Mitleid für die Grausamkeit

Einen „Versuch über die Grausamkeit“, hat Henning Ritter sein Buch „Die Schreie der Verwundeten“ untertitelt. Doch schon der Versuch bleibt in den Ansätzen stecken, obwohl Ritter einen breiten historischen Bogen von der Französischen Revolution bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts spannt und für den Leser verständlich, über weite Strecken auch spannend schreibt. Nur enden seine Gedanken über die Grausamkeit schon im letzten Drittel des ersten Kapitels, das sich den Betrachtungen der Französischen Revolution mit den Augen des Historikers Jules Michelet widmet.

Jules Michelet und die Gabe der Tränen

Der 1798 geborene Michelet erachtete die Hinrichtung Louis XVI. und seiner Frau Marie-Antoinette als einen Kardinalfehler der Revolution. Das Volk, meinte er, hätte beiden mitleidvoller begegnen sollen. Denn mit der unbarmherzigen Hinrichtung seien die fortschrittlichen Ziele der Revolution auf Jahre diskreditiert worden.

Wie schwer wiegt dieses Urteil eines Mannes, der die Revolution selbst gar nicht erlebt hat? „Michelet“, schreibt Henning Ritter, „rühmte sich der ‚Gabe der Tränen’… und notiert am 30. Januar 1842 in sein Tagebuch, dass der Schmerz der Schlüssel zur Geschichte sein.“

„Die Geschichte“, folgert Ritter daraus, „ist eine Leidensgeschichte, die durch das Mitleid enthüllt wird.“

Damit lässt er sich von Michelet das entscheidende Stichwort geben und stellt fortan das Mitleid ins Zentrum des Geschehens. Jenes Gefühl, über das er einige Jahre zuvor schon einmal ein Buch schrieb: „Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid.“

Ich finde, es ist eine interessante Idee, der Grausamkeit das Mitleid als Gegenpol gegenüber zu stellen. Aber die als Titelthema erwählte Grausamkeit links liegen zu lassen und statt dessen über das Mitleid zu referieren, ist für mich als Leser eine schwache Leistung des Autors.

Dabei hat er auf den ersten Seiten einige Ansatzpunkte herausgearbeitet, die sich hervorragend als Aufhänger für tiefer gehende Analysen geeignet hätten.

So zitiert er eine Tagebuchnotiz Stendhals, der den Menschen vorwirft, um Mitleid zu empfinden, müssten sie sich in andere hineinversetzen, die sich in ihnen nicht wiedererkennen.

Ist diese fehlenden Spiegelung ein möglicher Auslöser für grausame Handlungen?

Um dieser Fragen nachzugehen, hätte Ritter mehr eigene Gedanken entwicklen müssen. Eben damit aber hält er sich im gesamten Text zurück. Der einzigen Stelle wo Ritters persönliche Ansichten nach meinem Empfinden deutlich zutage treten, haftet der antisemitische Beigeschmack überzogener Israelkritik an.

Er geht dabei von Stendhals Kritik des Salons von 1824 aus. In diesem Rahmen besprach der französische Schriftsteller, dem erst 1840 mit „Die Karthause von Parma“ der einzige Bucherfolg zu Lebzeiten gegönnt war, ein Bild des Malers Léon Cogniet: Scène du massacre des innocients.

Das Bild bezieht sich auf den Kindermord zu Bethlehem und zeigt nach Ritter: „im Schutz einer Ruine eine Mutter, die ihr Baby an sich drückt und ihm die Hand auf den Mund presst, damit die sich nähernden Schergen des Herodes nicht auf sie aufmerksam werden.“

Und einige Zeilen weiter: „Wie modern dieses Bild ist, wird dem heutigen Betrachter sofort deutlich, wenn er es mit Fotografien von palästinensischen Frauen und Kindern vergleicht, die an sein Mitgefühl appellieren und ihn zum Engagement aufrufen.“

Der distanzierte Essayist würde hier untersuchen, ob es nicht zwei Seiten der gleichen Medaille gäbe, anstatt eine davon zum Spiegel der Wahrheit zu erklären.

Auch Henning Ritter findet den nahezu perfekten Einstieg in diese mögliche Betrachtungsweise, als er im Anschluß an eine Beurteilung der Taten Robespierres durch Friedrich Sieburg zu dem Schluß kommt: „Die Konsequenz verbindet das Gute und das Böse so, dass sie einander umschlagen: Das mit letzter Konsequenz gewollte Gute wird böse, das Böse treibt das Gute aus sich hervor.“ Eine bemerkenswerte Erkenntnis, für mich der wichtigste Satz des Buches überhaupt.

Leider verpaßt Ritter auch diese Gelegenheit, sich noch einmal eingehend mit der Grausamkeit zu beschäftigen. Dabei steuert er über einige Zwischenstationen direkt auf ein grausiges Geschehen zu: die Schlacht von Solferino.

 

Henri Dunant und die Schlacht von Solferino

Die Augenzeugenberichte dieser Schlacht gaben dem Buch den Titel: „Die Schreie der Verwundeten.“

Zweifellos war Solferino ein mörderisches Zusammentreffen von – nach damaligen Verhältnissen – ungewöhnlich großen Heeresverbänden auf einer Front von 15 Kilometer Länge. Die dramatischen Verluste waren jedoch vor allem auf den Einsatz neuartiger Infanteriewaffen zurückzuführen, Gewehre mit gezogenen Läufen, die mit Minié-Geschossen geladen wurden. Diese neuartigen Projektile ermöglichten eine hohe Treffgenauigkeit auf lange Distanzen. Trotzdem marschierten Infanterieeinheiten noch immer in großen Formationen aufeinander zu und feuerten auf möglichst kurze Distanz.

Gingen in der Schlacht von Waterloo 1815 nur 15 Prozent der Toten und Verwundeten auf das Konto der Infanterie, waren es 1863 in der Schlacht von Gettysburg 75 Prozent. Die Schlacht von Solferino fand 1859 statt. Der Bildnachweis für das Umschlagbild von Ritters Buch nennt fälschlicherweise 1849.

Vor Solferino waren Minié-Geschosse schon im Krimkrieg (1853-1856) eingesetzt worden.

Der Krimkrieg ist mit der Persönlichkeit Florence Nightingales verbunden, Solferino mit dem Namen Henri Dunants. Beide werden von Henning Ritter als Menschen herausgestellt, deren wichtigstes Handlungsmotiv das Mitleid war.

In der Momentaufnahme ist das richtig. Betrachtet man das zeitliche und soziale Umfeld auf einer weitläufigeren Ebene, dann stört mich an Nightingale, das sie und ihre „Damen“ die Mitwirkung der farbigen Mary Seacole ablehnten, die daraufhin während des Krimkrieges ihr eigenes „Hotel“ für kranke und verwundete britische Soldaten unterhielt.

Bei Dunant fällt auf, dass der ursprüngliche Zweck seiner Reise nach Solferino gar nicht darauf ausgerichtet war, anderen zu helfen. Vielmehr beabsichtigte er sich als Bittsteller an Napoleon III. zu wenden und hatte zu diesem Zweck eine den Kaiser der Franzosen lobhudelnde Denkschrift verfasst. Es ging ihm um die Vergabe von Konzessionen in Algerien, bei denen er sich als Unternehmer von der Kolonialverwaltung benachteiligt fühlte.

Sein Verdienst ist es, unter dem unmittelbaren Eindruck dramatischer Ereignisse seine persönlichen Belange zugunsten Hilfsbedürftiger zurück gestellt und alles Notwendige unternommen zu haben, um die Not anderer zu lindern. Drei Jahre später veröffentlichte er seine „Erinnerung an Solferino„, ein Buch, dessen erste Druckauflage er selbst finanzierte. Das Buch fand breite Beachtung, wurde ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes.

Zum Inhalt des Buches, aus dem auch Henning Ritter mehrere Passage zitiert, ist anzumerken, dass Dunant erst am Abend des 24. Juni 1859 in Solferino ankam zu einem Zeitpunkt, als die Schlacht bereits vorbei und die Österreicher auf dem Rückzug waren. Das erklärt zum Teil widersprüchliche Schilderungen des Schlachtgeschehens, die Ritter kommentarlos und in der Auswahl ein wenig unglücklich übernimmt.

Auf Seite 128 ist zu lesen: „Eine Schwadron der Kavallerie nähert sich im Galopp, die Pferde zermalmen mit ihren Hufen die Toten und die Sterbenden …“

Direkt gegenüber auf Seite 129: „Die Pferde vermieden es, die auf dem Schlachtfeld liegenden Verwundeten mit ihren Hufen zu treffen.“

Man hat hier den Eindruck, die Pferde verhalten sich in Dunants Erzählung wie er es gerade braucht, um sein Ziel zu erreichen: „… die Aufmerksamkeit human und philanthropisch gesinnter Menschen auf das Schicksal der Verwundeten zu lenken“. Aber dem ist nicht so. Sobald er nämlich zum eigentlichen Kern seines Anliegens kommt, dem Leiden der Verwundeten, ändert sich sein Duktus, die Szenen gewinnen an Klarheit, Eindringlichkeit.

Hier bemerke ich den Unterschied zwischen Dunant und Ritter: Dunant weckt mein Mitgefühl für die Leiden anderer, Ritter nicht. Das mag daran liegen, dass Dunants Bericht die Menschen so zeigt, wie sie sind, gefangen in mancherlei Widersrüchen, doch immer für einen Überraschung gut. Die stärksten Szenen bei Dunant handeln nicht von seinem eigenen Mitleid oder dem, das der Leser empfinden sollte. Sie handeln vom Mitgefühl, dass der Feind dem besiegten Gegener gegenüber aufbringt:

„Viele französische Soldaten teilten brüderlich ihre Lebensmittel mit den Gefangenen, die vor Hunger fast umkamen. Andere schleppten auf ihrem Rücken Verwundete der feindlichen Armee zu den Verbandstätten und leisteten ihnen dort mit bemerkenswerter Hingabe und großem Mitleid alle erdenklich Hilfe.“

Dunants Augenzeugenbericht widerlegt eine Darstellung in einem früheren Kapitel von Ritters Buch, wo dieser, Benjamin Constant zitierend, ausführt: „Die moderne Armee … bestand … aus vierhundertausend Egoisten, die weder Mitleid mit den Besiegten noch Achtung vor den Schwachen hatten.“

Auf diese Beobachtungen Dunants geht Ritter, der sie doch gelesen haben muss, mit keinem Wort ein. Stattdessen jongliert er mit Zahlen: „Zu den vierzigtausend Soldaten und Unteroffizieren, die an diesem 24. Juni fielen, kamen in den folgenden Tagen mindestens noch einmal so viele Tote hinzu. Es waren Verwundete, die man … hätte retten können.“

Die detaillierten Verlustmeldungen der französisch-piedmontesischen Seite finden sich auf www.historyofwar.org wie folgt: 2376 Tote, 12436 Verwundete, 2848 Vermisste (der größte Teil davon von der Gegenseite gefangen genommen oder – nicht unüblich zu dieser Zeit – desertiert). Die Gesamtverluste der Österreicher werden mit etwa 22000 Mann angegeben (davon 8000 gefangen/vermisst). Diese Zahlen decken sich in etwa mit denen aus der Encyclopedia Britannia, die in Wikipedia nachzulesen sind.

Es darf angenommen werden, dass bei Dunants Eintreffen in Solferino (und San Martino) an die 25000 Verwundete zu versorgen waren, von denen in den Folgetagen – daran ist nicht zu zweifeln – viele starben. Ein gewaltiges Elend, das keiner künstlichen Steigerung bedarf. Warum Henning Ritter diese Zahlen trotzdem vervielfacht, erschließt sich mir nicht. Möglicherweise ist es ein Denkfehler oder, einmal mehr in diesem Buch, Unachtsamkeit im Umgang mit sekundären Quellen, der auch vom Lektorat unbemerkt bleibt. Ein sogar amüsantes Beispiel dafür findet sich im Schlusskapitel, in dem Ritter als Darwins Biografen „Desmond und Morris“ nennt. Zwar ist Desmond Morris ein namhafter britischer Verhaltensbiologe, der einer breiteren Öffentlichkeit vor allem durch seine Arbeiten über die Körpersprache von Katzen bekannt wurde. Die Biografen von Charles Darwin heißen allerdings Adrian Desmond und James Moore – siehe Literaturverzeichnis am Ende des Buches.

 

Mitleid oder Grausamkeit

Die enormen Verluste in der Schlacht von Solferino führten dazu, dass beide Kriegsparteien eine Fortsetzung des Schlagabtauschs als unvorteilhaft erkannten. Aus strategischer Sicht galt es, die Handlungsfähigkeit ihrer Armeen zu erhalten. In dieser Hinsicht kam ihnen auch Dunants Engagement entgegen.

Generell war es in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch so, dass die meisten Soldaten nicht in Gefechten, sondern an Mangelernährung und Infektionskrankheiten starben. Für den Amerikanischen Bürgerkrieg wird das Verhältnis mit 1:3 bis 1:4 angegeben. Besonders tragische Beispiele sind die Fotos von Kriegsgefangenen aus Andersonville (Camp Sumter) und Belle Island (Richmond). Ein Besuch in Andersonville war der Anstoß für Clara Barton, das Amerikanische Rote Kreuz zu gründen.

Auch in Florence Nightingales Lazaretten starben die meisten Männer an Dysenterie (Ruhr) und Cholera.

Hier könnte man mit bitterer Ironie fragen: Ist es ein Akt des Mitleids oder der Grausamkeit, wenn man Kranke und Verwundete gesund pflegt, damit sie weiter gegeneinander Krieg führen können?

Einer, der keinen Zweifel daran hat, was richtig und was falsch sein muss und – deshalb? – breiten Raum im Mittelteil von Ritters Buch bekommen hat, ist der Philosoph Arthur Schopenhauer. Er sah im Mitleid die einzige wirksame Gegenkraft gegen die Grausamkeit, die er als „böswillige Verletzung des wahren, reinen Inhalts der Moral“ definiert. Und der Inhalt seiner Moral besteht aus dem einzigen Satz: „Verletze niemanden, sondern hilf allen, so viel du kannst.“ Die dem gegenüberstehende Maxime der Grausamkeit ist: „Schade allen, soviel du kannst.“ Zwischenstufen gibt es für Schopenhauer nicht, und Henning Ritter bemerkt, die Schwäche von Schopenhauers Ansichten läge nicht in ihrer Evidenz oder Überzeugungskraft, sondern in den Antrieben, ihr zu folgen.

 

Schopenhauers Moralphilosophie

Tatsächlich findet sich bei Schopenhauer – wie schon zuvor bei Jules Michelet – ein auf seltsame Weise verklärter Blick auf Dinge und Menschen, die er nicht aus eigener Erfahrung kennt. Während die westliche Kultur, in der er lebt, auf ihn eher kalt und abstoßend wirkt, rühmt er die Religionen Asiens und versenkt sich in die Leiden der Tiere. Nur das Fremde, Unbekannte ist edel und rein: „In Asien, bemerkt Schopenhauer, gewährten die Religionen den Tieren genügend Schutz, so dass Vereine zu ihrem Schutz unnötig [sind].“ Dabei bestehen kaum Zweifel, dass man schon damals Haien die Rückenflosse abschnitt, um delikate Suppe daraus zu machen oder Horn vom Rhinozeros und Tigerpenis als Aphrodisiaka handelte. Ganz zu schweigen von Schlangen, die man lebendig grillt.

Immerhin preist er „die hochherzige britische Nation“, die „20 Millionen Pfund Sterling hingibt, um den Negersklaven in ihren Kolonien die Freiheit zu erkaufen unter dem Beifall der ganzen Welt.“ Und Henning Ritter führt weiter aus, für Schopenhauer seien die Initiativen zur Befreiung der Sklaven moralische Zeichen gewesen, deren Bedeutung auch darin lag, dass sie … „auf jenes Fundament der Moral zurückgriffen, die sich im Mitleid offenbarte.“

Was aber, wenn der wichtigste Antrieb zur Abschaffung der Sklaverei die Industrielle Revolution war, die die Sklavenwirtschaft schlicht unrentabel machte?

Und die erwähnten 20 Millionen Pfund Sterling kamen, um das noch einmal deutlich zu machen, nicht den freigelassenen Sklaven zugute, sondern wurden als Entschädigung an die Plantagenbesitzer in der Karibik gezahlt. Was sich vordergründig wie ein Akt des Mitleids ausnahm, war in Wirklichkeit ein Subventionsprogramm für die kränkelnde Landwirtschaft der Kolonien.

Ausserdem diente die Durchsetzung des Verbots von Sklavenhandel in Westafrika dazu, militärisch in den bislang souveränen Königreichen der Afrikaner wie Dahomé, Dagomba, Benin und in den Reichen der Fulbe zu intervenieren. Erst infolge der Besetzung dieser Gebiete, deren Bewohner mehr als dreihundert Jahre lang vom transatlantischen wie transsaharischen Sklavenhandel profitiert hatten, entstanden die Strukturen der europäischen Kolonien, die bis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die politische Landkarte Afrikas prägten.

Schopenhauer, der 1860 starb, konnte diese Entwicklung der Dinge, die sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hinzog, nicht mehr beobachten. Henning Ritter ignoriert sie und legt damit ein Werk vor, das starke Schwarz-Weiß-Kontraste, aber wenig Graustufen enthält.

„Die Schreie der Verwundeten“ bleibt unter dem Strich eine beeindruckende Stoffsammlung und ein spannendes Rätselbuch für Faktencheck-Freaks. Das ist schade, denn es hätte viel mehr sein können.