Über Rassen und Nationen

Wer wissen will, warum die Frage nach der Bedeutung der ethnischen Herkunft vieler Bürger in den USA, Südafrika und Brasilien trotz ähnlicher historischer Voraussetzungen völlig unterschiedliche Perspektiven eröffnet, sollte Marx lesen.  Nein, nicht Karl, Anthony heißt dieser hier. Sein Buch: „Making Race and Nation: A Comparison of South Africa, the United States and Brazil“

Die drei genannten Staaten haben aus der Geschichte gemeinsam, dass in der Vergangenheit Afrikaner als Sklaven europäischer Landbesitzer eine Schlüsselrolle in der Ökonomie zukam.

Doch im Unterschied zu Südafrika und den USA gab es in Brasilien zu keiner Zeit Rassengesetze. Den Grund dafür sieht Marx in den inner-weißen Konflikten, die die USA (Amerikanischer Bürgerkrieg) und Südafrika (Burenkrieg) erschütterten. Die Niederlage der auf Agrarwirtschaften gestützten politischen Mächte, die gezwungen wurden, ihre Interessen denen einer eher liberal eingestellten Industrie unterzuordnen, erforderte eine Neuordnung des Staates. Indem man auf die offensichtlichen optischen Unterschiede zwischen den Menschen fokussierte, gelang es, neue Loyalitäten zu erschaffen, einen gemeinsamen Nenner auf den sich die verfeindeten weißen Bevölkerungsgruppen einigen konnten. 

Anschließend trat ein Prozess in Kraft, bei dem der unterlegenen Kriegspartei Zugeständnisse gemacht wurden. Und jeder Akt der Solidarität innerhalb einer Gruppe werde begleitet durch einen verstärkten Hass gegen außerhalb dieser Gruppe stehende Menschen, erklärt Marx mit Hinweis auf Arbeiten des im Juli diesen Jahres verstorbenen amerikanischen Soziologen Arthur Stinchcombe, der an der Uni Berkeley gelehrt hatte.

Brasilien hingegen war eine weitgehend homogene Kolonie, deren Wirtschaft landesweit auf Sklavenarbeit beruhte. Zu keiner Zeit wurde die Vormachtstellung der portugiesischen Kolonialmacht in Frage gestellt. Und so modernisierte und transformierte sich das Land auf friedliche Weise selbst. Aus der Kolonie wurde ein Kaiserreich, dann eine Republik. Aus Sklaven wurden freie Bürger. 

Eine Parallele zu den Unterschieden USA+Südafrika vs. Brasilien sieht Marx übrigens mit Blick auf die Gründung der Nationalstaaten Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert. Während Frankreich bereits ein geeinigter Staat gewesen sei, habe die Einheit Deutschlands erst erkämpft werden müssen. Die im Krieg von 1866 unterlegenen Mächte, allen voran Bayern, wurden über das Instrument einer exklusiven deutschen Staatsbürgerschaft eingebunden, die sich an der geografischen Herkunft der Bürger festmachte.

Viele der heute aktuellen Debatten erscheinen mir nach der Lektüre von Marx‘ Buch in einem anderen, bereichernden Licht. Gerade wenn es um Fragen wie Grenzen, Nationen, Heimat und Herkunft geht.