Mit Gips die zerbrochene Welt kitten

WARNUNG: Wer statt tief empfundener Empathie die Realität des Lebens nicht ertragen kann, sollte lieber die Finger von diesem Buch lassen, obwohl es ein Jugendbuch ist. Denn schwere Geschütze werden aufgefahren, als die zwölfjährige Felicia ihren Eltern per e-Mail erklärt, sie möchte von nun an „Fitz“ genannt werden.

Blöderweise haben die Eltern gerade selbst wichtige Erkenntnisse für die Gestaltung ihres Lebens aus dem Ratgeber „Glücklich verheiratet, glücklich getrennt“ gewonnen, um sie in Form eines Schirmgesprächs am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages mit ihren Töchtern Fitz und der neunjährigen Bente zu teilen. Und damit die Mutter im Rahmen eines Wechselmodells zur Kinderbetreuung endlich wieder „sie selbst“ sein kann, erfolgt der Umzug des Vaters samt Töchtern zwischen Weihnachten und Neujahr.

Kaum sind die Umzugkisten in der neuen Wohnung gestapelt, beginnt es zu schneien. Das animiert Vater Joost, mit Bente in den Baumarkt zu fahren, um einen Schlitten zu kaufen. Als waschechter Holländer fährt er natürlich mit dem Fahrrad.

Fitz bleibt derweil allein in der Wohnung und lässt die Wut ihn ihrem Bauch köcheln. Sie ist ein Bündel hochexplosiver Emotionen, dessen Verstand damit ringt, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen soll. Da sie niemanden hat, mit dem sie darüber reden kann, greift sie zum Stift, einem Permanentmarker aus Vaters Umzugssammelsurium, und tätowiert sich ihren momentan sehnlichsten Wunsch in einem Satz aus drei Wörtern über Stirn und beide Wangen. Damit fertig, tritt sie ans Fenster und sieht ihren Vater mit Bente und dem Schlitten über den verschneiten Radweg radeln. Sie winkt. Der Vater winkt zurück. Das Unglück nimmt seinen Lauf.

Das Fahrrad macht ’nen Abflug samt Vater und Bente, die auf dem Gepäckträger sitzt und den Schlitten festhält. Ein paar Sekunden später brüllt Bente wie am Spieß, ihr Blut färbt den Schnee rot und es gilt, ihre Fingerkuppe zu suchen, die irgendwo auf dem Radweg liegt. Die messerscharfe Kufe des Schlittens hat sie ihr beim Sturz abgetrennt.

Dem leichenblassen Vater kommt eine Nachbarin mit roter Mütze zu Hilfe, die Bente mit einem Notverband hilft. Fitz, die später Ärztin werden möchte, sammelt derweil die Fingerkuppe ihrer Schwester ein, die ins Krankenhaus muss, klarer Fall. Ebenso klarer Fall allerdings, dass Fitz mit ihrer Gesichtstätowierung sich dort nicht blicken lassen kann. Ein Glück, dass die hilfsbereite Nachbarin auch noch eine Tigermaske vom letzten Fasching hat.

In der Notaufnahme des Krankenhauses sind die Ärzte noch abgeklärter (Fitz nennt es natürlich „cooler“) als Fräulein Tigermaske selbst. Eine Fingerkuppe wieder anzunähen erfordert nicht höchste Dringlichkeit. Bei Erwachsenen macht man sich gar nicht erst die Mühe, weil es nur selten gelingt. Dies ist die erste einer ganzen Reihe anatomischer und medizintechnischer Lehrstücke, die sich durch das ganze Buch ziehen und auch für den erwachsenen Leser manche Überraschung bereithalten. Dabei wird auf umständliche Erklärungen verzichtet. Zwei, drei Sätze in Teenager-gerechter Sprache genügen der Autorin, um auf den Punkt zu bringen, was gemeint ist.

Zum Beispiel die Milz:

„Die Milz ist ein Organ, das viel Gutes für dein Blut tut. Aber man braucht sie nicht wirklich. Deshalb schneiden wir sie einfach raus und werfen sie weg, wenn sie kaputt ist.“

So einfach kann das Leben sein. Das ist doch gut zu wissen. Und weil es lange dauert, bis Bente endlich operiert wird, hat Fitz Zeit, das Krankenhaus zu durchstreifen mit dem Ziel, ihre Gesichtstätowierung loszuwerden.

Dabei trifft sie den fünfzehnjährigen Adam: verdammt gutaussehend, megacool, doch irgendetwas Unausgesprochenes macht ihm zu schaffen. Außerdem Primula, nur wenig älter als Fitz, die sich nach geglückter Herz-OP wieder der Sonnenseite des Lebens zuwenden kann. Das nötige Rüstzeug dafür liefert ihr der ungedrosselte Konsum von Krankenhaus-Fernsehserien, dank derer sie nicht nur über medizinisches Fachwissen verfügt, sondern auch Expertin ist für alle Spielarten von Liebesbeziehungen zwischen Ärzten und Krankenschwestern, also auch für Mütter, die wieder „sie selbst“ sein wollen.

Derweil es draußen weiter schneit, macht sich das dynamische Trio der Teenager daran, das Krankenhaus auf den Kopf zu stellen und einige Dinge nach eigenen Vorstellungen zu richten.

Das Erzähltempo von Anna Woltz ist dabei berauschend. Nur manchmal wird der Fluß ihrer Geschichte von unglücklichen Übersetzungen gestört wie „in Roboterwiegen liegen“. Da stockt man wegen des Zungenbrechers.

Ihre Figuren, besonders die Teenager, haben Kraft, sind selbstbestimmt und in der Klarheit ihrer Gedanken und Schlussfolgerungen bisweilen sogar den Erwachsenen (Fitz‘ Eltern) überlegen. Die Moral von der Geschichte ließe sich wie folgt formulieren: Alles im Leben ist veränderlich, und wir müssen damit zurechtkommen.

Die ideale Leserschaft für das Buch sehe ich bei Mädchen ab 10 Jahren bis hin zu mittelalten weißen Vätern. Ohne es auf diese Gruppen beschränken zu wollen.

Wer wissen will, wie Primula zu ihrem floralistischen Vornamen kam, ob Adam es schafft, zu känguruhen, ob Fitz‘ Vater überlebt und Bentes Fingerkuppe wieder angenäht wird, sollte sich umgehend dieses Buch besorgen.

Nicht zu vergessen der Satz, den sich Fitz mit dem Marker ins Gesicht geschrieben hat: „MAMA SOLL STERBEN“.

Wirklich?