Bittere Erbschaft

Es ist eines der schockierendsten Bücher, die ich seit Jahren gelesen habe. Und ich lese viele historische Berichte, in denen es von grausamen Vorkommnissen wimmelt. Oft dachte ich nach so einer Lektüre, das ist alles schon so lange her, heute sind wir längst weiter. Diese Illusion hat mir „The Bitter Legacy“ gründlich genommen.

Die besondere Wirkung des Buches erklärt sich dabei durch die Tatsache, dass die meisten Beiträge darin von afrikanischen Forschern stammen, die einen viel tieferen Einblick in die sozialen Probleme der Menschen in ihren Ländern bekommen als Fremde von außerhalb.

Die wichtigste Ursache der im Buch beschriebenen Probleme ist schnell benannt: Die meisten Menschen, die über Jahrhunderte in Afrika versklavt wurden, blieben auf dem Kontinent. In der Folge bildeten sich soziale Strukturen, die – auf für mich erschreckende Weise – bis heute Bestand haben.

In vielen deutschsprachigen Commons-Beiträgen wie Wikipedia wird oft der Eindruck vermittelt, die Sklaverei in Afrika selbst sei nicht so schlimm gewesen wie die in den Südstaaten der USA. Dieses Bild ändert sich schlagartig, sobald ehemalige Sklaven und ihre Nachfahren zu Wort kommen.

Damian U. Opata, der an der University of Nigeria lehrt, untersucht, wie sich die Erfahrung der Sklaverei bis heute in der Sprache der Igbo manifestiert. Die von Opata analysierten Redensarten und Sprichwörter beschäftigen sich mit der Zuschreibung von Eigenschaften auf Sklaven wie Sklavenhalter. Daneben gibt es konkrete Empfehlungen für die Halter in Bezug auf den Umgang mit Sklaven und Sprichwörter, die auf die dauerhafte Abwertung der Sklavenkaste abzielen.

Beispiel: „Selbst wer zum Priester geweiht wird, bleibt immer noch Sklave und wird im Jenseits wieder anderen dienen müssen.“ Oder: „Die häßliche Tochter eines freien Mannes sollte stets froh sein, dass sie nicht als Sklavin geboren ist.“

Zu den praktischen Ratschlägen gehört es, Sklaven möglichst diskret zu verkaufen, denn „jeder Verkauf ist eine weitere erniedrigende Erfahrung auf dem Weg zu noch größerer Abhängigkeit, die zu Gegenwehr führen könnte.“ Der Sklavenhändler oder -halter wird hier gewarnt, auf der Hut zu sein. Und obwohl sich die Zeiten geändert hätte, schreibt Opata, ist es bei den Igbo nach wie vor üblich, die Nachkommen der Unterklasse wie ihre Vorfahren als „ndi ohu/ndi oru“ (wörtlich: Sklaven) zu bezeichnen. Opata: „Es gibt keine Vorsilben wie ex- oder post- in diesem Zusammenhang.“

Uwo Nwokeji, selbst ein Aro und damit Angehöriger eines Volkes, das in der Bucht von Biafara zu den führenden Sklavenwirtschaften gehörte und im großen Umfang auch Sklaven an die Europäer verkaufte, bemüht sich in zahlreichen persönlichen Interviews, Einblick in das Denken seiner Landsleute zu erlangen. Die meisten Gefangenen machten die Aro in Razzienkriegen, die sie gegen das Volk der Igbo führten. Nwokeji stellt deshalb vier Interviews mit Nachfahren ehemaliger Sklaven aus Arondizuogu, dem wichtigsten Zentrum des Aro-Sklavenhandels im Igboland, in den Mittelpunkt seiner Ausführungen.

Interessant ist dabei, dass der Nachkomme eines bei den Aro versklavten Igbo dessen nach Übersee verkaufte Leidensgenossen auf einer noch tieferen sozialen Stufe sieht und sie als „black negroes“ bezeichnet.

Wie dicht die Vergangenheit an unserer Gegenwart heranreicht, macht folgende Aussage deutlich: „Wenn eine Familie sieben Kinder hat, aber nichts zu essen, dann wird eines davon verkauft, damit die anderen satt werden. Mein Onkel wurde auf diese Art verkauft und pflegte später zu sagen: ‚So haben sie mich also behandelt – wie ein Huhn!‘“

Neben Kriegsgefangenschaft und dem Gang in die Sklaverei, um nicht verhungern zu müssen, begünstigte auch der mit vielen Naturreligionen einhergehende Aberglauben die Akzeptanz der Sklaverei als gesellschaftlich notwendige Institution. Bei den Aro, Igbo und vielen anderen Völkern Westafrikas galten Kinder als verhext und von bösen Geistern besessen, wenn ihre Geburt oder Entwicklung anders verlief als normal. Dazu gehörten Zwillinge, Kinder, die mit den Füßen zuerst geboren wurden und solche, bei denen die oberen Schneidezähne vor den unteren durchbrachen.

„Solche Kinder“, erklärt der Parlamentarier Orou Sé Guéné aus Borgu, Benin, seinem Gesprächspartner Eric Komlavi Hahonou, „wurden vor dem Auftauchen der Fulbe ‚physisch eleminiert‘, weil sie gefährlich für die Gemeinschaft waren.“

Die Fulbe, islamisierte, halb-sesshafte Hirten, fanden eine Alternative zum beiderseitigen Nutzen. Gab man ihnen die angeblich verhexten Kinder, damit sie das Vieh der Fulbe hüteten und auf andere Weise für sie arbeiteten, dann würden die bösen Geister mit der Zeit vom Kind auf das Vieh übergehen und die Gefahr gebannt.

Die Kaste der so entstandenen Sklaven nennt man heute Gando. Auch Orou Sé Guéné ist ein Gando. Im Jahr 2003 wurde er zum Bürgermeister der Stadt Kalalé gewählt. Den etablierten Parteien der Bariba und Boo, jener Ethnien, die lange als Oberklasse der Region galten (in Benin formieren sich politische Parteien aufgrund ethnischer Gemeinsamkeiten), war Guéné aufgrund seiner Herkunft ein Dorn im Auge. Mit Erpressung, der Androhung von Voodoo-Zauber und brachialer Polizeigewalt gegen seine Wähler drängten sie ihn nach einiger Zeit aus dem Amt. Die Aufmerksamkeit, die sie damit weckten, reichte allerdings bis in den Süden des Landes. Dort begann sich die Partei der Fon für Guéné zu interessieren. Zwar besaßen die Fon in früheren Zeiten das Monopol für den Sklavenhandel an der Küste, aber schwerwiegender als der soziale Status eines Gando wog für die Fon ihre jahrhundertealte Rivalität mit der Oberklasse des Nordens, den Bariba und Boo. Und so gewann Orou Sé Guéné die Wahlen im Norden und wurde Abgeordneter des Parlaments von Benin.

Auch in anderen Ländern ist die politische Rolle ehemaliger Sklaven und ihre Teilhabe an allen Belangen des gesellschaftlichen Alltags immer noch ein heikles Thema. So kam es im Jahre 2002 in Gambia zu einer öffentliche Debatte, als bekannt wurde, dass in der Stadt Kerewan die Nachkommen ehemaliger Sklaven noch immer nicht neben anderen, als „frei geborenen“ Mitgliedern muslimischer Gemeinden bestattet werden dürfen. Für die „Sklaven“ ist ein spezieller Teil des Friedhofs reserviert. Und nicht nur das. Als Journalisten tiefer bohrten, fanden sie die Geschichte eines reichen Geschäftsmannes, dem aufgrund seiner Herkunft ein Platz in den vorderen Reihen in der Moschee beim Freitagsgebet verwehrt wurde. Armen Hausangestellten wurde die Möglichkeit einer Pilgerreise nach Mekka verweigert. Sie waren und blieben damit „keine richtigen Muslime“.

Es sollte dazu erwähnt werden, dass die Sklaverei in Gambia erst 1930 gesetzlich verboten wurde und anschließend etliche Jahrzehnte – bis heute? – im Verborgenen existierte.

Während einige geistige Würdenträger die Gebräuche in Kerewan in einem Zeitungsartikel, der im Buch abgedruckt ist, als un-islamisch brandmarkten, verteidigten andere Imame das herrschende System mit Argumenten wie: Sklaverei hätte es in der Region schon gegeben, bevor der Islam kam. Und solange man ausschließlich Menschen versklave, die nicht bereit seien, die Lehren des Koran anzunehmen, wäre das auch nicht verwerflich.

Wie uns die Nachrichtenlage immer wieder vor Augen führt, hat der soziale Sprengstoff, der in Gambia und anderen Ländern der Region darauf wartet zu explodieren, ein beträchtliches Zerstörungspotential. Dem ist auch nicht abzuhelfen mit Geld aus den Industrieländern oder Entwicklungshilfe, weil die Wurzeln dieser Konflikte afrikanische Probleme sind, die mit dem europäischen Kolonialismus nichts zu tun haben. Im Gegenteil beschleunigten gerade die Eroberungen der Europäer am Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts die Emanzipation der afrikanischen Sklavenkaste, die in den Kolonialarmeen und -verwaltungen Möglichkeiten für den sozialen Aufstieg fand. Das war zwar keinesfalls das Ziel der europäischen Interventionen, aber ein interessanter Nebeneffekt im Zuge des militärischen Ringens um die Frage, ob die Ressourcen des Kontinents auf afrikanische oder europäische Art ausgebeutet werden sollten.

In Mauretanien beglaubigen heute noch immer – das Buch zitiert zwei Beispiele aus den 1990er Jahren – islamische Rechtsgelehrte Freilassungsurkunden für gewesene Sklaven, während der Staat, der 1980 die Sklaverei offiziell verbot, es nicht für nötig hält, dieses Verbot mit rechtlichen Mitteln durchzusetzen.

Wo Schatten ist, gibt es aber auch Licht. In den Küstenregionen Benins und Togos gibt es entlang der ehemaligen „Sklavenküste“ eine Erinnerungskultur, die nicht staatlich verordnet, sondern spirituell getragen ist. Aus dem Voodoo-Glauben heraus, die Geister Verstorbener könnten die Nachfahren ihrer Peiniger heimsuchen, entstand der (Mami) Tchamba Kult, der ausschließlich von Familien praktiziert wird, die in der Vergangenheit Sklaven besaßen oder mit ihnen handelten. Magische Armbänder (die man auf Wochenmärkten kaufen kann) erinnern, wenn sie in Haus oder Garten zufällig gefunden werden, an die historische Verantwortung ihrer Finder, der sie mit Andachten und Zeremonien im Tchamba-Schrein gerecht werden. (Sie dazu den sehr guten Artikel auf Wikipedia.)

Noch wichtiger ist wahrscheinlich die Geste eines Stammesfürsten in Kamerun, der zum Gedenken an einen Mann namens Tabula eine Stiftung und Gedenkstätte ins Leben rief.

Tabula war als kleiner Junge vom Großvater des Stifters zu einer Zeit verkauft worden, als Kamerun unter deutscher Verwaltung stand, etwa um 1907. Die deutsche Kolonialverwaltung hatte an diesem Geschäft keinerlei Anteil, sie war zu dieser Zeit im Landesinnern noch gar nicht präsent.

Über Umwege (jeder Verkauf eine weitere Statusdegradation) gelangte Tabula auf die Insel Fernando Po (heute: Bioko), wo er auf den Kakao-Plantagen spanischer Unternehmer für einen Hungerlohn arbeitet, dem ihm seine afrikanischen „Vermittler“ am Ende des Monats wegnahmen.

1968 erlangte Äquatorial-Guinea einschließlich Bioko die Unabhängigkeit. Die spanischen Plantagenbesitzer wurden von neuen Machthaber Francisco Macías Nguema, der sich formell zum Marxismus bekannte, ausgewiesen, ihre Arbeitssklaven für frei erklärt. Anschließend verhungerten die meisten der ehemaligen Sklaven, weil sie für Nguemas politischen Zwecke bedeutungslos waren und Kakaobohnen keine Menschen ernähren können.

Mit Hilfe einer Frau, die an ihm Gefallen fand, schaffte es Tabula zu überleben. Durch die Jahre der Zwangsarbeit und die damit verbundene Deformation seiner sexuellen Körperfunktionen war diese Beziehung allerdings zum Scheitern verurteilt.

1979 wurde Francisco Macías Nguema infolge eines Staatsstreichs durch seinen eigenen Neffen entmachtet. Der neue Amtsinhaber warb um Investoren aus den Nachbarländern und so kam der Geschäftsmann Jean Tawembé aus Kamerun nach Bioko, um sich zu informieren. Als er am Abend eines langen Arbeitstages in der „Tahiti“-Bar auf einen Drink saß, hörte er zu seinem großen Erstaunen einen alten Mann in der Sprache seiner Heimatregion ein Bier bestellen und anschließend erklären, eines Tages, das empfinde er als seine Bestimmung, würde er in das Dorf seiner Kindheit zurückkehren.

Tawembé, ein Patriot im besten Sinne des Wortes, zögerte keinen Augenblick und nahm Tabula, den alten Mann, mit zurück nach Kamerun. Seine Ankunft am 25. Juli 1981 und seine Geschichte wirkten dort wie ein politisches Erdbeben. Chief Tela Nembot Gilbert musste nach einigen Recherchen eingestehen, dass es sein Großvater gewesen war, der Tabula, dessen damals vierjährigen Bruder, der niemals wiederkehrte, und viele andere Namenlose an fremde Männer, Afrikaner, verkauft hatte. Zum Zeichen der Versöhnung erhob er Tabula in den Adelsstand und verlieh ihm den Titel „Chief of the Slaves“.

Tabula starb am 22. Mai 1982 im Ort seiner Geburt. Stellvertretend für alle seine Leidensgenossen wurde er von der Gemeinde zu Grabe getragen. Mit diesem Akt und der Gründung der „Tabula Foundation“ sowie der „Association Esclavage-Mémoire et Abolition“ verbindet sich für die Bevölkerung der Region die Hoffnung, Tabulas Geist möge in Zukunft als Vermittler zwischen Gott und den Menschen auf Erden wirken.

Die Geschichte Tabulas wurde dokumentiert von Dr. Zacharie Saha, dem Leiter der Historischen Fakultät der Universität von Dschang, Kamerun.

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Info zum Buch:

The Bitter Legacy. African Slavery Past and Present.“ Herausgegegben von Alice Bellagamba, Sandra E. Greene und Martin A. Klein. Erschienen bei Markus Wiener Publishers, Princeton, 2013. Preis Paperback: 24,96 Euro.