Der Tod kam aus den Wolken

Einsam thront der Hügel, abgeschirmt von einem Wäldchen, am Rand der Ortschaft Kamminke auf Usedom.

Steigt man hinauf, kann man von oben über die Felder blicken, über die Grenze hinüber nach Świnoujście, auf Deutsch: Swinemünde.

Der Pfad nach ganz oben ist ein Rundweg über den Kamm. Die von ihm eingeschlossenen Grünflächen fallen steil zur Innenseite hin ab und laufen auf halber Höhe bei einem Plateau zusammen, auf dem etwas steht, das aussieht wie ein Miniatur-Amphitheater.

Nahe dem Eingang zu diesem Theater steht eine Figur, allein, stumm, in einen Mantel gehüllt, dessen Kragen sie hochzieht, um sich gegen den Wind zu schützen. Die Figur heißt „Die Frierende“. Ihr Schöpfer ist der Bildhauer Günther Leptin.

Lange hat „Die Frierende“ unter der Erde gelegen, vergraben in Leptins Garten, kurz bevor er wegen Differenzen mit der SED-Führung in den Westen floh, Anfang der 1950er Jahre. Erst 1984 wurde sie in der Mitte des Hügels aufgestellt, für den sie bestimmt war.

Der Golm, wie der Hügel heißt, ist keine beliebige Erhebung, sondern ein Hügelgrab. Es ist die größte Kriegsgräberstätte auf deutschem Boden. Ab 1942 begrub man hier Soldaten, die in den Lazaretten der Ostseebäder starben, gefallene Marinesoldaten, Jagdflieger.

Die meisten Toten allerdings wurden nach dem 12. März 1945 hier in eilig ausgehobene Massengräber geworfen. Die Publizistin Carola Stern, Mitbegründerin der deutschen Sektion von amnesty international, damals 19-jährig, erinnerte sich sechzig Jahre später: „Die Kinderleichen wurden zuvor im Hafen der Größe nach sortiert und gestapelt“.

Die vielen Toten waren Ergebnis eines Angriffs der 8. US Luftflotte mit 671 Bombern und 412 Begleitjägern auf die Hafenstadt Swinemünde. Offizielles Angriffsziel waren „Rangieranlagen“. Allerdings hatte man hauptsächlich Splittersprengbomben mit besonders leichtgängigen Zündern geladen wurde, die schon beim Kontakt mit Baumwipfeln und -ästen detonierten, um ihre Splitter über eine möglichst große Fläche zu verteilen. Wer sich Deckung suchend auf den Boden warf, bot diesen Waffen die größtmögliche Trefferfläche. Und das von den Markierern abgesteckte Zielgebiet schloß die ausladenden Kurparks der Stadt ein, in denen es von Flüchtlingen wimmelte.

Sicher war der Hafen kriegswichtig. Es gab auch militärische Anlagen. Doch sie wurden kaum beschädigt und konnten schon ab Sommer 1945 von der Baltischen Rotbannerflotte ohne Verzögerung nachgenutzt werden. Das erinnert an Dresden, wo ein erstklassiges militärisches Ziel wie das Luftgaukommando unbehelligt blieb und nach dem Krieg zum Sitz der Sächsischen Landesregierung, später dann zur Militärakademie der DDR avancierte.

Der Angriff auf Swinemünde wurde von sowjetischer Seite erbeten, und die Amerikaner mussten dafür auf ein Arsenal zurückgreifen, das im Zuge der vorherrschenden Luftkriegsdoktrin für die Vernichtung von gut brennbarer städtischer Altbausubstanz und Menschenleben optimiert war. Es gab nichts, womit eine nachhaltige Wirkung auf Schienenwege oder Hafenanlagen zu erzielen war. Deshalb hatten das britische wie auch das amerikanische Oberkommando seit Juni 1944 mehrere Vorschläge für Luftangriffe auf Eisenbahnstrecken und Bahnhöfe verworfen, über die Transporte nach Auschwitz rollten. (Details nachzulesen bei Jörg Friedrich „Der Brand“, Propyläen, 2. Auflage 2002, S. 130.)

Ein weiteres Problem war die Treffgenauigkeit. Friedrich schreibt dazu: „Die Bombe findet nicht präzise zum Ziel, darum wird zum Ziel, was die Bombe finden kann, eine Stadt.“

Um Swinemünde auszulöschen, genügte der 8. US Luftflotte eine knappe Stunde. Anschließend, erinnert sich Carola Stern, lief sie „mit einem irren Lachen durch die Stadt. Im Stadtpark lagen überall abgerissene Köpfe und Gliedmaßen, weil die Bomben mitten unter die Menschen gefallen waren, die dort Schutz gesucht hatten.“

Im Hafen, wo im Sommer 1929 noch der Kreuzer Aurora, das Flagschiff der Russischen Oktoberrevolution, bei einem Flottenbesuch geankert hatte, waren mehrere große Handelsschiffe mitsamt ihren Passagieren in den eiskalten Fluten versunken: „Jasmund“, „Hilde“, „Ravensburg“, „Heiligenhafen“, „Tolina“, „Cordillera“, „Andros“.

Allein die „Andros“, die man 1948 hob, wurde zum Grab für 570 Menschen.

Wenn es so etwas wie einen Erfolg zu vermelden gab, dann die Tatsache, dass Swinemünde Anfang April 1945 tatsächlich kampflos an die Rote Armee übergeben wurde. Die Evakuierung der letzten deutschen Einheiten erfolgte über den Hafen.

Von den ehemals 22000 Einwohnern der Stadt, die nach dem Willen der Alliierten fortan zu Polen gehörte, lebten im Oktober ’45 nur noch knapp siebenhundert in Swinemünde. Alle waren Angestellte der sowjetischen Garnison und Militärkommandantur. 1951 musste auch diese Deutschen ihre angestammte Heimat endgültig verlassen.

Die meisten Polen, die nach Świnoujście kamen, dürften ihrerseits Vertriebene gewesen sein aus Gebieten, die sich nach dem Krieg die Sowjetunion einverleibte. Am Ende des Zweiten Weltkriegs fand sich Polen als Verlierer unter den Siegern. Bei aller berechtigeter, sachlicher Kritik am Kurs der derzeitigen, nationalistisch ausgerichteten polnischen Regierung findet sich in der deutschen Presse trotz allem wenig Verständnis für speziell polnische Befindlichkeiten. Eher dominiert ein spöttischer, beinahe belehrender Unterton – als hätten manche in Deutschland das alleinige Monopol darauf, Lehren aus der Geschichte korrekt zu interpretieren.

Die zerbombte Stadt auf polnischem Staatsgebiet und das Massengrab am Golm auf deutscher Seite waren ein belastendes historisches Erbe für die politische Führung der DDR – wie nicht zuletzt der Fall von Leptins Statue beweist. Während die Geschichte Dresdens ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingemeißelt wurde, hüllte man den Fall Swinemündes in einen Mantel des Schweigens. Gedenkfeiern fanden allenfalls im regionalen Rahmen statt.

Auch heute noch ist die Insel Usedom politisch schwieriges Terrain, eine Hochburg der Nationalisten. Schon nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern 2011, die der NPD in Kamminke einen Stimmenanteil von 23,9% brachten (obwohl es im Gemeinderat nur die CDU und Freie Wähler gibt), begab sich der Berliner „Tagesspiegel“ auf Ursachensuche und diagnostizierte mit Hilfe eines demokratisch gesonnenen Kommunalpolitikers „einen braunen Gürtel, der sich an der Grenze zu Polen entlangzieht.“

Der im Artikel erwähnte systematische Buntmetallklau auf Friedhöfen machte auch vor der Gedenkstätte Golm nicht Halt, wie ich bei meinem Besuch im August 2015 feststellen musste.

Noch trauriger, dass auch die mit Plastikbuchstaben erneuerte Inschrift im Zentrum der Gedankstätte „DASS NIE EINE MUTTER MEHR IHREN SOHN BEWEINT“ (Zeile aus dem Refrain der DDR-Nationalhymne von Hanns Eisler) wenige Wochen nach ihrer Instandsetzung wieder zerstört wurde.

Die Motive für diese Taten mögen verschieden sein. Symptomatisch für die Gesamtsituation der Insel sind sie allemal. Schon ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu erkennen, dass Usedom im wiedervereinten Deutschland eine – allein aus geopolitischen Gründen – geteilte Insel geblieben ist.

Geht es um Verantwortung und Schuld, ist es immer schwer, die richtigen Worte zu finden. Der englische Philosoph A. C. Grayling schreibt in seinem Buch „Die toten Städte“ über die Luftangriffe der Aliierten: „Es war ein gerechter Krieg gegen verbrecherische Feinde, in dem die späteren Sieger in einigen wichtigen Aspekten moralisch genau so tief sanken wie ihre Gegner, eine Tatsache, die inständig und offen bereut werden sollte.“

Dem ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.

Erscheinen Pflicht: Gedenkfeier mit Pionieren zu Zeiten der DDR

Erscheinen Pflicht: Gedenkfeier mit Pionieren zu Zeiten der DDR

Gedenkstein für die Kriegsopfer

Gedenkstein für die Kriegsopfer

Hinweistafel der Deutschen Kriegsgräberfürsorge

Hinweistafel der Deutschen Kriegsgräberfürsorge

Die Buchstaben wurden mutwillig entfernt ...

Die Buchstaben wurden mutwillig entfernt ...

Das Gräberfeld der zivilen Opfer, markiert mit weißen Gedenksteinen, zieht sich weit den Hügel hinauf.

Das Gräberfeld der zivilen Opfer, markiert mit weißen Gedenksteinen, zieht sich weit den Hügel hinauf.

Links zum Weiterlesen

Auf der Website von Erwin Rosenthal findet sich alles Wissenswerte über die Stadt. Besonders interessant: 61 Jahre nach Kriegsende trifft Herbert Weber aus Iserlohn, der den Angiff als 14-jähriger überlebte bei einer Flugschau in Florida den ehemaligen radar operator Sid Katz aus New Jersey. Es stellt sich heraus, dass Katz zu den Männern gehörte, die den Angriff auf Swinemünde flogen … http://swinemuende.eu/das_inferno.htm

Der „SPIEGEL“ mit einer Sammlung von Augenzeugenberichten: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/26766644

Ein Beitrag auf Deutschlandradio Kultur.  Dr. Jozef Plucinski, Direktor des Fischerreimuseums von Swinoujscie, führt durch die Stadt: http://www.deutschlandradiokultur.de/die-toten-auf-dem-golm.1134.de.html?dram:article_id=177116

„Der Tagesspiegel“ über den Rechtsextremismus auf Usedom: http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsextremismus-npd-auf-usedom-tiefenbraeune-an-der-ostsee/4658490-all.html