Der arme Epstein

Im Jahre 1930 ist das Berliner Scheunenviertel, das sind die Straßen in unmittelbarer Nähe der Berliner Volksbühne, ein Zentrum des Rotlichtmilieus und fest in der Hand der Bordellbetreiber und Zuhälter. Diese sind mehrheitlich Mitglieder und Kommandeure des seit 1929 verbotenen Roten Frontkämpferbundes (RFB), der Kampforganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).

Ein unverkennbares Markenzeichen des RFB sind seine Schalmeienkapellen. Doch nicht mehr lange. Denn mit Billigung des NSDAP-Gauleiters von Berlin, Joseph Goebbels, stellt der SA-Sturmführer Horst Wessel, Sohn des Pfarrers der Berliner Nikolaikirche, ebenfalls eine Schalmeienkapelle auf, mit der er durch Berlins Arbeiterviertel zieht, um den Kommunisten Wählerstimmen und Mitglieder abspenstig zu machen.

Das ist ärgerlich und verursacht Spannungen. Die Situation eskaliert allerdings erst, als Elisabeth Salm, Witwe eines von den Nazis ermordeten Rot-Front-Kämpfers, in einer Kneipe des Scheunenviertels auftaucht und den Kameraden ihres gefallenen Ehegatten erzählt, Wessel wohne bei ihr zur Untermiete.

Dass Horst Wessel bei der SA ist, stört sie dabei weniger. Schlimmer ist, dass seine Braut regelmäßig bei ihm übernachtet, Wessel aber nur Miete für eine Person zählt statt für zwei.

Also nur für eine Person zahlen, wo zwei … Das geht ja nun gar nicht!

Und so macht sich eine Gruppe unter Führung des Zuhälters Albrecht „Ali“ Höhler auf den Weg in den Stadtbezirk Friedrichshain, wo Wessel in der Großen Frankfurter Straße 62 wohnt. Das ist in etwa dort, wo heute das Kino „Kosmos“ steht.

In Höhlers Schlepptau zieht auch Sally Epstein mit. Der junge Mann ist in den 1920er Jahren aus Westpreußen nach Berlin gekommen und verdient seinen Lebensunterhalt als Malergehilfe. Er wohnt bei seinem Meister in der Dragonerstraße 45, die heute Max-Beer-Straße heißt. Dessen Gattin Rosa Lutter, selbst kinderlos, mag Sally Epstein sehr, möchte ihn sogar adoptieren: „Da Sally eine schwere Kindheit … gehabt hatte, erwies er sich als sehr dankbar und anhänglich. Unser eigener Sohn war gestorben. So sahen wir in Sally Epstein Ersatz und Nachfolge für ihn.“

Sally Epstein findet auch anderweitig Anschluß im Scheunenviertel. Direkt gegenüber, Dragonerstraße 48, befindet sich das Lokal Baer, wo der Stammtisch der KPD tagt und der RFB Bereitschaft sitzt. Um es genau zu sagen: die 2. Bereitschaft der „Sturmabteilung Mitte“ des RFB.

Sally Epstein, der „im Grunde seiner Seele naiv ist“ wie einige Jahre später Rabbiner Dr. Martin Joseph einschätzt, läßt sich von den Kommunisten einfangen. Er wird Mitglied der KPD und des RFB und zum „Agitator“ ernannt. Es ist wohl nicht verkehrt zu sagen: Er passt sich seinem Milieu an.

Natürlich bleibt er ein Grünschnabel. Ali Höhler läßt ihn auf der Straße vor Wessels Wohnhaus, einer verschachtelten Mietskaserne, Schmiere stehen. Was oben an der Wohnungstür passiert, davon bekommt Epstein nichts mit.

Frau Salm klingelt. Dreimal. Weil sie Höhler erzählt hat, Wessel habe nicht nur eine, sondern zwei Pistolen, hat auch Höhler eine dabei.

Als Wessel die Wohnungstür öffnet und Höhler zusammen mit zwei anderen unbekannten Männern sieht, greift er in die Tasche seiner Jacke.

Höhler vor Gericht: „Darauf riß nun ich meine Pistole heraus. Dabei muss sich die Sicherung gelöst haben. Ich kam versehentlich an den Abzug.“

Ein Schuss knallt. Das Projektil trifft Wessel von unten in den Hals. Fünf Wochen später stirbt er an einer Blutvergiftung, die sich infolge der Schussverletzung gebildet hat. Diese wäre vermeidbar gewesen, hätte der in der Nachbarschaft wohnende Arzt Dr. Selo Wessel behandeln dürfen. Aber Dr. Selo war Jude und wurde deshalb weggeschickt, was zwei Stunden Verzug bei der Wundversorgung brachte. Am Ende starb Horst Wessel wohl nicht zuletzt am eigenen Judenhass.

Höhlers Pech ist es, dass in Wessels Mansardenzimmer dessen Braut sitzt und nichts anderes zu sagen weiß als: „Du, Ali?“ Die achtzehnjährige Erna Jaenichen ist eine ehemalige Prostituierte, die Höhler gut kennt. Wessel hat sie bei seinen Streifzügen durch das Scheunenviertel kennengelernt.

Bereits im September 1930 wird Ali Höhler und seinen Mitstreitern der Prozess gemacht. Von Epstein ist hier keine Rede. Interessanter ist die Tatsache, dass Höhler von einem Staranwalt vertreten wird, den er sich nie hätte leisten können. Die Kosten übernimmt das Karl-Liebknecht-Haus. Das erklärte Ziel der KPD-Zentrale ist allerdings nicht, die Genossen aus dem Scheunenviertel zu schützen, sondern die Tat als einen Streit unter Zuhältern erscheinen zu lassen.

Eine weitere Verteidigerin Höhlers ist Dr. Hilde Benjamin, Schwägerin des Philosophen Walter Benjamin. Sie plädiert als einzige auf Freispruch. Einige Jahre später, bei den Waldheimer Prozessen, wird sie sich weniger tolerant zeigen.

Nach der Machtergreifung der Nazis wird der Prozess neu aufgerollt. Höhler, der bereits in Haft sitzt, wird schon vorher „auf der Flucht erschossen“. Der Rest ist ein Rachefeldzug, in dessen Verlauf man sich auch Sally Epstein greift. Für die Nazi-Propaganda muss er den Beweis für die Beteiligung „der Juden“ liefern. Er wird zum Tode verurteilt und stirbt am 10. April 1935 in Plötzensee unter dem Fallbeil.

Nach dem Krieg bemüht sich Rosa Lutter vergeblich um seine Rehabilitierung. Der sozialistische Verwaltungsapparat hat wenig Interesse, gerade diesen Fall wieder zum Gegenstand einer Diskussion zu machen. Als schwachen Trost gibt es eine bescheidene VdN-Rente.

Auch im Westen widerfährt Sally Epstein keine Gerechtigkeit. Das 1974 vom Verband der Verfolgten des Naziregimes (VVN) im Westteil Berlins herausgegebene „Ehrenbuch der Opfer von Berlin-Plötzensee“ führt seinen Namen nicht als Opfer des NS-Regimes. Er ist als Krimineller eingeteilt – seit 1935.

1988 beginnt Heinz Knobloch (1926-2003), Feuilletonist der DDR-Zeitung WOCHENPOST (vom Spektrum der Beiträge in etwa vergleichbar der ZEIT), seine Recherche des Falls. Er bemerkt aber schnell, dass er die wahre Geschichte unter den gegebenen politischen Verhältnissen nicht wird veröffentlichen können. Da es sich um „ein Stück Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ handelt, müsste die Veröffentlichung des Textes vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED genehmigt werden.

Es dauert noch bis 1993, ehe das Ergebnis von Knoblochs Arbeit in Buchform beim Christoph-Links-Verlag vorliegt.

Kennzeichnend für seinen Stil ist der bildhafte, lebendige Narrativ, gewürzt mit bissigem Sarkasmus, mit dem er all jenen begegnet, die belegte Fakten ignorieren oder verdrehen. Man merkt, hier schreibt ein Mann, der froh ist, mit seinen eigenen Worten endlich über das schreiben zu dürfen, was ihn interessiert.

Erst im Jahre 2008 stellte der Historiker Daniel Siemens eine Antrag auf Rehabilitierung Sally Epsteins, dem 2009 stattgegeben wurde. Die dafür nötigen Rechtsgrundlagen wurden erst 2007 geschaffen, also nach Knoblochs Tod. Auch Siemens hat ein Buch über den Fall Horst Wessel geschrieben, das ebenfalls 2009 veröffentlicht wurde. Da ich es nicht vollständig gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie weit es von den Arbeiten Knoblochs inspiriert ist.

Eine ausführliche und den Fakten nach richtige Rezension findet sich hier: http://buecher.hagalil.com/2009/09/siemens/

2011 endlich bekommt Sally Epstein einen Stolperstein in der Max-Beer-Straße nicht weit von Stelle, wo das Haus Nr. 45 stand, in dem er damals bei Familie Lutter wohnte. Heute befindet sich dort der Schendelpark. Die Wohnhäuser wurden im Krieg zerbombt.

Die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin (www.stolpersteine-berlin.de) ordnet – historisch nicht völlig verkehrt – dem Stein die Adresse Max-Beer-Straße 48 zu und erklärt im Infotext: „Bei einer privat motivierten Auseinandersetzung des bekannten SA-Sturmführers Horst Wessel mit einigen Mitgliedern des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes – darunter auch Sally Epstein – wurde Wessel im Januar 1930 durch einen Schuss schwer verletzt.“

Albrecht "Ali" Höhler: Zuhälter und Stellvertretender Bereitschaftsführer des Rotfrontkämpferbundes der KPD. Quelle: Knobloch, Heinz: "Der arme Esptein..."

Der arme Epstein

Stolperstein für Sally Epstein. Quelle: www.stolpersteine-berlin.de

Der arme Epstein

Stadtplan Scheunenviertel 1939 - Die Nazis haben den Platz vor der Volksbühne umbenannt. Quelle: steffen.in-Berlin.de

Der arme Epstein

Scheunenviertel nach 1945 mit Kriegsschäden. Dunkelblau = Totalschaden. Quelle: www.alt-berlin.info

Der arme Epstein

Scheunenviertel: aktueller Bebauungsplan. Quelle: www.histomapberlin.de

Der arme Epstein

So kann man es beschreiben, obwohl es nicht Wessel war, der die Auseinandersetzung herbei geführt hatte. Noch treffender erscheint mir Knoblochs Fazit:

„Worum ging es eigentlich? Um einen Mietstreit, unter dessen Oberfläche politischer Unmut brodelte und sich entlud. Weil Höhlers Pistole nicht entladen war.“

Das Buch „Der arme Epstein oder Wie der Tod zu Horst Wessel kam“ von Heinz Knobloch ist heute nur noch antiquarisch erhältlich. Der durchschnittliche Preis liegt um 3.50 €. Das ist sinnvoll angelegtes Geld für eine Menge gut aufbereiteter Fakten, über die in Geschichtsbüchern eher wenig zu lesen ist.