Auf See – Die Geschichte von Ayan und Samir

Ayan und Samir sind die Hauptfiguren in Michaela Maria Müllers „Auf See“. Das Buch ist eine gekonnt aufgesetzte Mischung aus Reportage, historischen Recherchen und fiktiver Erzählung, deren wesentliche Handlungsstränge die unterschiedlichen Wege des Ehepaars Ayan und Samir von Somalia nach Europa beschreiben.

Die beiden Eheleute sind ein ungleiches Paar, nicht allein der sozialen Herkunft nach. Die zielstrebige Ayan ist – ungewöhnlich für eine Frau in Somalia? – die treibende Kraft der Beziehung.

Ayans Großmutter war noch eine strenge Nomadin, die Wert darauf legte, dass ihre Enkel die „Blutlinien“ des Familienstammbaums auswendig lernten. Ayans Vater hatte bereits den Posten einen Direktors der Stadtwerke von Mogadischu inne, weil er zum Clan des damaligen Staatschefs Siad Barre gehörte. Und Tante Fadumo finanzierte ihr eine Schulbildung nach westlichem Standard mit anschließender Ausbildung zur Übersetzerin.

Samir dagegen ist Fischer wie schon sein Vater und Großvater Fischer waren. Sein größtes Talent ist es, jeden beliebigen Motor wieder in Gang zu bekommen. Als Ayan schwanger wird, beschließt er, sich einen neuen Job zu besorgen, denn der Fischfang ist wenig einträglich in einem Land, dessen Fischgründe von ausländischen Trawlern geplündert werden, weil es nicht mehr in der Lage ist, seine Grenzen zu schützen.

Es ist sicher nicht falsch zu sagen: Ayan ist eine Persönlichkeit, deren Charakter geprägt ist vom Einfluß des Umgangs mit den europäischen Kolonialmächten und dem ambitionierten Versuch, nach dem Ende der Kolonialherrschaft in Somalia große gesellschaftliche Umwälzungen nach sozialistischem Vorbild in Gang zu setzen. Diese Reformen scheiterten und riefen – wie im Fall der katholischen Kirche als Antwort auf die Reformen Luthers – eine entsprechende Gegenreformation auf den Plan: den Islamismus, der sich gegen alle Arten Veränderung wehrt, die nicht seinen traditionellen Vorstellungen entsprechen.

Samir ist kein Islamist, aber dem traditionellem Leben und seinen Werten verbunden. Er ist ein „guter Kerl“, der niemandem etwas Böses will und damit zufrieden wäre, für sich und seine Familie ein Auskommen zu finden. Eben deshalb aber ist er auch prädestiniert, von andern für deren Zwecke eingespannt und ausgenutzt zu werden. Durch widrige Umstände und auf Zuraten eines falschen Freundes, der nach einigen Jahren im Londoner Asyl in die Heimat zurückkehrt, wird er zum Piraten. Schon auf der ersten Kaperfahrt wird er von der niederländischen Marine festgesetzt und nach Deutschland gebracht, wo ihn ein Gerichtsverfahren erwartet.

Ayan wird zu gleichen Zeit massiv bedroht, ob von Islamisten oder mit den Piraten verflochtenen Kriminellen ist nicht genau erkennbar, letzten Endes aber nur sekundär. Denn wenn man in Gefahr gerät, ist es nicht wichtig, woher diese Gefahr kommt. Wichtig ist, der Gefahr zu entkommen. Und um das zu erreichen, verläßt Ayan, hochschwanger, die ihr vertraute Umgebung und flieht nach Dadaab, in das derzeit weltgrößte Flüchtlingslager auf kenianischem Territorium.

Dort nimmt sie über das Internet Kontakt mit ihrer Tante Fadumo auf, die seit Jahren in den USA lebt und ihr per Moneytransfer eine beachtliche Geldsumme („Noch nie hatte sie so viel Geld besessen“) zukommen lässt.

Das Internet, der elektronische Geldtransfer, die Mobilfunknetze und -telefone, kurzum die Treiber der digitalen Revolution, die von den Industriestaaten ausgehend inzwischen auch in weiten Teilen Afrikas Fuß gefaßt haben, das alles weiß Ayan zu ihrem Vorteil nutzen. Sie ist nicht nur offen für die globalisierte Welt, sie ist auch dafür bereit, ein Teil von ihr zu werden.

Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, aus Dadaab als Kontingentflüchtling in einen Teil der Welt zu gelangen, der bessere Lebensbedingungen bietet, äußerst gering. Nur für fünf von zehntausend Menschen bietet sich diese Möglichkiet wie für Ayans Tante Fadumo einige Jahre zuvor. Deshalb nimmt Ayan ihr Geld und begibt sich mit Hilfe von Schleppern auf den Weg nach Europa.Ihr Mann Samir beobachtet derweil im Hamburger Gefängnis, wie sich skrupellose Piratenanführer als schutzbedürftige Angehörige verfolgter Minderheiten ausgeben und mit der deutschen Justiz ihre Spielchen treiben.

Michaela Maria Müller zeigt anhand von Fallbeispielen, wie die grundlegenden Mechanismen der Migration funktionieren. Es ist eben keineswegs allein „die nackte Not“, die Menschen antreibt. Für die Flucht über die erste Grenze mag das Grund genug sein, aber nicht für den weiteren Weg. Der ergibt sich aus einer Kette von Verknüpfungen und wohlüberlegter Kalkulation von Chancen und Risiken.

Alles in allem ist „Auf See“ ein ausgewogenes und vielschichtiges Buch. Vor allem profitieren die Beschreibungen des Alltagslebens von mehrwöchigen Aufenthalten der Autorin in Somaliland. Das Einstreuen von Begriffen und Redewendungen aus der Landessprache gibt mir als Leser eine große Nähe zu den handelnden Personen.

Kritisch anzumerken ist, dass bei der Frage nach den Ursachen für die politische Instabilität Somalias die Kritik an den westlichen Industrienationen, insbesondere den USA, einen sehr breiten Raum einnimmt, während arabische Staaten, der Iran und die Volksrepublik China als gleichwertige Akteure nur am Rande erwähnt werden.

Das ist schade, da gerade der brisante Fall des Transports von Munition chinesischer Herkunft auf einem deutschen Entwicklungshilfeschiff von Mogadischu nach nach Port Sudan, im Februar 1989 organisiert von einer Firma mir Sitz in Saudi-Arabien, ein guter Ansatzpunkt gewesen wäre, sich eingehender mit der multinationalen Interessenlage in der Region zu beschäftigen.

Im Afrika Jahrbuch 1989, herausgegeben vom Institut für Afrika-Kunde, ist in diesem Zusammenhang auf Seite 260 zu lesen, dass die USA wegen des anhaltenden Bürgerkrieges in jenem Jahr fast ihre gesamte Entwicklungshilfe und „die ohnehin bescheidene Militärhilfe in Höhe von 2.5 Mio Dollar“ einfroren. Dafür setzte Libyen seine Militärhilfe fort, und im Sommer 1989 lieferten die Vereinigten Arabischen Emirate an die somalische Regierung Fahrzeuge, Waffen und Munition.

Freilich ist eine alle Details umfassende historische Aufarbeitung von über vierzig Jahren somalischer Geschichte in einem Buch wie „Auf See“ nicht zu leisten. Es ist eine Geschichte, die von Menschen handelt und dem Leser viel Wissenswertes, auch Anregungen für eigenes Nachdenken, mit auf den Weg geben will. Diesem Anspruch wird das Buch in allen Belangen gerecht und die Umsetzung ist vor allem in erzählerischen Teil hervorragend gelungen.

Erschienen ist „Auf See“ im Frohmann Verlag.

Gebundene Ausgabe EUR 19,90
E-Book EUR 5,99

Nachsatz: Einige Fakten zum Waffenhandel

Ausgehende von dem im Buch erwähnten Fall des Transports chinesischer Munition auf einem deutschen Entwicklungshilfeschiff habe ich einige weiterführende Recherchen im Internet zum Thema Waffenhand und Waffenexport und den deutschen Anteil daran gemacht.

Der diesem Abschnitt des Buches zugrunde liegende Artikel aus dem SPIEGEL findet sich hier:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13493008.html

In dem Buch „Chinas strategische Partnerschaft mit dem Sudan“ von Barbara Farkas ist zu lesen: „Die ersten chinesischen Waffenverkäufe an den Sudan fanden mit Finanzierung durch den Iran Ende der 1980er Jahre statt. Die Waffenverkäufe zwischen 1985 und 1989 an den Sudan betrugen 50 Millionen USD.“ (1990: 400 Mio. USD, 1991: 300 Mio USD)

Bei einem Listenpreis von 150 USD für eine „Kalaschnikow“ kann man mit den genannten Summen schon einige Divisionen à 5000 Mann ausrüsten und einsetzen.

Der Listenpreis bezieht sich auf das russische Original. Chinesische Derivate dürften billiger sein, manche sagen: weniger als 100 USD.

M-16 aus USA und deutsche G3 kosten das Vierfache des russischen Listenpreises, siehe:

https://en.m.wikipedia.org/wiki/Comparison_of_the_AK-47_and_M16

Alles in allem sind heute weltweit mehr als 100 Millionen Kalaschnikows im Einsatz, daneben 8 Millionen M-16 und 7 … 10 Millionen G3

(7 Millionen laut https://de.m.wikipedia.org/wiki/HK_G3, 10 Millionen laut http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Kleinwaffen/g3.html)

Einen eindrucksvollen Gesamtüberblick zur Einsatzbreite des G3 gibt es hier: 

http://www.guns.com/2014/03/15/heckler-koch-g3-battlerifle/

Es ist dabei anzumerken, dass die meisten G3 nicht in Deutschland hergestellt wurden, sondern unter Lizenz in Pakistan, Iran, der Türkei und Mexico. Diese Lizenzen wurden zu einer Zeit vergeben (Iran: 1967), wo man sich nicht vorstellen konnte, dass einige dieser Länder einmal zu einem Problem für Deutschland selbst werden könnten.

Der Sudan selbst baut seit Mitte der 90er Jahre eine Variante des G3 („Dinar G3“) in eigener Regie. Die zur Herstellung notwendigen Maschinen und Anlagen dafür lieferte einmal mehr der Iran:

https://en.m.wikipedia.org/wiki/Military_Industry_Corporation

In der DDR wurde in den 1980er Jahren die MPi 940 „Wieger“ für den Export nach Peru, Indien, Ghana, Nigeria und Uganda entwickelt. Es handelt sich dabei um ein Kalaschnikow-Derivat, das NATO-Standard-Munition Kaliber 5.56 x 45 mm (anstelle Ostblock-Standard 5.45 x 39 mm) benutzt: 

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wieger

Die Original-Konstruktionsunterlagen scheinen verschollen und könnten möglicherweise in den USA gelandet sein:

http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/TOP-THEMA/Auf-der-Spur-der-vergessenen-DDR-Waffe-Wieger-artikel1683135.php

Auch beim Kaliber 7.62 muss man aufpassen, ob man es wie im Buch erwähnt mit NATO-Standard 7.62 x 51 mm oder Kalaschnikow-Standard 7.62 x 39 mm zu tun hat. Der Teufel sitzt wie so oft bei kniffligen Fragen im Detail.