Der Aleppo Codex

„Ich rechnete damit, ein erbauliches Buch über die Rettung einer alten Handschrift zu schreiben, und wurde wie jemand, der ahnungslos einen Schrank öffnet, plötzlich unter einem Haufen vergessener Dinge begraben.“

Zu diesem Fazit kommt der Autor Matti Friedman am Ende seines Buches, das sich mit der Geschichte des Aleppo Codex befasst. Es handelt sich dabei um die älteste erhaltene herbräische Bibel, aufgeschrieben und kommentiert um 920 n.C. vom Gelehrten Aaron Ben Ascher und seinem „flinken Schreiber“ Sch’lomo ben Buya’a in Tiberias (heutiges Israel).

Die Pergamentseiten haben eine wechselvolle Geschichte mit einigen dramatischen Wendungen erlebt. Sie überstanden die Plünderung Jerusalems durch die Kreuzfahrer 1099 und etliche Jahrzehnte im ägyptischen Exil, ehe sie Ende des 14. Jahrhunderts nach Aleppo gelangten.

„Die Juden von Aleppo waren schon eine alte Gemeinde, als die römischen Legionen im Jahre 70 n.C. den Tempel in Jerusalem zerstörten. Und sie waren eine uralte Gemeinde, als im 7. Jahrhundert die Muslime kamen“ – in deren politisches System sie sich zunächst hervorragend integrierten.

Es hat sogar, berichtet Friedman, eine Zeit gegeben, in den 1930er Jahren, wo man als Jude in Aleppo syrischer Nationalist und Zionist zugleich sein konnte. Die meisten Juden Aleppos, die danach strebten, sich politisch zu engagieren, verstanden sich bis kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Syrer, die mit ihren arabischen Nachbarn gemeinsam gegen die französische Schutzmacht Parolen skandierten, die in einer Rezension eher nicht zitiert werden sollten. Doch kaum waren die Franzosen verschwunden, wendete sich das Blatt.

Obwohl die syrischen Juden auf vielfache Weise versicherten, mit den aus Europa nach Palästina strömenden Auswanderern nicht mehr als den Glauben gemein zu haben – und auch das war in vielen Fällen eine gewagte Parallele – wurden sie Ziel massiver Angriffe.

In Aleppo brach der Sturm am 30. November 1947 los. Weniger Stunden zuvor hatte die UNO-Vollversammlung der Gründung des Staates Israel zugestimmt. Was folgte, zeigte erschreckende Parallelen zu dem, was sich neun Jahre zuvor, am 9. November 1938 in Deutschland zugetragen hatte. Der „Volkszorn“ machte sich Luft und zündete Synagogen, jüdische Schulen, Geschäfte und Wohnhäuser an.

Auch die Große Synagoge Aleppos wurde gestürmt und in Brand gesteckt. In einer dunklen Kammer des Gewölbes fanden die Randalierer eine verschlossene Kiste, die sie von hinten aufbrachen. Sie enthielt aber nur alte Schriften, die man achtlos im Innenhof der Synagoge verstreute. Damit lag der Codex, der wegen seines besonderen Wertes auch „die Krone von Aleppo“ genannte wurde, für jeder Mann sichtbar und zugänglich auf der Straße. Seine weitere Gesichte ist untrennbar mit den Menschen verbunden, die sich seiner annahmen oder indirekt mit ihm zu tun hatten. Das waren viele. Und so ist Friedmans Buch eine reiche Sammlung von Erinnerungen.

Oft sind es Kindheitserinnerungen an eine Welt, die in der Vergangenheit versunken ist, ohne dass der Rest der Welt Kenntnis davon zu nehmen schien. Zehntausend Menschen zählte die jüdische Gemeinde von Aleppo 1947, dreihunderttausend, ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Stadt, waren es in Bagdad. Wo sind sie geblieben?

Reste der Aleppo-Gemeinde finden sich in Buenos Aires, in New York und natürlich in Israel. Wobei Israel zur Heimat für jene wurde, die es sich nicht leisten konnten, andere Ziele zu erreichen. „Diese Neuankömmlinge“, konstatiert Friedman, „hatten wenig mit den europäischen Juden gemein, die bis dato in der Überzahl gewesen warn. Einige der führenden Israelis … sahen in ihnen die Angehörigen einer niederen Rasse, die vor allem deshalb so wichtig waren, weil der Pool in Europa, aus dem der neue Staat seine Manpower hatte schöpfen wollen, vernichtet worden war.“

Zur gleichen Zeit wurden die noch in arabischen Ländern lebenden Juden zunehmend unterdrückt. Einerseits erlaubt man ihnen nicht die Ausreise, sie duften noch nicht einmal ihren Wohnort verlassen. Dahinter stand Überlegungen, sie als Druckmittel bei Verhandlungen mit Tel Aviv und seinen Partnern zu benutzen. Andererseits waren sie der Willkür der arabischen Behörden ausgeliefert und mussten ihr Leben unter Auflagen fristen, die denen in Deutschland vor Ausbruch des 2. Weltkriegs nahekamen. Speziell in Syrien stempelten die Regierungsbehörden mit roter Tinte das Wort „mousawi“ (mosaisch = Jude) in die Pässe von Bürgern hebräischer Abstammung. Der Zugang zu bestimmten Geschäftsfeldern und Studiengängen wie Medizin und Pharmakologie wurde ihnen verwehrt.

Aber auch der neu gegründete Staat Israel versuchte auf seine Weise Kapital aus dem Schicksal der syrischen Juden zu schlagen. Friedman diagnostiziert eine besondere Begehrlichkeit staatlicher Stellen in Bezug auf antike Handschriften und schlimmer noch: dass einige dieser Handschriften unauffindbar verschwanden, während sie sich in staatlicher Obhut befanden. Auch vom Aleppo Codex fehlt heute mehr als ein Drittel aller Seiten, und Friedmans Recherchen legen nahe, dass dies nichts mit den Ereignissen von Aleppo im Jahre 1947 zu tun hat.

Ein international agierender Kunsthänder scheint hier mehr zu wissen, fordert allerdings horrende Summen für seine Auskünfte. Und ein orthodoxer Rabbiner, der als ausgewiesener Experte für antike hebräische Schriften galt, wurde tot in einem Hotelzimmer aufgefunden. Über manche Zusammenhänge kann der Autor am Ende nur spekulieren.

Für mich als deutschen Leser ist die Detektivgeschichte um die verlorenen Teile des Codex am Ende nebensächlich. Wichtiger ist, das nach dem Lesen des Buches ein tieferes Verständnis für die Geschichte des Staates Israel wie auch für die vielfältigen Ursachen des Nahostkonfliktes bliebt.

 

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Das Buch ist erschienen im Herder Verlag, 2012, gebundene Ausgabe: 11,99 Euro.