Waterloo – Eine Schlacht verändert Europa

Es gibt nur wenige Autoren, welche die Genre Sachbuch und Roman gleichermaßen bedienen können. Einer von ihnen ist Bernhard Cornwell.

Der gebürtige Brite bekam nach Heirat mit einer US-Amerikanerin und Umzug in die USA dort zunächst keine Arbeitserlaubnis. Also begann der studierte Lehrer mit dem Schreiben – und hatte Erfolg.

Sein Steckenpferd ist der historische Roman mit Schwerpunkt auf Schlachten und Kriegsgetümmel. Seine Uhtred-Saga, zeitlich im Mittelalter angesiedelt, steht bei LARP-Spielern* hoch im Kurs.

Ich wurde allerdings auf ihn aufmerksam durch ein Sachbuch: Waterloo – eine Schlacht verändert Europa. Wobei mich der vom Verlag verfaßt Klappentext zunächst abschreckte. Denn es wurde verkündet, der Autor ließe den Leser „durch ein Meer von Blut waten“.

Ein Blick in die Leseprobe überzeugte mich dann aber doch vom Kauf, denn sie zeigte mir, dass es keineswegs um eine Verherrlichung des Geschehens und zweifelhaftes Heldentum ging. Vielmehr legt Cornwell Wert auf historisch korrekte Details und Zusammenhänge, eingebettet in einen Narrativ, der das Geschehen dem Leser beinahe greifbar vor Augen führt.

Was passierte wie, wann und warum? Wer hatte welchen Anteil an diesem Geschehen? Diesen – man kann sagen: klassischen – Fragen geht Cornwell nach.

Die Schlacht bei Waterloo ergibt sich in Cornwells Beschreibung aus der Beschaffenheit des Geländes und Napoleons Ziel, Brüssel zu erobern, um die Allianz seine Gegner zu spalten.

Die Straße nach Brüssel führt über den Hügelkamm von Mont Saint Jean, etwas südlich von Waterloo. Die Straße braucht Napoleon, um die Versorgung seiner Truppen sicher zu stellen. Die Versorgungseinheiten haben Fuhrwerke und kommen nicht, wie die Truppen selbst, gegebenenfalls über Wiesen und Äcker voran. Wer aber bei Mont Saint Jean die blockierte Straße umgehen und über die Wiesen und Äcker vorankommen will, muss bergauf, was anstrengend ist. Zudem führt dieser Weg an Gebäuden vorbei, die aus militärischer Sicht wie kleine Festungen in der Landschaft stehen. Wer sich in den Gebäuden verschanzt, kann die langsam bergauf marschierenden Truppen nach Belieben unter Kreuzfeuer nehmen. Also müssen die Gebäude eingenommen werden, wenn man nach Brüssel will.

Der Rest ist eine Frage der verfügbaren Waffen und Mannschaften und des Timings. Wobei es für die Gegner vor allem darum geht, ihre verfügbaren Einheiten zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Formation aufgestellt zu haben.

Eine in langer Linie aufgestellte Infanterie kann tief gestaffelte Infanteriekolonnen wirksam bekämpfen, ist aber einem Kavallerieangriff auf der Flanke nahezu schutzlos ausgeliefert. Umgekehrt ist es der Reiterei beinahe unmöglich, im Karree formierte Infanterie zu zerschlagen.
Die Kanonen wiederum können jeder größeren Ansammlung der anderen beiden Waffengattungen schwere Schäden zufügen. Doch kommt die feindliche Reiterei den Artilleristen zu nahe, müssen sie sich zurückziehen und ihre Waffen verlassen oder es ergeht ihnen übel.

Cornwell bezeichnet dieses Wechselspiel der Formationen mit ihren Vor- und Nachteilen für die einzelnen Waffengattungen als ein Prinzip von Stein-Papier-Schere.

Nebenher versucht er anhand der Berichte von Beteiligten nachzuzeichnen, was das oben erwähnte Vorgehen für den einzelnen bedeutete.

Dabei ist er als Schriftsteller gegenüber den Filmemachern des History Channels sogar im Vorteil, denn er kann Dinge beschreiben, die man im Bild nicht oder nur mittels Computeranimation darstellen kann. Zum Beispiel das Getreide auf den Feldern im Juni des Jahres 1815. Weizen- und Gerstenhalme wuchsen damals mannshoch – was nebenbei die Frage aufwirft, was heute auf unseren Feldern wächst.

Auch dass Wellington den größten Teil seiner Truppen hinter der Hügelkuppe positioniert hat, um sie vor Napoleons Artillerie zu schützen, ist im Film nur schlecht zu verdeutlichen. Denn dieser Männer tun an sich nichts außer zu hoffen, dass nicht doch eine verirrte Kanonenkugel in ihre Formationen einschlägt. Wenn das passiert, dann reißt das sechs bis zwölf Pfund schwere, massiv gußeiserne Geschoss eine Lücke von fünfzehn bis dreißig Mann in die Infanterie-Formation. Was heißt: es zermalmt die betroffenen Männer. Kann und will man das in einem Film darstellen? Wohl eher nicht. Und wer es sich auch als Leser lieber nicht vorstellen mag, der sollte von Cornwells Büchern am besten die Finger lassen.

Anderenfalls darf man sich fragen, was im Kopf eines Mannes vorgeht, der – wie ein britischer Infanterist und späterer Pfarrer – die von den Franzosen abgefeuerte Kanonenkugel das Rohr verlassen und durch die Luft auf sich zufliegen sieht.

Indem sie solche und ähnliche Momente lebendig machen, gelingt es Cornwell und seiner bei militärischen Fachausdrücken absolut treffsicheren Übersetzerin Karolina Fell immer wieder, den Lesern begreiflich zu machen, wie wenig eine große Schlacht wie Waterloo durch Heldenmut entschieden wurde.

Mehr als alles andere ist es die Lotterie des Zufalls, die Schicksale bestimmt und dafür sorgt, dass sich die Räder der Geschichte drehen.

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Die gebundene Ausgabe ist bei Verlag Wunderlich für 24.95 Euro erschienen.

Taschenbuch: rororo für 12.95 Euro

E-Book (Kindle-Edition) für 10.99 Euro


*LARP steht für Live Action Role Play. Einen sehr guten Einblick in diese Welt bekommt, wer sich im Internet Videos vom jährlich stattfindenden „Drachenfest“ anschaut.