Afrikanische Perspektiven

„Ich wollte Lagos, der größten Stadt Afrikas, ein Gesicht geben.“ So erklärte der amerikanisch-nigerianische Autor Teju Cole bei einer Lesung in Berlin 2015 die seinem Buch „Jeder Tag ist für den Dieb“ zugrunde liegende Motivation.

International bekannt wurde Cole mit „Open City“. Der Roman erschien 2011 in den USA, 2012 in der deutschen Übersetzung von Christine Richter-Nilsson auch bei uns. Genau genommen ist allerdings „Jeder Tag…“ Coles erstes Buch, publiziert 2007 von einem nigerianischen Verlag. Es ist also ein Buch, das von einem afrikanischen Autor für afrikanische Leser geschrieben wurde. Damit unterscheidet es sich von vielen Büchern afrikanischer Autoren, die auf das Publikum in Europa und Nordamerika zugeschnitten sind.

Die Rohfassung des Textes war ein Blog, in dem Cole die Eindrücke seiner – nach 17-jähriger Abwesenheit – ersten Reise in sein Heimatland Nigeria dokumentierte. Er selbst wurde 1975 als Kind nigerianischer Eltern in den USA geboren. Die Eltern entschieden sich kurz darauf für eine Rückkehr nach Nigeria, wo Teju bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr aufwuchs. Um zu studieren verließ er seine afrikanische Heimat, zog in das Land seiner Geburt.

Es ist schwer, in dieser Biografie das Wort „zurück“ zu verwenden, denn was Ursprung ist und prägend, lässt sich nicht einfach an Punkten auf der Landkarte festmachen. Afropolitan, so nennt man in der modernen Sprache Weltbürger mit afrikanischen Wurzeln. Das trifft es am Besten.

Die Reise des erwachsenen Protagonisten der Geschichte, vom Autor hinlänglich entfremdet, doch wie er ein Afropolitan, beginnt im nigerianischen Konsulat in New York.

„Das hier sollte ein freudiger Anlass sein. Eine Heimkehr ist ein Grund zur Freude“, murrt einer der anderen Antragsteller.

Das Unerfreuliche ist die in Nigeria grassierende Schattenwirtschaft, die ihre Tentakel bis nach New York City entfaltet hat. Ohne zusätzliche „Gebühr“ für die Gefälligkeit des Beamten hinter dem Schalter bekommt man nicht einmal einen Pass.

Es folgt nach der Ankunft am Flughafen in Lagos das Eintauchen in den Alltag der größten afrikanischen Metropole. Der Autor ertastet ihren Pulsschlag, folgt ihren Lebensadern, immer vom Privaten, Persönlichen ausgehend.

Weit aufgestoßen wird die Tür in die Welt des westafrikanischen Mittelstandes, der seinen Wohlstand über Küchen definiert, die so ausladend sind, dass Akrobaten durch sie hindurch tanzen können. Ein paar Meter weiter thronen in Wohnzimmern klobige Polstermöbel hinter blickdichten Vorhängen, bewacht von den fest verschlossenen Panzertüren der Hauseingänge.

Bewaffnete Überfälle und Entführungen seien zwar nicht mehr so häufig wie in den 1990ern, berichtet die Tante dem heimgekehrten Neffen, aber die Gefahr allgegenwärtig, auf diese oder jene Art angegriffen und ausgeraubt zu werden.

Über der Stadt liegt eine permanente Dunstglocke aus Angst und Betrug. Die Kofferträger am Flughafen sind einfach nur dreist, die Verkehrspolizisten errichten willkürlich Kontrollpunkte, die nur passieren kann, wer zahlt, und die Tankstellenpächterin manipuliert das Zählwerk der Zapfsäulen, um ihre Kunden zu bescheißen. Auch Internet-Betrügern, Yahoo-Yahoos genannt, und Area Boys, kleinkriminellen Straßengangs, die Schutzgelder und Tribute erpressen, wird der Leser im Buch begegnen.

„Die informelle Ökonomie sorgt dafür, dass viele Menschen in Lagos ihren Lebensunterhalt bestreiten können“, erklärt der Erzähler. „Doch Korruption in Form von Piraterie und Bestechung bedeutet auch, dass die meisten Leute im Abseits bleiben. Die Systeme, die eine Mehrheit der Menschen aus der Armut herausholen könnten, werden an jeder Stelle ausgehöhlt.“ Und: „Ein hoher Regierungsbeamter, der öffentliche Mittel veruntreut, ist völlig normal.“ Nur vereinzelt werden Sündenböcke bestraft: Sechs Monate Haft für die Unterschlagung von 100 Millionen US Dollar lautet das Urteil.

Zum Glück gibt es Menschen, die einander nahe stehen. Wo man sich auf den Staat nicht verlassen kann, halten Familien zusammen. Die Bande der Verwandtschaft führen über Tanten und Onkel bin hin zu Cousins und Cousinen dritten und vierten Grades.

Auf diesem Feld erweist sich Cole als exzellenter Beobachter. Er liefert Porträts, Momentaufnahmen und Anekdoten, mal nachdenklich, mal heiter. Der Leser verspürt den Wunsch, am Gespräch teilzunehmen, selbst Fragen zu stellen, auf die er ohne Zweifel Antworten bekäme. Niemand ist weltfremd, auch wenn man Wert darauf legt, Yoruba zu sein und Angehörigen fremder Ethnien initial mit einer gewissen Skepsis begegnet.

„Man geht auf den Markt, um Teil der Welt zu werden.“ Auch dahin möchte der Leser mitkommen, um zu erfahren, was es alles gibt, wie es ausschaut, sich anfühlt, riecht. Der Markt ist das Herz der Stadt. Nur ist es um das Herz der Stadt ähnlich bestellt wie um das Herz des Staates. Die durch permanente Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft gestressten Gemüter entladen sich, als der Ruf „Ein Dieb!“ über den Markt schallt. Der Mob der Wutbürger formiert sich mit atemberaubender Geschwindigkeit und wie es sich für Wutbürger gehört, da sind sie überall auf der Welt gleich, jagt dieser Mob den schwächsten, der sich sich nicht wehren kann. Das ist in diesem Fall der Dieb, ein vielleicht zehnjähriger Junge, der eine Handtasche gestohlen hat.

Nicht für sich, sondern für einen Mann, der in der Menge steht, habe er sie gestohlen, beteuert er, als man ihn stellt. Aber der Mann wehrt ab, befeuert den Mob, der eine Mauer bildet. Von irgendwo her – Goebbels hätte geschrieben: spontan (eines seiner Lieblingswörter) – tauchen ein alter LKW-Reifen und ein Kanister Benzin aus der Menge auf. Dann der Junge, in den Reifen gepresst, mit Benzin übergossen… Was bleibt für lange Zeit ist ein häßlicher schwarzer Fleck auf der Straße, ein Schandmal, das die meisten Menschen geflissentlich ignorieren.

Die junge Frau, die selbstbewußt in ein Danfo, ein Privattaxi, steigt und während der Fahrt ein Buch liest, könnte es anders sehen. Und vielleicht finden sich in ihrem Buch Sätze von Tai Solarin, einem Querdenker und Humanist, der in Nigeria auch zwanzig Jahre nach seinem Tod hohes Ansehen genießt.

„Und weißt du, was ein Humanist ist?“, fragt der Protagonist seinen Neffen Adebola, der eine Schule besucht, die Tai Solarin gegründet hat.

„Natürlich. Ein Humanist glaubt nicht an Gott.“

„Nein, Adebola. Das ist nicht die Definition von Humanismus.“

„Tai Solarin ist ein Humanist. Und Tai Solarin glaubt nicht an Gott.“

„Beides stimmt, aber das eine folgt nicht aus dem anderen. Humanisten glauben an die Menschheit. Sie würdigen die menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Jemand, der nicht an Gott glaubt, ist ein Atheist.“

„Ein Humanist ist jemand, der nicht an Gott glaubt. So haben wir es in der Schule gelernt.“

Punkt.

Würde ich als weißer europäischer Autor einen solchen Dialog schreiben, dann dürfte man mir im oberlehrerhaften Ton des Protagonisten einen rassistischen Beigeschmack attestieren. Die Szene schrieb aber der Afropolitan Teju Cole für seine Landsleute.

Will er ihnen aufzeigen, in welche Richtung sie denken, welchen Weg in die Zukunft sie wählen sollten? Darf er überhaupt noch als einer von ihnen gelten? Oder ist er, wie es Felix Stephan in seiner Rezension des Buches in der ZEIT dem Protagonisten attestiert: ein Amerikanischer Patient, infiziert mit dem Virus des distanzierten Rationalismus?

Es wäre nicht klug, einem Land wie Nigeria einen Weg aufzudrängen, der nicht seinen Traditionen entspricht. Der Afropolitan – Protagonist wie Autor – ist mit seiner distanzierten Betrachtungsweise gut betraten, vor allem, wenn vorsichtig so heikle Themen wie die Beteiligung der Yoruba am atlantischen Sklavenhandel angesprochen werden. Mehr als dreihundert Jahre lang, bis in die 1850er Jahre, war Lagos das florierende Zentrum eine Region, die auf alten Kolonialkarten nicht umsonst „Sklavenküste“ genannt wurde.

Der moderne Afropolitan reist selbstverständlich frei zwischen den Kontinenten. Auch wenn er seinem Empfinden nach aufgrund der Hautfarbe an bestimmten Flughäfen besonders aufmerksam kontrolliert wird, wie Teju Cole in einem Gespräch mit Taiye Selasi sagt. Es ist es ihm jederzeit möglich, das Land zu verlassen, über das er gerade schreibt. Er gehört damit aus afrikanischer Sicht einer privilegierten Minderheit an.

Würden der kleine Dieb und der Mann, der ihn angestiftet hat, reisen können, wohin sie wollen, dann fände der Junge ganz sicher andere Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, aber der erwachsene Mann?

Mir scheint, ab einem bestimmten Alter ist eine beliebige Neuausrichtung des Lebenslaufes und damit eine grundsätzliche Änderung der Lebensweise nicht mehr möglich.

Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft nur langsam voran kommen. So ist es in Europa und Nordamerika. Warum sollte es in Nigeria anders laufen?

Das alte Sprichwort der Yoruba dürfte daher noch lange eine Handlungsmaxime für die Menschen in diesem Land bleiben:

Ghogbo ojo ni t’ole,
Ojo kan ni t’oni nkan.

Jeder Tag gehört dem Dieb,
doch ein Tag dem Besitzer.

Im Wirtschafts-Teil der ZEIT 3/2017 findet sich ein Beitrag über die junge Recyclingunternehmerin Bilikiss Adebiyi-Abiola aus Lagos/Nigeria. Auch sie hat im westlichen Ausland studiert.

„Es ist die richtige Zeit, um heimzukommen. Hier gibt es so viele Möglichkeiten, um gutes Geld zu verdienen und gleichzeitig das Land voranzubringen“, sagt sie. „Wir haben eine gute Ausbildung, kennen die Welt und sind nicht so korrupt wie die Alten.“

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