Die mit den Rechten redet

Die an der Uni Berkeley lehrende Soziologin Arlie Russell Hochschild entwirft in ihrem Buch „Fremd in ihrem Land“ ein Psychogramm der Neuen Rechten, das sich auf Gesprächsprotokolle der Autorin stützt. In fünf Jahren füllte sie damit mehr als 4690 Seiten. Und sie redete nicht mit den Scharfmachern, politischen Führern, sondern mit jenen, die geneigt sind, erstere zu wählen. Die entscheidende Frage lautet: Warum tun sie das?

Um Antwort darauf zu finden, begibt sie sich auf die andere Seite der „Empathiemauer“, das heißt zu jenen Menschen, denen ihr übliches Umfeld das Mitgefühl verweigert. Denn: „Unsere Polarisierung und die Tatsache, dass wir uns zunehmend schlicht nicht kennen, macht es allzu einfach, uns mit Abneigung und Verachtung zufriedenzugeben.“

Die „Empathiemauer“

„Eine Empathiemauer“, so Hochschild, „ist ein Hindernis für das Tiefenverständnis eines anderen, das uns gleichgültig oder sogar feindselig gegen Menschen macht, die andere Ansichten haben oder in anderen Verhältnissen aufgewachsen sind.“

Ihre Reise führt sie nach Louisiana, einen Bundesstaat der USA, dessen Bevölkerung zu einem Großteil auf finanzielle Hilfen des Bundes, d.h. der Regierung in Washington, angewiesen ist und gleichzeitig unter einer enormen Belastung durch Umweltverschmutzung und Raubbau an der Natur leidet. Trotzdem ist Louisiana ein Bollwerk rechter Überzeugungen, für Hochschild am Anfang ihrer Studien ein „großes Paradox“, das in nahezu alle „roten“ Bundesstaaten, wo die Mehrheit Republikaner wählt, zu beobachten sei.

Medien, Rassismus und Homophobie

Von Seiten linker Politiker und Journalisten wird immer wieder die Ansicht vertreten, das Wahlvolk der Rechten sei manipuliert und geködert, indem deren Führer, so Hochschild, „an die schlechten Engel ihrer Natur appellieren – an Gier, Selbstsucht, Rassenintoleranz, Homophobie und den Wunsch, keine Steuern mehr zu bezahlen.“

Wie die Autorin anhand einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in New Orleans beobachten konnte, findet dieser Appell auch tatsächlich statt. „Er überdeckt jedoch einen anderen Appell – an die guten Engel des rechten Flügels, an ihr geduldiges Warten in der Schlange in wirtschaftlich besorgniserregenden Zeiten, ihre Fähigkeit zu Loyalität, ihre Opferbereitschaft und ihr Durchhaltevermögen …“ Und die Soziologin liefert eine brilliante Analyse, wie genau Trump das macht. Er agiert keineswegs so planlos und ungeschickt wie es üblicherweise dargestellt wird.

Die ist eine frappierende Erkenntnis, die von Hochschild mit zahlreichen detaillierten Interview-Passagen untermauert wird. Differenzen zwischen eher farbigen und eher weißen Cajuns* gibt es zweifellos. Das wir deutlich, wenn auf einem Friedhof nur auf der Seite, wo die Weißen begraben liegen, der Rasen frisch gemäht ist. „Auf der anderen Seite kommt die Bezahlung aus einer anderen Quelle“, wird der Autorin erklärt.

Eine bis heute andauernde Segregation, die von beiden Seiten** gepflegt wird und ungeschriebenen Regeln folgt, schein allgegenwärtig und führt dazu, dass bei den Interviewpartnern Hochschilds „Schwarze nicht als Nachbarn und Kollegen in ihr Leben [treten], sondern durch Fernseh- und Zeitungsberichte, die unterschiedliche Bilder von ihnen zeichnen.“ In dem einen Programm sind sie reiche, zum Teil exzentrische Megastars, von denen manche vulgäre Texte über Sex und Gewalt rappen. Auf dem anderen fristen sie ein düsteres Leben als Sozialhilfeempfänger. Was fehlt, sind „schwarze Männer und Frauen, die ebenso wie sie [die Weißen] geduldig neben ihnen in der Schlange auf ihren wohlverdienten Lohn warteten.“

Es bestätigt sich weiter, dass rechte Wähler bevorzugt Fox News und andere einschlägige Kanäle ihrer „Filterblase“ (Hochschild verwendet dieses Wort nicht) konsumieren. Das aggressive Vokabular der Kommentatoren übernehmen sie jedoch nicht in ihren Sprachgebrauch. Statt dessen entsteht das Gefühl, ein für seine kontroversen Sprüche bekannter Sprecher wie Rush Limbaugh (Fox) errichte für seine Zuschauer einen „Schutzwall gegen die Beleidigungen, mit denen die Liberalen sie und ihre Vorfahren heruntermachten“.

Das Gefühl massiv verbal angegriffen zu werden, bestätigt sich beim gelegentlichen Umschalten auf liberale Sender wie CNN, MSNBC. Mike Schaff, ein weiterer Interviewpartner, schaut regelmäßig auch dort, um zu sehen, wie liberale Moderatoren die Situation in den Südstaaten darstellen. Seine Erfahrung: „Viele liberale Kommentatoren schauen auf Leute wie mich herab. Wir dürfen das ›N‹-Wort nicht sagen, das wollen wir auch gar nicht, es ist erniedrigend. Warum nehmen liberale Kommentatoren sich dann die Freiheit, das ›R‹-Wort [Redneck] zu benutzen?“

Eine Frau – gebildet und als Flugbegleiterin keineswegs weltfremd, wie die Autorin betont – beklagt sich, sie bekäme bei CNN „Meinungen statt Nachrichten“. Dies erkenne sie „an dem Ton“, den unter anderem Christiane Amanpour anschlägt, wenn sie aus Krisengebieten berichtet. Die Zuschauerin, so Hochschild, habe das Gefühl, unterschwellig von Amanpour beschimpft zu werden, weil ihre Berichte eine starke Aufforderungskomponente enthalten, auf vorbestimmte Art und Weise mitfühlen zu müssen. Aber welcher Mensch will und kann sich seine Gefühlslagen diktieren lassen? Ab- und Gegenwehr sind logische Konsequenzen. Und wer Frau Amanpour nicht direkt empört antworten kann, weil sie ja nur vom Bildschirm herunterflimmert, der schleudert seine Empörung halt denen ins Gesicht, für die mitempfunden werden soll – oder Leuten, die man dafür hält. Oder es werden Politiker gewählt, die sich nicht scheuen, Journalisten als „Fake News“ abzustempeln.

Eine ähnliche Konstellation gibt es bei Nachrichten aus dem Bereich der LGBT-Community. Als Hochschild in einem Gespräch mit Janice Areno, Harolds Nichte, einwendet, Schwule nötigten weder ihr noch anderen einen schwulen Lebensstil auf, entgegnet diese: „O doch, das tun sie!“

Als Beispiel führt Janice einen Auftritt von Chaz Bono in der Show von Jay Leno auf NBC an.
Auch sie schaut also gelegentlich liberale Sender.

Chaz ist das Kind der Popsänger Sonny und Cher. Er war als Mädchen in den 70er Jahren ein Kinderstar, ließ aber später [im Alter von fast 40 Jahren] eine Geschlechtsumwandlung zum Mann vornehmen. Janice kommentiert seinen Auftritt so: „Als Chers Sohn sagte, es wäre einfacher gewesen, wenn er hätte aufwachsen können, ohne auf Vorurteile zu stoßen, fand ich, dass er mir seine Lebensweise aufdrängte. Er will, dass die ganze Welt sich ändert, damit es für ihn einfacher ist, erwachsen zu werden.“

Und wenn Janice, in derem täglichen Umfeld Menschen wie Chaz nicht vorkommen, keine Notwendigkeit sieht, sich selbst oder etwas zu ändern, dann wird sie als „bigott“ bezeichnet. Schlimmer noch, Chaz Bono, der sich um keine Warteschlange kümmern muss, weil er seit seiner Geburt Teil des Amerikanischen Traums ist, sagte in Lenos Show: „Die Tea Party [ultrakonservative Republikaner wie Janice] sind verdammte Verrückte.“

Für ihre Offenheit und ihr Interesse, das sie einer bestimmten Person und deren Problemen entgegenbringt, bekommt Janice also am Ende eine verbale Ohrfeige. Wobei dem sonst eher aufgeschlossenem Chaz keine böse Absicht zu unterstellen ist. Er hält sich nur an das in seinem Umfeld gängige Klischee, ohne es kritisch zu hinterfragen.

Wirtschaft und Umverteilung

Louisiana ist der zweitärmste Bundesstaat der USA. Seit mehr als drei Jahrzehnten leben neunzehn Prozent seiner Einwohner unterhalb der Armutsgrenze, 2016 – Hochschild nennt im Buch etwas ältere Daten – waren es 19,6 Prozent. Auch die Staatsverschuldung Lousianas ist hoch. Hinzu kommet ein erdrückendes Paket von Pensionsleistungen, die der Staat für seine Beamten im Ruhestand aufbringen muss.

Die Ölindustrie, auf die man so große Stücke hält, ist hoch automatisiert. Viele Arbeiter braucht man nur für den Bau einer neuen Anlage.Sie werden jedoch nicht in Louisiana angeworben, sondern kommen zu einem Großteil von außerhalb, vor allem von den Philippinen, und wohnen in sogenannten „man camps“, umzäunte Barackensiedlungen, von denen es heißt, sie würden von Bauarbeitern aus Mexico errichtet.

Auch die Gewinne der Ölindustrie kommen dem Wirtschaftskreislauf vor Ort nur marginal zugute. Alles in allem wird geschätzt, dass etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts von Louisiana – also der Wert aller dort erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen – aus dem Bundesstaat abfließt. Dafür erhält das Land Zuschüsse der Bundesregierung aus Washington, die 44% der Staatseinnahmen ausmachen. Die Hälfte dieser Zuschüsse, also beinahe ein Viertel des Staatshaushalts, sind für Medicaid, das Gesundheitsfürsorgeprogramm für Menschen mit niedrigem Einkommen und Behinderte.

Es wurde auch in deutschen Medien schon mehrfach analysiert, dass rechte Wähler nicht die völlig abgehängten und sozial Schwachen sind. Hochschild liefert dafür eine verblüffend simple Erklärung: „Wenig oder gar nichts vom Staat zu bekommen war eine häufig betonte Ehre.“
Diese Ehre ergebe sich mit den vor einhundert Jahren formulierten Worten des Soziologen Thorstein Veblen „aus dem Abstand zur Notwendigkeit“. Anders gesagt: Je weniger ein Mensch auf den Staat angewiesen ist, umso höher ist sein Status in der Gesellschaft.

Es scheint etliche Menschen zu geben, die in dieser Hinsicht einen Balanceakt vollführen und ihr Leben zumindest in Teilen den Leistungen des Wohlfahrtsstaates angepasst haben. Hochfelds Interviewpartner müssen nicht lange nachdenken, um Beispiele im eigenen Umfeld zu finden, für die sie durchaus Verständnis zeigen. Nur stemmen sie sich mit aller Kraft dagegen, nicht in eine vergleichbare Lage zu geraten.

Spannend wird es immer, wenn die Soziologin ihre Gegenüber mit alternativen Lösungsansätzen konfrontiert, zum Beispiel nachfragt, ob man nicht die Unternehmen stärker besteuern sollte, anstatt sie immer weiter zu entlasten in der Hoffnung, das würde Arbeitsplätze und Einnahmen für den Staat bringen.

Diese Dialoge und begleitende Recherchen zu jedem neuen Argument, dass die Gesprächspartner vorbringen, nehmen im Buch einen breiten Raum ein. Das Resultat ist gehaltvoll, aussagefähig und belastbar. Selbstverständlich gibt es auch eine „Tiefengeschichte“ der linken, liberalen Kräfte und eine vergleichende Analyse.

Am Ende schreibt Arlie Russell Hochschild: „Für die Linke liegt das Spannungsfeld im oberen Bereich der Klassenhierarchie (zwischen der obersten Spitze und dem Rest), für die Rechte liegt es zwischen der Mittelschicht und den Armen. Die Linke sieht das Zentrum des Spannungsfelds im Privatsektor, die Rechte im öffentlichen Sektor. Ironischerweise fordern beide gerechten Lohn für ehrliche Arbeit.“

Um hier zu einem Kompromiss zu kommen – wenn es das Ziel ist, die Gesellschaft zusammenzuhalten anstatt zu spalten – ist es notwendig, die Motivation zu verstehen (ohne sie uneingeschränkt zu billigen), die das Handeln der jeweils anderen Seite bestimmt. Eben das ist das Anliegen dieses Buches.

Wer auf der Suche nach Antworten ist, sollte es unbedingt lesen.

* Laut Prof. Dr. Henry L. Gates jr., der an der Universität Havard „African American Studies“ unterrichtet, liegt der Anteil europäischer Gene bei den heute lebenden African Americans im Durchschnitt bei 25%. Ähnlich sieht es bei manchen US-Amerikanern europäischer Abstammung aus. George W. Bush zum Beispiel ist (über seine Mutter Barbara) ein direkter Nachkomme von Pocahontas. Aber selbstverständlich ist auch der Genpool nicht alles, was einen Menschen ausmacht!

** Über 20% der „Hate Groups“ (aktuell: 193 von 917) in den Vereinigten Staaten fallen unter die Kategorie „Schwarze Separatisten“, obwohl nur 12,6% der Bevölkerung als „African Americans“ klassifiziert werden. Details siehe: https://www.splcenter.org/hate-map

Infos zum Buch:

Arlie Russell Hochschild: „Fremd in ihrem Land“, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2017

Gebunden: 29,95 €

e-Book (Deutsch): 25,99 €

e-Book (Englisch): 16,99 €