Alles andere als kalter Kaffee: Starbuck, der Rebell

Bernhard Cornwell schreibt keine Hochliteratur. Trotzdem bieten seine Romane mehr als nur das Erwartbare. Vor allem sind sie historisch fundiert mit dem Ziel, den Zeitgeist der Handlungsepoche möglichst treffsicher widerzuspiegeln.

Sein Roman „Starbuck: Der Rebell“ schiebt das „Big Picture“ strategischer Entscheidungen und historischer Abläufe in den Hintergrund. Vor allem widmet er sich der Frage, warum sich Menschen entscheiden, in Kriegen zu kämpfen, welche Ziele sie damit verfolgen.

Hier finde ich viel Bemerkenswertes, das Cornwell seinen Figuren in den Mund legt.

Da ist zunächst der Held des Buches, Nathaniel Starbuck:

„Es war die Neuordnung der Schöpfung, die Starbuck reizte. Der Krieg, das hatte Starbuck an diesem Tag gelernt, nahm alles, was existierte, schüttelte es durch und ließ die einzelnen Teile fallen, wohin sie fallen mochten.“

Das freie Spiel der Kräfte kommt Starbuck entgegen, der keine Ahnung hat, wie er auf andere Art den Zwängen und Erwartungen entkommen kann, die seine Familie ihm auferlegt. Sein Vater, ein Hass-Prediger im wahrsten Sinne des Wortes, ist ein entschiedener Gegner der Sklaverei oder besser: der Südstaaten. Denn gegen die Sklaverei in Staaten, die der Union angehörten, hatte man bis zum Ende des Krieges im Norden zumindest auf politischer Ebene nichts einzuwenden. Sie wurde erst neun Monate nach dem Ende des Bürgerkrieges und nach Lincolns Tod mit dem 13. Verfassungszusatz abgeschafft.

Getrieben vom Konflikt mit seiner Familie und nach der mißglückten Affäre mit einer wandernden Schauspielerin schließt sich Starbuck, der „Yankee“, einer Einheit des Südens an, die vom Vater seines Freundes Adam, dem wohlhabenden Washington Faulconer, nach Art einer Privatarmee aufgestellt wird.

Obwohl Faulconer ausgedehnte Ländereien in Virginia besitzt, ist auch ihm die Frage der Sklaverei egal, denn er hat seine Sklaven schon vor Jahren in die Freiheit entlassen – aus Liebe zu einer Ambolitionistin aus dem Norden, die ihn dann doch nicht heiratete.

Dann ist da noch Thomas Truslow, ein derber Halunke, der in den Bergen haust und – wenn er nicht anders kann – Pferde stiehlt, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch er ist alles andere als ein Rassist, will aber kämpfen, weil, wie er zu Starbuck sagt:

„Der Norden will uns mehr staatliche Ordnung aufzwingen, das ist es, was sie wollen. Das liegt an diesen Preußen, vermute ich. Die erzählen euch Yankees, wie man besser regiert, und ihr seid dumm genug, auf sie zu hören, aber jetzt ist es zu spät. … der Norden wird sich an die Preußen verkaufen, und wir werden uns weiter recht und schlecht durchkämpfen.“

Wenn man das liest, erinnert es sehr an manches, was dieser Tage erzählt und gepostet wird: einzelne valide Punkte gemischt mit unhaltbaren Spekulation und Behauptungen.

Auf Seiten der Nordstaaten klingt es freilich nicht besser. Maßlose Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit gepaart mit Herabwürdigung politischer und militärischer Gegner überwiegen.

Die Siegesgewissheit beruht auf der zahlenmäßigen Überlegenheit bei den verfügbaren Ressourcen. Und wem das nicht reicht, der beschwört den „Sieg der gerechten Sache“.

Was die Anlage und Motivationen der Charaktere anbelangt, läßt „Starbuck: Der Rebell“ kein Klischee unwiderlegt. Damit eröffnet Cornwell dem Leser überraschende Perspektiven auf die Situation in den USA unmittelbar vor und bei Ausbruch des Bürgerkrieges im Frühjahr/Sommer 1861.

Das Finale der Handlung bildet das erste große Zusammentreffen von Nord- und Südstaatenarmee bei Manassas, im Sprachgebrauch des Nordens: Erste Schlacht am Bull Run.

Kritisch anzumerken ist, dass der Roman im zweiten und anfangs des dritten Kapitels Gefahr läuft, ins Reich der Familiensaga a la „Fackeln im Sturm“ abzudriften, denn da wird viel über die Faulconers kolportiert, das am Ende der Geschichte beinahe überflüssig erscheint.

Das spannungsgeladene Schlussdrittel macht diesen Makel wieder wett.

Aber warum sollte man aus heutiger Sicht überhaupt einen Buch lesen, das von Krieg und Schlachtengetümmel erzählt?

Die Antwort findet sich abermals im Buch selbst, wo einer der Protagonisten erklärt:

„Ich bin an allen Extremformen der menschlichen Existenz interessiert, denn ich neige zu der Überzeugung, dass sich die Wahrheit am deutlichsten in solchen Extremen zeigt, ob es nun die Exzesse der Religion, der Gewalt, der Zuneigung oder der Habgier sind. Eine Schlacht ist nur ein Symptom für einen dieser Exzesse.“


Das Buch in der exzellenten Übersetzung von Karolina Fell ist erschienen bei rowohlt als Taschenbuch (rororo) und e-book für je 9,99 Euro.