Akkulturation statt Integration: Der Rechts- und Islamwissenschaftler Mathias Rohe über den Islam in Deutschland

Mit „Der Islam in Deutschland“ gelingt Mathias Rohe eine Bestandsaufnahme, die vieles, was an Meinungen und Bedenken durch Soziale oder andere Medien geistert, von Grund auf überflüssig macht oder doch zumindest in ein sachliches Licht rückt. Wenn – ja wenn! – nur die Menschen mehr Interesse für die Fakten hätten.

Rohe, von Haus aus Rechts- und Islamwissenschaftler, widmet sich in seinem Buch geschichtlichen Einflüssen, verschiedenen Strömungen und Interpretationen des Islam und immer wieder der Frage, wie das praktische Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in einem säkularen Staat funktionieren kann und soll.

Dabei greift er auf einen breiten Fundus von Sekundärquellen wie Umfragen, Gerichtsurteile und publizistische Arbeiten zurück. Das macht seine Argumentation stellenweise trocken, ist aber als Beleg dafür unabdingbar.

Im Detail setzt sich Rohe mit bestimmten Stereotypen auseinander und scheut auch nicht davor, einschlägige Probleme zu benennen. Dabei wartet er nach eingehender Analyse meist mit praktischen Lösungsvorschlägen auf.

Islamische Normenlehre und Deutscher Rechtsstaat

„Die islamische Normenlehre“, schreibt Rohe, „kennt den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz. Bei den meisten Entscheidungen des Lebens ist zwischen überwiegenden Vor- und Nachteilen abzuwägen.“

Das gilt für alle praktischen Belange des Lebens gerade in einer Gesellschaft, die mehrheitlich nicht muslimischen Glaubens ist. So ist zum Beispiel „der Erwerb einer soliden Schulausbildung ohne vermeidbare Konflikte auch in religiöser Sicht stärker zu gewichten als die zeitgenaue Verrichtung religiöser Riten.“

Und: „Der Staat darf unabhängig von den Eltern auch eigene Erziehungsziele verfolgen, wobei er Neutralität und Toleranz gegenüber den erzieherischen Vorstellungen der Eltern aufbringen muss.“

So könne ein angemessener Sexualkundeunterricht „vor Alltagsthemen auch dann nicht Halt machen, wenn – wie z.B. bei außerehelichen Geschlechtsbeziehungen, Empfängnisverhütung oder gleichgeschlechtlichen Beziehungen – teilweise massive religiös motivierte Ablehnung formuliert wird. Sachorientierte Informationen auch in diesen Bereichen sind für Schülerinnen und Schüler unerlässlich. Dahinter müssen abweichende religiöse Überzeugungen zurücktreten.“

Rohe legt großen Wert darauf, zwischen dem Wortlaut religiöser islamischer Schriften und ihrer Interpretation zu unterscheiden. Dabei benennt er als Problem klar eine in bestimmten Bevölkerungsgruppen vorkommende „Mischung aus patriarchalischer Kultur und diese stützender religiöser Haltung“. Menschen mit niedrigem Bildungs- und Sozialstatus folgten unabhängig von der Religionszugehörigkeit traditionelleren Einstellungen und Geschlechterrollen. Ausdrücklich ist diese Feststellung auch Christen zugedacht.

Davon ausgehend hat der Autor „viel Verständnis für Lehrkräfte –insbesondere Lehrerinnen –, die sich über unerträgliches Macho-Gehabe mancher Jugendlichen z.B. mit türkischem oder arabischem Familienhintergrund beklagen, vor allem in Schulen, in denen solche Schüler einen erheblichen Anteil der Schülerschaft stellen.“

Die Ursache dafür sei aber nicht in der Religion zu suchen, sondern zurückzuführen auf die „Prägung in der Familie und im sozialen Umfeld. Nicht selten sind es die Mütter, die ihre Söhne in solchem Geist erziehen.“

Praxisbeispiel Strafvollzug

Das angesprochene niedrige Bildungsniveau zeigt sich unter anderem in einem so prekären Bereich wie dem Strafvollzug:

„In der JVA Wiesbaden sind heranwachsende und junge erwachsene Straftäter aus ganz Hessen im Alter von ca. 18–24 Jahren inhaftiert.“ Der Konfession nach: „katholisch 50, evangelisch 67, muslimisch 94, andere oder keine 46“.

Man entschied sich in Anbetracht dieser Zahlen für die Berufung eines Imams als Anstalts-Seelsorger. Dieser kam nach kurzer Zeit zu dem Schluß: „Für viele muslimische Gefangene stellt die Religion das wichtigste Identitätsmerkmal dar, obgleich sie meist nur über geringes Wissen über den Islam verfügten.“

Es mache also Sinn, folgert Rohe, hier bildungspolitisch aktiv zu werden, nicht nur in der Seelsorge.

Was nebenbei die Frage aufwirft: Wie definiert sich überhaupt ein Muslim?

Dazu ist zu lesen: „Aus juristischer Sicht ist grundsätzlich ein Selbstdefinitionsrecht gegeben: Muslim ist, wer es sein will.“

Der Unterschied zwischen Herkunft und Religion

Falsch wäre es, der Herkunft nach auf die Religion zu schließen. Man bedenke, dass unter den in Deutschland lebenden Iranern sich nur 52% zum Islam bekennen (10% Christen, 38% ohne Religion). Auch unter den befragten Türken bezeichnen sich nur 81,4 % als Muslime. Unter diesen wiederum sind neben den Sunniten die Aleviten als zweitgrößte Gruppe mit 12,7% hervorzuheben.

Wenn man sich näher mit den Aleviten befasst, bemerkt man, wie haltlos bestimmte Stereotype sind.

Ersten gehen die Aleviten nicht in die Moschee, sondern beten in sogenannten CEM-Häusern. Zweitens herrscht Uneinigkeit in der Frage, ob das Alevitentum als Ausprägung des Islam zu verstehen sei oder als eigenständige, aus dem Islam heraus entwickelte Religion. Deshalb bezeichnen sich nur etwa drei Viertel der Aleviten in Deutschland als Muslime.

„Integration“ ist kein gutes Wort

Den allenthalben weit verbreiteten Begriff der „Integration“ lehnt Rohe ab, „weil er suggeriert, dass es eine feststehende deutsche Gesellschaft gibt, in die hinein Menschen (erst) integriert werden müssen.“ Zutreffender wäre es, von „Akkulturation“ zu sprechen.

Auch „Islamophobie“ und „Xenophobie“ hält er für unzutreffende Begriffe. Denn während es sich bei einer Phobie um eine psychische Erkrankung handelt, seien Rassismus und Islamfeindlichkeit von Menschen gewählte Verhaltensweisen.

Auf der anderen Seite spricht Rohe von „Neo-Moslems“ und „Neo-Salafisten“, deren Anzahl in Deutschland er mit etwa 8000 angibt. Viele davon sind Konvertiten, also dem Ursprung nach Deutsche. Etwa 850 dieser Extremisten seien in den vergangenen Jahren nach Syrien gegangen, um für den Islamischen Staat zu kämpfen. Davon seien nach Erkenntnissen der Bundesinnenministeriums etwa 350 inzwischen wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Diese Leute müsse man als kampferfahren und „verroht“ betrachten. Mit Sicherheit eine ernst zu nehmende Gefahr.

Der Untergang des Abendlandes und die Urangst aller Migranten

So wie manche Deutsche den Untergang des Abendlandes fürchten, plagen sich nicht wenige Muslime mit der „Urangst aller Migranten vor kultureller Entfremdung“, die von bestimmten Predigern und Vereinen auch entsprechende ausgenutzt und bedient wird. Exemplarisch dafür steht ein Redner auf der Versammlung einer «islamisch-fundamentalistischen» Vereinigung in Bielefeld, der ausführt:

„Wir haben unsere Kinder verloren!
Stellt Euch vor, der Vater kommt von der Nachtschicht nach Hause, da sieht er, wie der Sohn seine Beine übereinander geschlagen auf dem Tisch liegen hat, weil er sich die Nacht in den Diskotheken herumgetrieben hat, und der Sohn bemerkt die Anwesenheit des Vaters nicht einmal.“

Einem Augenzeugen zufolge sollen die über 2000 Besucher der Veranstaltung mit lautem Schluchzen reagiert haben. Einige seien sogar in Ohnmacht gefallen.

Der Eroberer von Konstantinopel und August der Starke

Es sei, meint Rohe, auffällig und wenig verständnisfördernd wie viele Moscheen in Deutschland den Namen „Fatih“ („der Eroberer“) tragen.

Dies ist der Kampfname von Sultan Mehmed II., dessen Heer 1453 Konstantinopel eroberte und „islamisierte“. Nach ihm ist unter anderem jene Dresdner Moschee benannt, an deren Eingangstür im Vorfeld der Feiern zum Tag der Deutschen Einheit am 26. September 2016 ein Sprengsatz explodierte.

Wie immer, wenn menschliche Emotionen im Spiel sind, ist es nicht einfach, im Auf und Ab, Für und Wieder, die Balance zu halten. Immer wird es Menschen geben, die in ihren Ansichten so festgefahren sind, dass es nicht möglich ist, sie mit der Stimme der Vernunft zu erreichen.

Allerdings ist es eine schöne Ironie der Geschichte, wenn manche von ihnen in der Dresdener Innenstadt demonstrieren unter dem Konterfei August des Starken im Fürstenzug der Wettiner.

Denn ausgerechnet August der Starke, Kurfürst von Sachsen und später König von Polen, hatte eine muslimische Mätresse, mit der er zwei von ihm anerkannte Kinder zeugte. Der Sohn wurde zum Grafen Rutkowski geadelt, die Tochter heiratete den Grafen Bielinski.

Es geht also doch auch anders. Sogar in Dresden.


Info zum Buch:

Rohe, Mathias: „Der Islam in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme“, C.H. Beck, 2016

Taschenbuch: 17,95 Euro, e-book: 13,99 Euro