstadt, bekommt ein Zimmer in einer WG und vom Jobcenter einen Ein-Euro-Job in einem Altenpflegeheim, dessen unangenehme Direktorin sie mit Vorschriften gängelt, obgleich sie sich selbst über ebensolche Vorschriften hinwegsetzt, wenn es ihr zum eigenen Vorteil gereicht.

Unerwartete Wendungen katapultieren den Lesen immer wieder auf neue Standpunkte, die erfordern, die Logik vorher gemachter Gedankengänge zu überprüfen und diese neu zu formulieren. Auch emotional ist es eine Berg- und Talfahrt, in der so vieles, was die Protagonistin Mila Mrozek empfindet, im Leser ähnlich gelagerte Emotionen hervorruft.

Ich selbst bin ja eher der distanziert-analytische Literaturkonsument. Aber in „Mrozek“ gibt es eine Stelle, wo ich am liebsten in die Geschichte hineingesprungen wäre, um ein paar Leute anzubrüllen oder auch mehr… Nur Ramona Ambs wartet auch hier mit einer ganz eigenen Lösung auf.

Es dreht sich viel um Individualität, vor allem in Milas Kopf. Immer wieder kommt die Frage nach der eigenen Wertigkeit kommt hoch. In diesem Punkt sind Mila und Romy recht ähnlich konzipiert. Aber sie gehen ihre Probleme unterschiedlich an, kommen am Ende auch zu verschiedenen Lösungen.

Wieder aufleben läßt die Autorin das Konzept des älteren Mentors, der ihrer Protagonistin zur Seite steht. Onkel Max aus der „Marmelade“ gibt den Staffelstab an Herrn Jakob weiter, einen pensionierten, ehemals sehr erfolgreichen Rechtsanwalt aus München.

Das alles ist kein zweiter Aufguss, sondern eine echte Weiterentwicklung früher gefundener Ansätze. „Mrozek“ kennt weder dramaturgische noch erzählerische Schwächen. Es ist ein Buch, dass den Leser mit unglaublicher Geschwindigkeit in sich hineinzieht und nicht wieder loslässt, ehe die letzte Zeile gelesen ist.

Dabei ist die Handlung so dicht an den tagesaktuellen Problemen dran ist wie nur irgendwas: Pflegenotstand, Migration, die Frage nach der richtigen Ernährung und Schönheitsidealen. Nicht zuletzt, wie es um Recht und Gerechtigkeit bestellt ist, wozu Herr Jakob erklärt:

„… es ist ein Spiel mit den Paragraphen, was wir betreiben. Es geht nicht um Gerechtigkeit oder Recht. Es geht um Recht bekommen und das kriegt man nur mit der richtigen Murmeltechnik. Eine Straftat können Sie unter Umständen mit einem gezielten Schlag wegmurmeln, aber wenn plötzlich eine Kugel rollt, von der sich nichts wussten… das kann Sie den Sieg kosten. Murmeln ist wie eine Gerichtsverhandlung. Der Geschicktere gewinnt. Verstehen Sie?“

In ihrer fein pointierten Art liefert Ramona Ambs so viele wertvolle Denkanstöße, dass das Buch auf der Spiegel-Bestsellerliste eigentlich ganz oben stehen müßte.

Wenn es überhaupt etwas zu mäkeln gibt, dann ist es der Titel. „Mrozek“ (polnisch: Frost) klingt nämlich wie Büchners Eifersuchtsdrama „Woyzeck“ und der Untertitel „Ein Paragraphoman“ suggeriert eher schwierige Lektüre mit gedämpften Unterhaltungswert. Das hielt mich lange davon ab, einen Blick hinein zu werfen.

Es wäre mir viel entgangen.

Erschienen bei Books on Demand.
e-Book: 4.95 Euro,
Taschenbuch: 9.90 Euro
Erschienen bei Books on Demand. e-Book: 4.95 Euro, Taschenbuch: 9.90 Euro