Bei den Tuareg in Agadez

Ein Angehöriger meiner erweiterten Patchworkfamilie verbrachte seinen Urlaub in diesem Jahr an einen doch eher ungewöhnlichen Ort: in einer Siedlung der Tuareg in Niger. Was er darüber berichtete, habe ich hier aufgeschrieben, weil es sich um Eindrücke handelt, die man nicht jeden Tag aus erster Hand hört.

Ich gebe die Dinge hier wieder „wie gehört und verstanden“, ohne ausführlichen Faktencheck. Wer mag oder mehr Kenntnisse und Erfahrungen zum Thema vorweisen kann, ist herzlich eingeladen zu kommentieren.

Um ein Einreisevisum für den Niger zu bekommen, muss man dort jemanden kennen, der einen einlädt. Im Falle meines Patchworkverwandten war das ein Schmied der Tuareg, der schon recht häufig Kontakt zu europäischen Touristen hatte, denen er seinen handgearbeiteten Silberschmuck (siehe Foto zum Artikel) verkauft.

Die Gesellschaft der Tuareg ist nach Kasten geteilt. Die höchste Kaste ist die der Krieger: Adel. Darunter stehen die nomadisch lebenden Viehhirten. Die Schmiede und andere Handwerker stehen im sozialen Rang noch unter den Viehhirten, sind aber deshalb nicht weniger respektiert, weil unverzichtbar.

Traditionell ist die Wirtschaft der Tuareg auf pastorale Viehhaltung ausgerichtet, wobei der Adel die Viehhirten beschützt. Beschützt hat, muss man sagen. Denn der Fortschritt hat es mit sich gebracht, dass Überfälle auf Viehherden selten geworden sind. Deshalb lungert der Adel oft in der Gegend herum, zum Teil in den Städten, und warten auf „Gelegenheiten“. Dazu gehören Öl- und Benzinschmuggel und Beutezüge ins benachbarte Libyen, um die heiß begehrten weißen Pick-Ups aus den Fuhrparken von Firmen, Hilfsorganisationen oder Milizen zu erbeuten.

Diese Pick-ups werden umgerüstet, senkrecht stehende Haltestangen auf die Ladeflächen aufgeschweißt, damit sich eine Gruppe von etwa dreißig Menschen, auf der Ladefläche stehend, an den Stangen festhalten kann. Die Menschen auf der Ladefläche stehen dicht gedrängt bei einander, einen Wasserkanister zwischen den Beinen. Sie kommen aus allen Teilen Westafrikas. Ihr Ziel ist es, über Libyen nach Europa zu gelangen. Die Pick-Ups bringen sie von den nördlichen Städten im Niger (vor allem Agadez) durch die Sahara bis Zielpunkt „befestigte Teerstraße Libyen“. Von dort müssen sie sehen, wie sie weiterkommen.

Bis nach Agadez kommt man bequem und billig mit Bussen. Da Niger zur Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft gehört, ist visa-freies Reisen ohne Passkontrollen wie im europäischen Schengen-Raum für alle Bürger der Mitgliedsstaaten möglich. Mein Patchworkverwandter meint, dass man schon im Bus sofort erkenne, wer in der Gegend bleiben und wer weiter nach Norden reisen möchte. Weiterreisende erkenne man zum Beispiel am Schuhwerk: Converse-ähnliche Sneaker und Plastik-Flip-Flops anstelle der traditionellen Sandalen mit Sohlen aus Rinderhaut.

Der „Fahrdienst“ befindet sich fest in der Hand der Haussa, eines Volkes, das vom nördlichen Nigeria bis hinein nach Niger ansässig ist. In Niger stellen die Haussa auch die Bevölkerungsmehrheit.

Die Haussa, sagen die Touareg, sind gnadenlos. Wenn einer der Leute von der Ladefläche des Pick-Up fällt oder in der Hitze der Wüste zusammenbricht, dann hat er eben Pech …

Die steigende Nachfrage verbunden mit verstärkten Kontrollen auf dem Weg zur libyschen Grenze hat die Beförderungspreise inzwischen auf ca. 500 US Dollar pro Person getrieben. Vor einem Jahr war ein Platz auf dem Pick-Up noch für 150 US Dollar zu haben.

Die Touareg betrachten die Haussa äußert argwöhnisch. Zwar haben beide Völker den Islam angenommen. Aber für die Haussa ist es erstrebenswert, dass ein Mann möglichst viele, also die vom Koran erlaubten vier Ehefrauen und mit diesen Ehefrauen möglichst viele Kinder hat. Ein einzelner begüterter Haussa-Mann kann so im Extremfall an die 60 Kinder in die Welt setzen. Es gibt Haussa-Siedlungen, die vor zwanzig Jahren eine Ausdehnung von zwei Kilometern hatten und heute einen Durchmesser von fünfzehn Kilometern aufweisen.

Bei den Touareg wird hingegen darauf geachtet, dass eine Familie nicht mehr als zwei bis drei Kinder hat. Als Wüstenvolk wissen sie um die begrenzten Ressourcen.

Obwohl die Tuareg islamischen Glaubens sind, beruht ihre soziale Ordnung auf den Prinzipien des Matriarchats. Wenn sie unterwegs sind oder sich ihrem Lager ein Unbekannter nähert, sind die Tuareg Männer vollverschleiert, nur die Augen sind vom Gesicht zu erkennen. Die Tücher, die sie mit Indigo färben, sind tief schwarzblau und haben einen charakteristischen Geruch, der europäischen Nasen nicht eben schmeichelt (davon habe ich mich überzeugt).

Treffen sich zwei Tuareg, die sich nicht kennen, sagen sie die Stammbäume ihrer weit verzweigten Verwandtschaft auf – so wie Michaela Maria Müller das in ihrem Buch „Auf See“ von somalischen Nomaden berichtet. Auch mein Patchworkverwandter musste zuallererst ein lange Abfolge von Redewendungen auswendig lernen, um im Bedarfsfall erklären zu können, er sei Gast des Schmieds, dessen Mutter, Vater, Großmutter, Tante usw. … Das erwies sich als nützlich, wenn nicht lebensnotwendig.

Die Frauen der Tuareg suchen sich ihre Männer aus, indem sie sie vortanzen lassen. Kann ein Tänzer eine Frau überzeugen, wird er in der nächsten Stufe von ihr dazu aufgefordert, seinen Besitz vorzustellen. Meist dienen bunte Handzettel oder Stofffetzen dazu, die Anzahl der Rinder, Kamele und Ziegen zu illustrieren, die ein potentieller Ehemann in die Verbindung einzubringen hätte. Erachtet die Frau das Angebot als ungenügend nimmt sie dem Mann die Zettel oder Fetzen aus der Hand und lässt sie fliegen. (Anm. des Bloggers: Das würde mir nie passieren. Ich hätte schon beim Tanzen verloren.)

Tuareg-Frauen verhüllen ihr Haar nicht. Nur wenn die Mittagssonne sie dazu zwingt, werfen sie ein Tuch über den Kopf.

Als gläubig Moslems beten die Tuareg in Richtung Mekka. Sie benutzen dazu kleine Gebetsplätze, die mit einem Rain aus Steinen eingefasst sind. Ein größerer Stein oder eine Pyramide weist den Blick nach Mekka.

Unmittelbar neben dem Gebetsplatz, ich habe das Foto gesehen, lag ein großer Knochen, zu groß für ein Rind, Kamel oder Ziege.

Von welchem Tier der ist?

Saurier.

Kaum zu glauben, aber es scheint recht häufig vorzukommen, dass der Wind in der Sahara bisweilen ganze Saurierskelette freilegt, die in den Augen der Einheimischen keine Bedeutung haben.

Wichtiger ist ein Besuch lebender Verwandter. Dann feiert man ein kleines Fest.

Die Verwandten brachten als Gastgeschenk fünf Ziegen mit, von denen eine sofort geschlachtet wurde. Eine Hälfte landete auf dem Grill, das abgehäutete Fleisch der anderen Hälfte wurde in die Astgabel eines dornigen Wüstenstrauchs gehängt. Die sengende Sonne macht das Fleisch für die nächsten zwei bis drei Tage haltbar, wo es dann Stück für Stück auf den Grill wandert.

Bratfleisch gehört zu den Nahrungsmitteln, die allenthalben angeboten werden, z. B. am Busterminal in Agadez. Ebenso häufig sieht und isst man Käse. Dafür wird Lab in Kamelmilch gerührt und über Nacht stehen gelassen. Nach vierundzwanzig Stunden hat das eine Mozarella-artige Konsistenz, Geschwabbertes, das nach nichts schmeckt. Dann wird die Flüssigkeit aus dieser Masse mit Hilfe von Bastmatten heraus gepresst, die eckigen Käseplatten zum Trocknen in die Sonne gehängt. Nach dreißig Tagen Reife hat man einen äußerst haltbaren, im Geschmack sehr würzigen Käse, der zur Standardnahrung jeder Wüstenkarawane gehörte.

tl,dr