Megapixel Liechtenstein: das gleiche Problem wie Google und die NSA

Um es kurz zu machen: Die Lesung der Megapixel-Geschichten in der Lettrétage Berlin-Kreuzberg am 23.10.2016 war ein Vergnügen. Nachdem ich vom 2015er Hildesheim-Projekt nur die Videos kannte, muss ich ehrlich sagen, die Autoren live lesen zu hören und zu sehen ist ein echter Gewinn, die Atmosphäre beinahe familiär.

Der neben den eigentlichen Geschichten inhaltlich hervorspringende Punkt war die Frage: Wie gehen die Autoren mit den Protagonisten ihrer Geschichten um, den Menschen, die mit Hilfe des Narrative Clips Bilder liefern, die Einblicke in hoch intime Bereiche ihres Lebens gestatten? Wie bindet man diese Menschen in Geschichten ein, ohne ihre Persönlichkeit zu verletzen oder sie in einem peinlichen Licht dastehen zu lassen? Oder lässt man es lieber ganz bleiben?

Darüber haben sich alle Gedanken gemacht. Es ist ein Aspekt, der aus den Videomitschnitten nicht so deutlich herauszulesen ist, dafür in der in der Moderation der Veranstaltung – kurzweilig gestaltet von Benjamin Quaderer – eine wichtige Rolle spielte.

2:26 (nachtrag zum 21. jahrhundert)

Thomas Köck sagte: „Es ist unangenehm, sich in die reale Welt hineinzudenken. Ab dem Zeitpunkt, wo man etwas hinzugeben soll, wird es einfacher.“

Köck hat sich zahlreicher Fotos bedient, begann mit einer Art Mini-Animationsfilm und unterlegte den Vortrag mit Musik (die im YouTube Video nicht zu hören ist). Anspruchsvoll, möglicherweise etwas zu viel des Guten, weil es zumindest mir stellenweise schwer fiel, den richtigen Fokus zu finden. Sollte ich mich auf die Bilder an der Wand, die Stimme des Erzählers oder die Musik im Hintergrund konzentrieren?

Die Handlung verlegt er weit weg von der Realität an den Rand eines sich ausdehnenden, von Rissen durchzogenen Universums, wo sie mit einem Knall in Art einer Supernova explodiert.

LLND, Liechtensteiner Landesnachrichtendienst

Ganz anderer Ansatz bei Michael Stauffer. Der nimmt das Konzept der Überwachungs-Kamera wörtlich und beschließt den Aufbau einer Sondereinheit des Liechtensteinischen Geheimdienstes, die den Narrativ Clip als Ausbildungstool benutzt.

Es darf gelacht werden bei dieser Geschichte. Wobei der Witz, mittels Frackingmethoden aus den Tiefen der Liechtensteiner Alpen herausgepresst, vor dem Servieren in teuflisch scharfes Scotch-Bonnet-Chilli-Zynis-Mus getunkt wird, bis dieses ihn vollständig umhüllt. So ist man gezwungen, „Ah!“ und „Oh!“ zu japsen, wenn man sich die Schmankerl auf der Zunge zergehen läßt.

Anders gesagt: Ich werde das Gefühl nicht los, dass Stauffer insgesamt unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Vielleicht sieht er das selbst auch so und hat deshalb seinen Schauspielerkumpel Christian Ahlers als Stellvertreter in die Berliner Lesung geschickt.

Welt und Bühne

Heike Geißler hatte schon in einem Interview mit Sophie Weigand (http://literatourismus.net/2016/09/fragmentkoerner-des-alltags-megapixel-goes-liechtenstein/) erklärt, wie schwer es ihr fiel, sich dem Material und den Menschen dahinter zu nähern. Ich habe sie nach der Lesung noch einmal darauf angesprochen.

„Der erste Schock“, erzählte sie mir, „war die Menge der Daten. Es kam ein unglaublich großes ZIP-File an, das ich nicht sofort auspacken konnte.“

Nachdem das geschafft war, kam der zweite Hammer: die Menge der Bilder, ca. 3500.

„Hast du dir alle angesehen?“

„Niemals. Das ist völlig unmöglich.“

Völlig unmöglich ist es sicher nicht, einen kurzen Blick auf jedes Bild zu werfen, aber es eingehend zu betrachten, um zu erkennen, was sich daraus für die auszudenkende Geschichte verwenden läßt, das ist nicht machbar.

Das führt uns zurück auf die Frage nach dem Leben in der Transparenzgesellschaft, die ja zum Grundstock des Megapixel-Konzepts gehört. Es zeigt sich hier, dass die Autoren auf der Suche nach Rohmaterial für ihre Geschichten in die gleiche Zwickmühle kommen, in die auch alle großen bekannten Datensammler längst geraten sind, zum Beispiel Google und die NSA. Hat man nämlich erst einmal seinen Saugrüssel in die Datenströme versenkt, um darin zu schnüffeln, kann man

nicht alles ungefiltert aufnehmen
nicht alles Aufgenommene sichten
nicht alles Sichtbare innerhalb einer vorgegebenen Zeit auswerten.

Google löst das Problem, indem es die detaillierten Nutzerinformationen für Auswertungen dezentral speichert, nämlich auf den Rechnern und Smartphones der User. Von jeder besuchten Website werden etwas zwanzig sogenannte Third Party Cookies gesetzt, die beliebige Datenkraken mit ihren Fangarmen ertasten können, ohne sich etwas davon tatsächlich einverleiben zu müssen. Das Add-on „Lightbeam“ für den Firefox-Browser macht diese Daten sichtbar – siehe Titelbild dieses Beitrags.

Heike Geißler benutzt das vorhandene Rohmaterial ähnlich selektiv und unter der strikten Prämisse, dass das Private privat bleiben muss. Die wenigen Bilder, die sie verwendet, sind starke Impulse und damit treibende Kraft ihrer Erzählung, der sie den Titel „Welt und Bühne“ gegeben hat.

Allein mit Hilfe der Sprache, des geschriebenen Wortes, gelingt ihr eine Gratwanderung zwischen Realität und Wirklichkeit, ein literarisches Kunstwerk, das in mir sehr lange nachklingt. Es ist als ob sie eine schützende, gleichzeitig vollkommen transparente Hülle zwischen sich selbst und dem – bei der Lesung anwesenden – Kameraträger Herbert Hilbe aufbaut. Nur ausgewählte, unverfängliche Szenen betrachtet sie durch diesen Filter. Das aber intensiv und jedes Pixel einzeln abtastend – bis sie sich zu Megapixeln zusammenfinden.

Für alle, die einen eigenen Eindruck bekommen möchten, gibt es die Videos, Texte zum Nachlesen, das original Bildmaterial und viele Information drumherum hier auf der Website vom Megapixel-Projekt:

http://www.megapixel-projekt.net