Marcus Garvey: „… dann lynchen wir sie eben in Afrika!“

In Europa ist er kaum bekannt, einer der wichtigsten Influencer der 20. Jahrhunderts: Marcus Garvey.

Garvey kam 1916 aus Jamaika nach New York zu einer Zeit, als die Great Migration in vollem Gange war. Da er bereits in seiner Heimat politische aktiv gewesen war, ging er zielstrebig daran, seine politische Organisation, die Universal Negro Improvement Association (UNIA) weiter auszubauen. Neue Mitglieder fand er schnell vor allem unter den von ihrem Möglichkeiten im Norden enttäuschten Zuwanderern aus den Südstaaten der USA.

Während der Gefreite Adolf Hitler noch als Meldegänger durch die Schützengräben des 1. Weltkrieg schlich, verfügte Garveys UNIA bereits über uniformierte Einheiten, eine Parteizeitung (The New Negro World), straff organisierte Jugendorganisationen und ein Kraftfahrerkorps. Ende der 1930er Jahre warf Garvey deshalb Mussolini (und damit auch Hitler) nicht zu Unrecht vor, er habe seine Ideen und organisatorischen Strukturen lediglich kopiert.

Originalzitat Garvey: „Meine Anhänger waren die ersten Faschisten. Als wir 100.000 disziplinierte Männer hatten und Kinder ausbildeten, war Mussolini noch unbekannt, Mussolini hat unseren Faschismus kopiert.“

Garvey war ein Populist par excellence, der die vorhandenen ökonomischen, gesellschafts- und kulturpolitischen Differenzen geschickt für seine Zwecke zu nutzen wußte. Kompromisslos prangerte er die Unterdrückung und systematische Benachteiligung der afrikanisch-stämmigen Bevölkerung in den USA und Zentralamerika an. Dabei propagierte er selbst eine Lösung, die auf Rassentrennung und einer Rückeroberung Afrikas fußte. Er sah sich als Führer aller „Schwarzen“, manchen galt er gar als Messias.

Seine Reden waren elektrisierend und gespickt mit hochprovokativen Statements, zum Beispiel:  „Wenn es in Amerika unmöglich ist, Weiße zu lynchen, dann lynchen wir sie eben in Afrika!“

Zu seinen wichtigsten politischen Gegnern zählten Intellektuelle aller Art, vor allem William Edward Burghardt Du Bois, der 1895 als erster Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln einen akademischen Grad in Havard erworben hatte.

In seiner Ablehnung des Bildungsbürgertums ging Garvey so weit, sogar im Ku-Klux-Klan Verbündete zu sehen. 1922 nahm er an einem Treffen des Klans in Atlanta teil. Ein Jahr später schrieb er in der September-Ausgabe der New Negro World, offen rassistische und separatistische Organisationen wie der Klan seien „better friends of the [black] race than all other hypocritical whites put together.

Sein Fokus auf Rasse und Hautfarbe machte ihn allerdings blind für Risiken anderer Art. Begeistert von der Idee, eine ausschließlich von Afrikanern betriebene Parallel-Wirtschaft aufzubauen, gründete er bereits 1919 eine Reederei, die Black Star Line. Die Anteilsscheine dafür zeichneten die Mitglieder der UNIA. Sechs Millionen Menschen (die Zahl ist wahrscheinlich stark übertrieben) marschierten nach Angaben der Organisation zu dieser Zeit unter Garveys Banner, einer rot-schwarz-grünen Flagge. Viele verloren ihre Ersparnisse, weil das Kapital der Black Star Line von Geschäftspartnern und Managern veruntreut, das Unternehmen zudem vom FBI unterwandert wurde.

Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, folgte Garvey der Ausweisung nach Jamaika. Später siedelte er nach London um, wo er 1940 im Alter von 52 Jahren starb. Teile seiner Ideologie wurden von unter anderem von Malcolm X und der Nation of Islam übernommen. Aber viel wichtiger erscheint mir dennochdie Frage, wie viel Marcus Garvey in jedem einzelnen von uns steckt.

Die hier verlinkte Filmdokumentation (engl. Sprache) bietet einen hervorragenden Einblick in Garveys Leben und Werk und lässt vor allem zahlreichen Zeitzeugen zu Wort kommen:

Ebenfalls aufschlussreiche Lektüre: http://www.zeit.de/2014/37/rassismus-ferguson-afroamerikaner/komplettansicht

Fotonachweis: U.S. Library of Congress, George Grantham Bain Collection, Reproduction number LC-USZ61-1854 (b&w film copy neg.). Card #2003653533.