Legenden und Staub

Die Grundidee ist schnell erzählt. Zwei Menschen, die sich vorher noch nie getroffen haben, begegnen sich 1998 im Künstlerdorf Schöppingen und treten einander mit gemischten Gefühlen gegenüber. Denn die eine ist bosnische Muslima, der andere assyrischer Christ.

Sargon Boulus verließ 1967 den Irak, um erst in Beirut, dann in den USA als Dichter und Übersetzer die arabische Sprache zu erforschen und die Vielfalt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern.

„Das Wörterbuch der arabischen Sprache umfaßt zwanzig Bände“, lese ich staunend. „Nur dass natürlich viele Fundamentalisten diese zwanzig Bände mit der Entwicklung unserer Sprache ignorieren. Sie haben nur noch ein einziges Buch im Kopf.“ Dabei seien viele Worte, die der Koran verwende, nicht einmal arabischen Ursprungs.

Sargon, dessen Familie aus dem Norden Iraks stammt, bringt dem Leser mit seinen Erinnerungen an Kindheit und Jugend eine Region und Kultur nahe, die schon lange von Kämpfen zwischen rivalisierenden Volksgruppen geprägt ist.

Sunnitische Kurden jagen und ermorden die christlich-assyrische und -chaldäische Bevölkerung (auch das war übrigens ein Völkermord). Schiitischen Turkmenen schiessen wahllos in die Menge eines kurdischen Volksfestes, worauf die Kurden mit Massakern an Turkmenen antworten. Am Ende kommt die irakische Armee, um „aufzuräumen“, bezieht allerdings Stellung in einem ausgetrocknetem Flussbett …

In Bagdad konnte Sargon zwar Literatur studieren, doch erschien ihm das Verständnis dafür durch Normen diktiert, die aus der Blütezeit des Islams stammen, der 1258 mit der Eroberung Bagdads durch die Mongolen ihr Ende fand. Die Mongolen köpften den letzten Kalifen der Abbasiden-Dynastie auf irakischem Territorium und warfen die Bücher der berühmten Bibliothek in den Tigris. Es heißt, die sich auflösende Tinte habe das Wasser des Flusses schwarz gefärbt.

Seine Wanderung durch die Welt führte den Dichter Sargon anschließend in den Libanon, ein Land, das damals, Ende der 1960er Jahre, Musterbild einer multi-kulturellen und multi-religiösen Gesellschaft war: „Es gab viele (christlich-muslimische) Mischehen. Und die Mädchen am Strand trugen aufreizendere Bikinis als die in San Tropez. Die multikulturelle Struktur sorgte für geistige Offenheit; es war keine Sekunde lang wichtig, ob jemand Christ oder Jude war, Sunnit oder Schiit, Druse oder Assyrer. Fortschritt, Fortschritt, Fortschritt, raunte und wogte es um uns herum.“

Auch das Jugoslawien Titos, in dem Safeta Obhodjas aufwuchs, gab sich durch und durch kosmopolitisch. Die Verschleierung muslimischer Frauen war per Gesetz verboten. Da im elterlichen Haushalt kaum muslimische Traditionen gepflegt wurden und in der Schule gepredigt wurde, das alles sei längt überwunden, glaubte Safeta, dieser Teil der Vergangenheit beträfe sie nicht.

Die Ernüchterung kam nach der Heirat und dem Einzug bei ihrer Schwiegermutter, die traditionell das Kommando im Haushalt führte:

Ein Buch in der städtischen Bibliothek ausleihen?

Eine Mutter und Hausfrau hat innerhalb der eigenen vier Wänden zu leben und dafür zu sorgen, dass es dem Ehemann und den Kindern an nichts fehlt! Also frag‘ deinen Mann und erst, wenn er mir bestätigt, dass er es erlaubt hat, lasse ich dich gehen.

Über den Bosnien-Krieg, in dessen Zentrum sich Safeta mit ihrer Familie plötzlich befand, ohne es wahrhaben zu wollen, will ich an dieser Stelle nichts schreiben. Wer sich für der Psychologie der Massen und das Verhalten des Einzelnen darin interessiert, sollte ihre Erinnerungen aber unbedingt lesen. Literarisch hat sie diese Zeit in dem schon von mir besprochenen Roman „Die Bauchtänzerin“ verarbeitet: http://www.woerterwoelfe.de/?p=3473

Nach einer abenteuerlichen Gratwanderung ums Überleben strandete sie mit ihren Töchtern in Wuppertal, ohne Ziel, ohne Träume. Aus der Notwendigkeit, das jeweils Nächstliegende tun zu müssen, begann sie wieder zu schreiben und arbeitete sich Satz für Satz vorwärts. Auch auf Deutsch, was sie erst einmal lernen musste.

Nach mehr als zwanzig Jahren Exil in den USA ist auch Sargon Boulus desillusioniert. Nichts blieb von seinem Traum, als Dichter und Übersetzer Brücken zu bauen zwischen Orient und Okzident. Der letzte Rest seiner Hoffnung wird von den amerikanischen Bomben zerstört, die den Irak treffen und damit auch Sargons Bruder und seine Nichten als letzte noch im Land gebliebene Familienmitglieder zwingen, es zu verlassen. Er besucht sie im Flüchtlingslager in Amman, Jordanien, Ende der 1990er Jahre.

Ein Drittel der Frauen dort ist verheiratet und hat gelernt, aus Sägemehl Brot zu backen. Das können ihre Kinder zwar nicht essen, aber es gibt den Frauen zumindest das Gefühl, nicht untätig zu sein. Die übrigen zwei Drittel, zu denen die Nichten gehören, warten und klammern sich an die Hoffnung, durch einen unwahrscheinlichen Zufall einen Ehegatten zu finden, eine wohlhabenden frommen Mann, der in Amerika oder Europa lebt und nur zur Besuch in der jordanischen Hauptstadt weilt.

Derweil putzen sie bei reichen Jordanierinnen für wenige Dinar, die auch nur dann ausgezahlt haben, wenn die reichen Damen Lust dazu haben. Doch viel schlimmer, erzählen sie ihrem Onkel, sind die garstigen alten Frauen, die jeden ihrer Handgriffe überwachen.

An diesem Punkt treffen sich einmal mehr die Geschichten beider Autoren.

Als Rastloser auf der Suche nach Formen der Sprache und dem eigenen Platz in der Welt starb Sargon Boulus 2007 in Berlin, neun Jahre nach seiner ersten Begegnung mit Safeta Obhodjas.

Das gemeinsame Buch „Legenden und Staub“ erschien erstmalig 2001 im LIT Verlag und ist inzwischen in der 3. Auflage erhältlich als Taschenbuch zum Preis von 17,90 Euro.