Carrie Fisher: Wishful Drinking

Ein Herzinfarkt also war es, die gewöhnliche Todesursache alter weißer Männer.
Märchenprinzessinnen sterben anders. Durch Gift, böse Zaubersprüche oder mit dem Schwert in der Hand im Kampf für die Freiheit.

Allerdings hatte Carrie Fisher schon früh deutlich gemacht, dass sie keine Märchenprinzessin war, auch wenn manche sie dafür hielten.

Vor etwa zehn Jahren bekam ich in einem amerikanischen Buchladen ihr Buch „Wishful Drinking“ in die Hände. Nach kurzem Blättern nahm ich es mit, ließ dafür ein Biografie von Ted Hughes im Regal stehen.

Was mich zum Kauf bewog, war nicht die Aussicht auf Märchenprinzessinen-Anektoden, sondern die kristallklare, ironische Sprache, ein leicht verständliches Englisch, das auf Vokabeln jenseits der Alltagssprache verzichtete. Außerdem die Neugier auf Einblicke in das Leben einer Frau, die ich zu diesem Zeitpunkt bereits als Schauspielerin und Romanautorin kannte. „Grüße aus Hollywood“ (Postcards from the Edge) hatte ich Mitte der 90er gelesen und es hatte mir gut gefallen, weil die Protagonistin so ziemlich alles heraussprudeln ließ, was ihr durch den Kopf ging. Auch das waren bereits Einblicke gewesen, obgleich es sich um einen fiktionalen Charakter handelte.

„Wishful Drinking“ macht genau da weiter. Diesmal aber non-fiction, nicht todernst, das nun wirklich nicht, aber sich an den Fakten ihrer Biografie entlanghangelnd.

Die Perspektive, die Carrie Fisher für ihre Betrachtungen wählt, zielt auf Leser, die ihrerseits denken mögen, der Weg für die Karriere der Tochter berühmter Eltern sei auf denkbare Weise vorbestimmt und geebnet. Nachdem der Ruhm aus „Star Wars“ und „Blues Brothers“ die holde Prinzessin umwehte, war dann auch schon der Punkt erreicht, an dem es in Märchen heißt: „Und sie lebte(n) glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“

Na gut, scheint Carrie Fisher in ihrer Schreibe zu sagen, ich hatte ein paar Dinge, die andere Mädchen nicht hatten. Ich will euch das mal erzählen, und dann denkt bitte noch einmal nach, ob ihr das wirklich auch hättet haben wollen.

Ich für meinen Teil war nach dem Lesen der Kapitel über Kindheit und Jugend dankbar, meine Pubertät nicht als Tochter/Sohn einer berühmten Schauspielerin mit wechselnden Ehemännern durchleben zu müssen.

Nun gibt es zweifellos Mädchen, die davon träumen, wenn schon nicht selbst ein Star zu werden, dann doch wenigstens die Partnerin eines Stars zu sein. Auch darüber kann Carrie Fisher erzählen, denn sie war in den 1980ern für zwei Jahre mit Paul Simon verheiratet. Es endete mit einer Scheidung und damit, dass sie einander weitere zehn Jahre umspannen. „We re-dated„, schreibt sie, was grundverschieden sei von einer re-marriage a la (Stiefmutter) Elizabeth Taylor.

„Wenn du es hinkriegen könntest, dass Paul Simon einen Song für dich schreibt, dann mach es!“, empfiehlt Carrie Fisher allen, die darauf versessen sind. Und bringt sogleich ein Beispiel, den Song „She Moves On“. Der beginnt wie folgt:

She is like a top
She cannot stop …

Und weiter:

I am afraid that I’ll be taken
Abandoned and forsaken
In her cold coffee eyes …

Das ist tiefgründig. Und ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, Paul Simon arbeitet sich hier mit der Eleganz eines Schaufelradbaggers zum Kern des menschlichen Wesens vor.

Unbenommen sind es stets die sensibelsten Männer, die sich in den Klauen machtlüsterner weiblicher Bestien wiederfinden. Mit Arglist in die Falle gelockt, können sie selbst nicht sagen, wie es geschah. Und es bedürfte der Kühnheit eines Han Solo, um sich selbst wieder freizukämpfen. Was uns zum Thema aller Themen bringt, die sich bei Nennung des Namens Carrie Fisher aufdrängen: Star Wars.

Sie hat auch in anderen Filmen gespielt, sogar ein erfolgreiches Drehbuch verfasst. These Old Broads hieß der Fernsehfilm, der die Love Story um Debbie Reynolds, Eddie Fisher und Elizabeth Taylor aus den 1950er Jahren zum Thema hat. Das Beste daran: die Reynolds (Carries Mutter) und die Taylor (Stiefmutter) spielen darin mit. Außerdem Shirley McLaine und Joan Collins.

Kleiner Teaser gefällig? Die Dialoge sind – wie auch die Sätze in „Wishful Drinking“ aufs Feinste geschliffen, gleichwohl nie unter der Gürtellinie:

Gleiches ist zu sagen, wenn Carrie Fisher über Star Wars schreibt.

Natürlich ist das die Filmreihe, mit der sie berühmt wurde. Aber möchte tatsächlich irgendeine andere Frau auf der Welt Prinzessin Leia gespielt haben? Mit allen Konsequenzen?

Beispiel 1: Du findest dich in allen möglichen Gegenständen auf Erden wieder, unter anderem als Puppe im Spielwarenladen. Das ist ziemlich beschissen, weil dein Boyfriend, der gerade Stress mit dir hat, sich diese Puppe kauft und mit Stecknadeln durchbohrt. Und dann findest du die auf diese Art malträtierte Puppe in der Schublade deiner Kommode …

Beispiel 2: Du bekennst irgendwann, psychische Probleme zu haben, „bipolar“ (manisch-depressiv) zu sein. Das qualifiziert dich als Musterbeispiel für bipolare Störungen, beschrieben im Lehrbuch für „Abnormale Psychologie“. Natürlich mit Foto. Und das Foto zeigt dich mit der Frisur. Gemeint sind die voluminösen Haarschnecken beiderseits des Kopfes, zu sehen im ersten Teil von Star Wars, der heute Episode IV ist.

Ich persönlich habe mich immer gefragt, ob die Kreation dieses Hairstyles mit einer Überdosis zu Studienzwecken geschauter Leni-Riefenstahl-Filme erklärbar wäre.

Auch Carrie Fisher fühlte sich ziemlich verschandelt, als sie beim Casting damit George Lucas gegenübertrat. Aber aus Angst, die Rolle nicht zu bekommen, versicherte sie dem Regisseur, die Frisur sei großartig. Sie selbst fühlte sich zu diesem Zeitpunkt eher zu fett, vor allem im Gesicht. Und die Frisur brachte das auch noch zur Geltung. Der Rest ist Filmgeschichte und spielt für Carrie Fisher jetzt keine Rolle mehr.

In „Wishful Drinking“ ist allerdings die Rede von Stalkern, die den Darstellern bestimmter Rollen bis über ihr Grab hinaus folgen würden.

„Und wenn wir schon von Gräbern sprechen“, knüpft die Autorin an, „dann möchte ich meinen jüngeren Freunden sagen: Der Tag wird kommen, wo sie in einer Bar Billard spielen und hoch schauen zu den Fernsehern über ihren Köpfen. Dort werden sie das Bild der Prinzessin Leia sehen mit zwei Jahreszahlen darunter. Und sie werden sagen: ‚Ohhhh…. Sie hatte gesagt, das würde passieren.‘ Worauf sie die Schultern zucken und mit dem begonnenen Billard-Spiel fortfahren werden.“

Genau das ist jetzt passiert, nichts mehr daran zu ändern. Und das Netz sagt mir, Herzinfarkte bei Frauen seien häufiger als bei alten weißen Männern. Was mich in die Realität zurückbringt, in der es keine Märchenprinzessinnen gibt.

Ich werde Carrie Fisher vermissen. Nicht weil sie eine Märchenprinzessin gespielt hat, die uns erhalten bleibt als Lego-Figur, als PEZ-Dispenser. Sondern als Mensch, als Frau, die es geschafft hat, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen und den Abglanz des Starruhms in etwas zu verwandeln, das besonders bei einem Buch wie „Wishful Drinking“ auf uns zurückstrahlt. Auch wenn wir vielleicht dreimal nachdenken müssen, um das zu kapieren.

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