Christiane von Goethe: Die unterschätzte Partnerin

Was hat er denn an der gefunden? Diese Frage beschäftigte Zeitgenossen und später Literaturwissenschaftler bis in unsere Tage.

Noch immer wird Christiane von Goethe häufig unter ihrem Mädchennamen Vulpius genannt, als gehöre sie nicht wirklich dazu, an die Seite des Dichterfürsten.

Tatsächlich lebten die beiden beinahe zwanzig Jahre lang in Wilder Ehe und damit in einer für den Umgang mit dem Weimarer Hof schwierigen Situation. In literarischen Kreisen wie auch in der feinen Gesellschaft ließen zudem zwei andere Frauen keine Gelegenheit aus, Christiane zu diskreditieren und als unbedarftes Landei erscheinen zu lassen. Charlotte von Stein und Charlotte von Schiller verhehlten ihre persönliche Abneigung nie, legten darüber hinaus Bekannten und Besuchern ihre Sicht der Dinge nahe. Aber der Dichter und Geheime Rat nahm dergleichen hin, ohne sich davon beeinflussen zu lassen.

Was Goethe und seine Frau zusammenführte und im Innersten verband, dieser Frage geht Eckart Kleßmann in seinem Buch „Christiane – Goethes Geliebte und Gefährtin“ nach. Es sei keine Biografie, eher ein Essay, betont der Autor, der einen klassisch-sachlichen Erzählstil pflegt. Sein Werk lebt vor allem von Fakten und Anekdoten. Damit unterzieht er das von Steinin, Schillerin und anderen Klatschtanten wie etwa Bettine von Armin geprägte Bild der etwas tapsigen Haushälterin, die allein aus praktischen Gründen auch noch als „Bettschatz“ fungiert, einer kritischen Untersuchung.

Sind die Zeichen richtig zu deuten, dann lag recht schnell ein erotisches Kribbeln in der Luft, als sich Christiane und Johann Wolfgang am 12. Juli 1788 zum ersten Mal trafen. Sie war dreiundzwanzig, er siebenunddreißig Jahre alt. Charlotte von Stein, um das noch zu erwähnen, war sieben Jahre älter als Goethe und hätte damit theoretisch Christianes Mutter sein können. Neben der Eifersucht, die Christianes Auftauchen in Goethes „Seelenverwandter“ weckte, spielte damit sicher auch eine Art Generationenkonflikt eine Rolle.

Knapp vier Wochen zuvor war Goethe von seiner Italienreise nach Weimar zurück gekehrt. Dort hatte er, so wird vermutet, zum ersten Mal im Leben seine Sexualität frei ausleben dürfen. Christianes lebhafte, ungezwungene Art – er nannte sie später oft „mein kleines Naturwesen“ – weckte möglicherweise Erinnerungen, auf jeden Fall Begehren.

Den Entschluss, sie zu ehelichen, fasst Goethe allerdings erst 1806, nachdem seine Lebensgefährtin marodierende französische Soldaten daran gehindert hat, gegen ihn handgreiflich zu werden.

Verbindend war all die Jahre hindurch der gemeinsame Sohn August (geb. 25.12.1789) und die Erinnerung an vier weitere Kinder, die tot geboren wurden (2. Sohn) oder kurz nach der Geburt starben: Caroline (21.11. – 04.12.1793), Karl (30.10.-16.11.1795) und Kathinka (16.12.-19.12.1802).

Dann die Begeisterung für Garten (Christiane) und Flora. Goethe hatte aus Italien die Idee der „Urpflanze“ mitgebracht. Ein anderes Gewächs, das beide in Ehren hielten, war der Wein. Goethe soll im Durchschnitt drei Flaschen pro Tag getrunken haben. Christiane konnte gelegentlich gut mithalten, vor allem beim Champagner.

Eine wichtige Stütze war sie ihm – von den meisten unbemerkt – im Theaterbetrieb. Sie schickte Goethe Berichte von Vorstellungen, die er selbst nicht besuchen konnte, gab Feste für die Schauspielerkinder und schlichtete Konflikte. Bei letzterem dürfte von Vorteil gewesen sein, dass sie als Kind Haus an Haus mit Karoline Jagemann aufgewachsen war, einer begnadeten Schauspielerin und Mätresse des Herzogs Karl August. Nur ein Jahr nach Christianes Tod verlor Goethe durch einer Intrige Jagemanns seinen Posten als Theaterdirektor in Weimar. (Er hatte sich geweigert, eines der damals populären Hundetheater auf der Bühne zu zeigen. Mit viel Witz erzählt der Schauspieler Eberhard Esche die Details dieser Affäre in seinem Buch „Der Hase im Rausch“.)

Christiane war eine gute Gastgeberin. Wer ihr vorurteilsfrei begegnete, lobte ihre Natürlichkeit und nicht nur Elisa von der Recke bestätigt: „… daß ich sie nie von andern Böses sprechen hörte.“

Im Vergleich dazu aus einem Brief Charlotte von Steins an ihren Sohn Fritz: „Seine Demoiselle, sagt man, betrinkt sich alle Tage, wird aber dick und fett, der arme Goethe, der lauter edle Umgebungen hätte haben sollen!“

Gewiß war Goethe im Sinne feministischer Theorien ein Patriarch, der viel mit seinen eigenen Interessen befasst, oft unterwegs und in Fragen der Kindererziehung überfordert war. Er konnte auch nicht gut mit Krankheiten umgehen und alles, was das Sterben und den Tod betraf, war ihm zutiefst zuwider. Weshalb er auch in ihren letzten Stunden nicht bei Christiane blieb. Doch weder August noch die engagierten Pflegerinnen vermochten den Anblick der Sterbenden zu ertragen, deren bewußtloser Körper immer wieder von heftigen Krämpfen geschüttelter wurde.

Fakt ist: alle Angriffe, Schmähungen, Ungerechtigkeiten, die Christiane über sich ergehen lassen musste, gingen von anderen Frauen aus, die von ihren eigenen intellektuellen Fähigkeiten besonders eingenommen waren. Sie meinten daher zu wissen, welche Art Partnerin für Goethe angemessen gewesen wäre – ohne ihn selbst zu fragen. Die üble Nachrede dieser berühmten Frauen brachte schließlich auch berühmte Männer dazu, Beleidigendes über Christiane zu schreiben. Auf die Spitze trieb es damit Thomas Mann, der in seiner „Phantasie über Goethe“ (1948) Christiane als „sehr hübsch und gründlich ungebildet, un bel pezzo del carne (ein schönes Stück Fleisch)“ bezeichnet.

Nicht zuletzt der Briefwechsel Christianes mit ihrem Mann eröffnet eine ungewöhnliche, oft auch vergnügliche Perspektive auf den Charakter der beiden. Heraus sticht ein kaum verhüllte Erotik, mit der sich beide „Hätschel- und Schlenderstündchen“ (Goethe) wünschen, was Christiane zu „Schlampampsstündchen“ verkürzt. Vor allem sehnt sie sich danach, wenn sie „hasig“ ist. Dann möge der „Herr von Schönfuß“ einkehren, sofern sie nicht „Besuch von einem Meerweibchen“ hat. Das Ergebnis mag eine „Krabskrelligkeit“ sein oder ein „Pfuiteufelchen“.

Es ist erfrischend und sinnlich zugleich zu lesen, wie der in Kunst so auf Form bedachte Goethe dieses Spiel auf gleicher Höhe mitspielt. Auch darin liegt der hohe Unterhaltungswert von Kleßmanns Buch.

Am Ende der Lektüre bleibt das Bild einer Frau, die man wünscht, zu Lebzeiten kennengelernt zu haben.

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Info zum Buch

Kleßmann, Eckart: „Christiane. Goethes Geliebte und Gefährtin“, TvR Medienverlag Jena, 2016 (erweiterte Neuauflage der 1992 im Fischer Verlag erschienenen ersten Ausgabe)

Preis (gebundene Ausgabe mit Abbildung): 17,90 Euro