Der gestiefelte Kater trifft Godot

Es war einmal ein Kater, der hatte drei Söhne, und als der Kater starb, teilten sie sich die Erbschaft.

Der älteste Sohn bekam die Mühle, der mittlere eine Luxussuite im Versuchslabor, die der Kater aus Gründen der Altersvorsorge erworben hatte. Für den jüngsten Sohn aber blieb nur ein Paar Stiefel.

Da sprach er zu sich selbst: „Ach, ich habe es doch am Allerschlimmsten getroffen. Mein ältester Bruder kann mahlen, der andere Mäuse fressen so viel er will. Obendrein hat er alle medizinische Eingriffe für Umsonst. Aber was soll ich mit einem Paar Stiefel?“

„Zieh mit uns in die Welt hinaus und lerne Miezen zu checken“, sprachen die Stiefel. „Dann soll dir bald geholfen sein.“

Der jüngste Sohn des Katers, der selbstredend auch wiederum Kater war, tat wie ihm geheißen. Kaum hatte er die Stiefel angezogen, als sie auch schon mit ihm durch die Welt zu laufen begannen über Berg und Tal, durch Felder und Wälder. Und er checkte die Miezen, die ihm begegneten, und entwickelte darin eine solche Meisterschaft, dass er die Checkliste erfand und schließlich sogar das Checker Taxi, um die Miezen zuvorkommend nach Hause begleiten zu können.

Eine wilde Kätzin, die Sängerin war und auf den Namen Kim hörte, war davon so begeistert, dass sie dem Kater sogar einen eigenen Song widmete: „Checkered Love“. Oder so ähnlich …

Irgendwann aber war es der Kater es leid, immer nur durch die Welt zu wandern und neue Miezen kennenzulernen. Deshalb beschloß er, sich auszuruhen und kehrte in eine Lokalität ein, die auf den ersten Blick ein Wirtshaus zu sein schien, denn es saßen Menschen auf Stühlen, die hatten Getränke in ihrer Hand und unterhielten sich.

Es war aber kein Wirtshaus, sondern Der etwas andere Buchladen, und die Menschen darin warteten auf die Lesung einer verzaubernden Schriftstellerin.

Als die Schriftstellerin kam und sich an den Tisch setzte, an dem sie aus einem Ihrer Bücher vorlesen würde, lehnten sich die Leute entspannt zurück, und der Kater nutzte die Gelegenheit, sich für eine Weile seiner Stiefel zu entledigen.

Kurz nachdem die Schriftstellerin die ersten Zeilen gelesen hatte, war er bereits eingenickt und träumte davon, dass es Würfelmolche regnete. Auf der Jagd nach ihnen kam er in ein Casino, wo die Menschen zu Salzsäulen erstarrt waren und er beim Roulette, egal worauf er setzte, immer gewann. Am Ende trug er einen riesigen Berg Jetons zur Kasse, die in druckfrische 100-Euro-Scheine umgetauscht wurden. Der Kater benötigte einen großen Sack, um die Banknoten wegtragen zu können.

Er warf sich den Sack über die Schulter und trat damit auf die Straße hinaus.

„Was rumpelt und pumpelt in meinem Sack herum?“, murrte er laut. „Ich dachte, es wären Rebhühner. Dabei sind’s lauter Euro-Scheine.“

Er trug das Geld zur Bank, um es auf sein Konto einzuzahlen. Aber die Bankangestellten lachten ihn aus und stellten ihm einen Feuerkorb hin, damit er die Geldscheine anzünden und sich am Feuer wärmen können. Das Casino, in dem er gewonnen habe, sagte sie ihm, gehöre doch keinem anderen als Mario, dem mächtigen Draghi, und der habe in der Zeit, wo der Kater gewonnen hatte, die Geldmenge M3 um das Zehntausendfache erhöht. Inflation, davon habe der Kater doch bestimmt schon gehört …

Außer sich vor Wut war der Kater drauf und dran zu explodieren, besann sich aber und beschloß, die verzaubernde Schriftstellerin aufzusuchen, denn er hatte gehört, sie könne nicht nur Stroh, sondern auch Papierscheine in Gold verwandeln.

Die Residenz der Schriftstellerin befand sich in einem finsteren Hinterhof mit hellem Dachgeschoss. Es war aber kein Durchkommen zu ihr, denn die Wohnanlage war umgeben von einem tiefen Wassergraben in dem überaus hungrige Miethaie schwammen. Vor dem Wassergraben drängte sich das Volk.

Das Volk trug Transparente und Poster, mit denen es die verzaubernde Schriftstellerin aufforderte, das Land zu verändern. Dem Kater, der von Politik wenig Ahnung hatte, kam es so vor, als wäre es den Leuten am liebsten, wenn das Land über den Tag verteilt seine Farbe wechselte. Es sollte tiefrot sein, wenn die Sonne am Morgen im Osten aufging, rosig in den Vormittagsstunden, gelb, wenn sie mittags ihren Zenit erreicht, saftig grün am späten Nachmittag, und schwarz war es nachts ohnehin schon.

Ein paar Verrückte forderten auch noch Braun, für die Zeit, in der sie auf der Toilette saßen, aber das war den meisten anderen zuwider.

Trotzdem hatte sich eine zunehmend stärkere Alternative gebildet, die Bunt insgesamt ablehnte, und als Farbe für das Land ein einheitliches Blau forderte, wie man es sich vom Himmel herunterlügen konnte.

Es herrschte also bezüglich der Wunschfarbe größtmögliche Uneinigkeit. Einig waren sich aber alle Fordernden, dass sie – und nur sie allein – das Volk seien, wie sie in gemeinsamen Sprechchören immer wieder betonten. Und weil die verzaubernde Schriftstellerin keine Möglichkeit sah, es diesem Volk, das immer alles auf einmal haben wollte, Recht zu machen, hatte sie die Zugbrücke ihres Anwesens hochgeklappt.

Der Kater begriff, dass es für ihn und sein Anliegen hier kein Durchkommen gab. Verzweifelt griff er in den Sack mit den Banknoten und warf sie bündelweise in den Wassergraben.

Als das Volk, das vor dem Graben stand, das viele Geld im Wasser schwimmen sah ohne die Bedeutung der Geldmenge M3 zu kennen, vergaß es alles, was es an Farben im Kopf hatte und sprang in den Graben hinein. Die Miethaie freuten sich.

Nachdem die Leute auf diese Weise alle verschwunden waren, ging der Kater, jetzt mit einem leeren Sack, zur Zugbrücke und läutete die Glocke.

Statt der Schriftstellerin schaute ein Mann mit Hut aus dem Fenster. Er befand den Kater für ungefährlich und öffnete das Tor.

„Das ist Godot“, stellte die verzaubernde Schriftstellerin den Mann mit Hut dem Kater vor, nachdem dieser sie begrüßt hatte.

„Was? Nur Godot?“, fragte der Kater.

„Ja.“

„Das ist komisch.“

„Was?“, fragte die Schriftstellerin zurück.

„Na, Godot ist nun einmal kein Vorname, so viel ist klar. Also muss es ein Nachname sein. Woraus sich die Frage ergibt: Wie lautet sein Vorname?“

„Der Vorname? Von Godot?“

Der Kater nickte, und die Schriftstellerin zuckte mit den Schultern. Es war ihr neu, dass Godot je einen Vornamen gehabt hätte. Es war ihr auch unmöglich, sich eben mal so schnell einen Vornamen für Godot auszudenken, denn alle männlichen Vornamen, die ihr spontan einfielen wie zum Beispiel Horst, Klaus, Peter und Thomas schienen ihr unpassend.

Zum Glück gab es einen Zeichner, dessen Illustrationen die Geschichten der Schriftstellerin komplettierten. Er hatte die Frage des Katers bereits auf dem Titelbild des Buches beantwortet, das von Godot handelte.

„Da steht’s doch“, sagte der Kater und deutete auf den Hut. „Er heißt Roman. Roman Godot. Ein schöner Name.“

Das fand auch die Schriftstellerin, die ihrerseits sagte: „Tatsächlich perfekt. Und wie kann ich dir helfen, Kater?“

Der Kater wurde verlegen, fiel ihm doch just in diesem Moment ein, dass der eigentliche Grund seines Besuchs inzwischen wortwörtlich gegenstandslos geworden war.

„Ach“, seufzte er, „ich bin so alleine. Meine Stiefel, sie tragen mich unentwegt über Berg und Tal, durch Felder und Wälder, von einer Mieze zur anderen – obwohl ich das gar nicht mehr will. Ich möchte seßhaft werden und glücklich, so wie die meisten Leute, die aufhören zu arbeiten, nachdem sie einen Job gefunden haben.“

„Und die Stiefel lassen dich nicht zur Ruhe kommen?“

„Nein. Sie wollen immer weiter und weiter. Sagen, es wäre ihre Bestimmung, auf ewig mit mir durch die Welt zu wandern.“

„Das läßt sich schnell ändern“, sagte die verzaubernde Schriftstellerin und modifizierte im Märchen von Dornfröschchen einen unscheinbar wirkenden Nebensatz.

„Das mit den Stiefeln wäre geklärt“, sagte sie sodann. „Noch etwas?“

„Naja“, druckste der Kater herum, „ich hätte schon ganz gern auch eine feste Beziehung.“

„Wie stellst du dir die denn vor?“

„Ach naja“, sagte der Kater, und überreichte der Schriftstellerin ein lange Checkliste mit allen positiven Eigenschaften, die nach seinem Dafürhalten zu einer perfekten Kätzin gehörten.

Die Schriftstellerin meinte, eine solche Katze könne es gar nicht geben, aber der Kater bestand darauf, denn die Liste sei dank seiner langjährigen Erfahrungen in jedem Fall repräsentativ.

Sie stritten eine Weile, und der Ton wurde zunehmend lauter. Es würde nicht mehr lang dauern, bis hier die erste Tür knallte. Da sagte plötzlich Godot: „Also ich habe einmal eine fantastische Katze kennengelernt. Sie hieß Inri, nein … Ingrid. Und sie war so wow und machte so mau!“

Der Kater hing an Godots Lippen, die ihm Ingrid so lebendig beschrieben als stünde sie mitten im Raum.

Godot erzählte, wie Ingrid zusammen mit anderen Katzen und sogar Hunden vom Himmel gefallen war, und der Kater spürte, wie der Boden unter seinen Füßen verschwand und er selbst ins Bodenlose fiel und fiel und fiel … Und als er merkte, dass es ihm nicht gelingen würde, auf seinen vier Pfoten zu landen wie es sich für einen Kater gehörte, begann er zu schreien.

Der Schrei des Katers gellte durch Den etwas anderen Buchladen und wurde von den Wänden reflektiert.

Der Schriftstellerin blieb der angefangene Satz im offenen Mund stecken und alle Anwesenden drehten sich zu dem Kater hin, der mit seinem Stuhl nach hinten gekippt und hart auf dem Boden aufgeschlagen war.

„Ingrid“, stammelte der Kater, als er verwirrt die Augen aufschlug. „Ingrid.“

„Ah ja“, sagte die verzaubernde Schriftstellerin, sprang behende nach vorn und fing den Kater mit ihrem Buch ein.

Dann betrachtete sie zufrieden die Stiefel des Katers, die immer noch neben dem umgekippten Stuhl standen, aber kein Wort mehr sagen konnten, weil ihnen jemand die Schuhspitzen abgenagt hatte.

Mit einem Lächeln brachte die Schriftstellerin für ihr Publikum den vorher begonnenen Satz zu Ende. Dann schloß sie das Buch, in dem der Kater verschwunden war, um bei Ingrid zu sein.

Sie warf einen Blick in die Runde, der keinerlei Widerspruch duldete.

Laut und bestimmt erklärte sie allen Anwesenden: „Ab – jetzt – ist – Ruhe!“