Die Kämpfe der Aspirational Class

Wer wie ich unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus aufgewachsen ist und anschließend in das lauwarme Wasser der Sozialen Marktwirtschaft geworfen wurde, um darin schwimmen zu lernen, der hat ein recht gutes Gefühl für Schieflagen in der Gesellschaft entwickelt.

Ein Konzept, das in beiden politischen Systemen universelle Gültigkeit beansprucht und mir nie recht zutreffend erschien, ist die vertikale Unterteilung der Bevölkerung in Klassen und Schichten aufgrund ihres Einkommens und Besitzstandes.

Marx und Engels veröffentlichten 1848 „Das Manifest der Kommunistischen Partei“ und erklärten darin den Privatbesitz von Produktionsmitteln zum wesentlichen Unterscheidungsmerkmal zwischen Bourgeoise und Proletariat, zwischen Ausbeuter- und Arbeiterklasse. Das war der damals die Gesellschaft prägende Aspekt, der bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts Gültigkeit besaß. Heute werden Teenager zu YouTube-Stars und brauchen dafür nur ein Minimum an Produktionsmitteln. Im Zweifelsfall reicht ein Smartphone.

Die Massenproduktion hat wichtige Produktionsmittel und ehemalige Luxusgüter im wesentlichen für alle erschwinglich gemacht, insbesondere für die Menschen der mittleren Einkommensklassen.

Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannte der Soziologe Thorstein Veblen, dass in der Klassengesellschaft noch andere Mechanismen wirken, die teils von Besitzständen abhängig waren, teils aber eben auch nicht. Seine Beobachtungen formulierte er in dem Buch „The Theory of the Leisure Class“ (1899, Titel der deutschen Übersetzung: „Theorie der feinen Leute“), in welchem er untersuchte, wie sich die unterschiedlichen sozialen Klassen und Schichten durch Einsatz von Statussymbolen und Verhaltensnormen voneinander abhoben.

Ausgehend von Veblens Arbeit und Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ (1979) entwirft die Soziologin Elizabeth Currid-Halkett jetzt ein Bild der modernen Gesellschaft westlicher Prägung, das mich in seiner Gesamtheit überzeugt. Sie nennt ihr Buch „The Sum of Small Things. A Theory of the Aspirational Class.“

Diese „Aspirational Class“ (aufstrebende, ambitionierte Klasse) vereint Menschen völlig unterschiedlicher Einkommensklassen, die gemeinsame Werte besitzen und durch ihr breit aufgestelltes Wissen reich an kulturellem Kapital sind. In einer Welt, in der materielle Dinge für breite Massen erschwinglich sind, so die Grundthese, verlieren diese Besitztümer ihre Funktionen als Statussymbol. So hat heute selbst ein Wachmann dank Leasing die Möglichkeit, einen getunten AMG-Mercedes legal zu erwerben und damit illegale Rennen auf dem Kurfürstendamm zu fahren (http://www.zeit.de/2016/51/autorennen-berlin-mord-klage-urteil/komplettansicht).

Wenn also teure Autos und Uhren nur noch im Ausnahmefall (z. B. Ferrari oder Rolex „Limited Edition“) zur Selbstdarstellung ihrer Besitzer taugten, wie differenzierten sich diese dann vom Rest der Gesellschaft? Denn dass wir das Bedürfnis haben, unserer Persönlichkeit Ausdruck zu geben und uns damit von unseren Mitmenschen zu unterscheiden, ist – bei allem, was Menschen verbindet – nicht von der Hand zu weisen.

Die Antwort der Autorin lautet, dass der Rückgang des offensichtlichen Konsums (conspicuous consumption) durch zunehmenden nicht-offensichtlichen Konsum (inconspicuous consumption) komplementiert wird. Dazu gehören steigende Ausgaben für Bildung, Gesundheits- und Altersfürsorge, haushaltsnahe Dienstleistungen, aber auch Ausgaben für kulturelle Erlebnisse und ein erweitertes Erfahrungsspektrum, z.B. durch Reisen.

Weiter sei festzustellen, dass Veblens Leisure Class nicht länger existiere: „Die Umgestaltung der globalen Wirtschaft hat zu einer Leistungsgesellschaft geführt, in welcher der Besitz von Produktionsmitteln nunmehr geistiger Art ist, kein Landbesitz mehr.“ („The restructuring of the global economy prizes a meritocracy, who own the means of production through their minds, not land ownership.“)

Im Zuge dessen sei eine zunehmende Ungleichheit zu beobachten, die ihr Kollege Jonathan Gershuny wie folgt beschreibe: Jene, die viel Geld verdienen, arbeiten auch hart daran, etwas damit und daraus zu machen. Für sie ist echte Freizeit (leisure time) die kostbarste Ressource von allen. Jedoch werde eben diese hart erarbeitete Freizeit zunehmend mit nicht-offensichtlichem Konsum gefüllt, was dazu führe, dass große Teile der Freizeit paradoxerweise mit zusätzlicher Produktivität gefüllt werden.

Genau das ist es, was ich gerade mache, während ich diese Zeilen schreibe.

Auch viele unsere Aktivitäten in den Sozialen Netzen, der Konsum von Nachrichten und Kommentaren, dient nach Currid-Halkett nicht ausschließlich, aber eben doch auch dazu, den eigenen sozialen Status zu definieren und zu verteidigen. Wer mitreden will, muss wissen, welche Themen aktuell sind. Es ist auch notwendig, über bestimmte Ausdrucksmöglichkeiten zu verfügen, um in einer Debatte mitreden zu können. Wir sind kulturelle Omnivoren geworden, mit Halb- und Viertelwissen begnadet auf vielen Gebieten. Und wo uns das nötige Wissen fehlt oder Zusammenhänge zu komplex sind, versuchen wir die Wahrheit empathisch zu erfühlen.

Zeit ist ein kritischer Faktor für Lernprozesse. Veblens „Leisure Class“ benötigte sie, um sich neben käuflichem Besitz, Manieren, Geschmack und eine gehobene Ausdrucksweise in Wort und Schrift anzueignen. Zwar haben strenge Etikette und Konversationsnormen an Bedeutung verloren, aber die Bandbreite der Themenpalette ist breiter geworden, vielfältiger.

Mehr Vielfalt bedeutet mehr Themen, die sich anbieten, um einmal mehr auf sich aufmerksam zu machen, dabei zu sein. Und auch das Wissen um den Herstellungsprozess ist heute wichtiger als die Wertigkeit der eingesetzten Materialien. Currid-Halkett spricht in diesem Zusammenhang von conspicuous production, am besten übersetzt als: transparente Produktion. Güter aus diesem Segment sind ein wesentlicher Teil des Konsumverhaltens der Aspirational Class, deren Mitglieder man verschiedentlich sagen hört: „Wir sind, was wir essen, trinken und kaufen.“

Hier öffnet sich dann auch die Schere der oft beklagten Ungleichheit innerhalb der Aspirational Class. Die Autorin erklärt, dass es den nicht sichtbarer Konsum in zwei verschiedene Ausprägungen gibt: cost-of-information inconspicuous consumption erfordere keine monetären Investitionen, sondern vor allem Zeit, sich in bestimmte Themengebiete einzuarbeiten. Wer Vollzeit arbeitet und davon noch eine Familie ernähren muss – das schließt ganz besonders alleinerziehende Frauen ein -, dem bliebt nicht viel Zeit für solche Studien. Auf der anderen Seite haben Superreiche, Studenten, die von ihren Eltern finanziert werden und Menschen, die es schaffen, mit den Sozialleistungen des Wohlfahrtsstaates auszukommen, ein großes Pensum an Zeit verfügbar, das sie für cost-of-information inconspicuous consumption einsetzen können.

Die andere Seite der Medaille ist, was die Autorin cost-prohibitive inconspicuous consumption nennt: eine Palette oft sehr teurer Dienstleistungen, zu denen die in den USA sehr hohen Studiengebühren für den Besuch höherer Bildungseinrichtungen gehören. Daneben gehören in diese Kategorie Ausgaben für Kinderbetreuung, Haushaltshilfen, Lieferdienste und Investitionen in Gesundheits- und Altersvorsorge über das staatlich garantierte Mass hinaus.

Diese Ausgaben führen zu Entlastungen in vielen Lebensbereichen, generieren damit Zeit, die wieder genutzt werden kann, um mit den neuesten Trends und Threads up to date zu bleiben. Sie katapultieren aber auch die Kinder aus der vermögenden Schicht der Aspirational Class in ein Umfeld, dass es ihnen erlaubt, sich „standesgemäß“ in der Gesellschaft zu etablieren. Die Kinder selbst, so Currid-Halkett, mögen dabei das Gefühl haben, sich diese Position hart zu erarbeiten, denn ihnen werden zusätzliche Aktivitäten wie das Erlernen von Instrumenten oder Leistungen im Sport abverlangt. Hinzu kommt gegebenenfalls Nachhilfeunterricht oder der Besuch privater Ganztagsschulen. Die Ausstattung mit technischen Geräten, die den frühzeitigen Umgang mit modernen Kommunikationstools und sozialen Netzen ermöglichen, sind ein weiterer Faktor. Der allerdings für Schüler aus allen Einkommensklassen allmählich Standard wird.

Am Ende erklärt Currid-Halketts Modell wie es möglich ist, dass die Aspirational Class eine breite Palette völlig unterschiedlicher Individuen vereint, den Hollywood-Star mit Millionengagen ebenso wie den arbeitslosen Drehbuchautor. Was sie vereint, sind gleiche Werte, die gleiche Moral. Das heißt aber nicht, dass sie den gleichen sozio-ökönomischen Status hätten. Im Gegenteil sei es zunehmend schwierig, wenn nicht unmöglich, gesellschaftlichen Aufstieg zu bewerkstelligen, weil die eigentliche Oberklasse, die obersten 5 Prozent der Einkommenshierarchie, ihre Positionen auf vielfältige Weise zu verteidigen verstehe. Wie schon Bourdieu festgestellt habe, sei ein solcher Aufstieg allein durch Erwerb materieller Güter nicht zu bewerkstelligen. Die Aspirational Class versuche daher, über den Erwerb von Wissen und durch ein Wertesystem, dessen Grundlage die Aneignung umfangreicher Kenntnisse sei, ihren Lebensstil sozial und kulturell aufzuwerten. („All of these subtle cues suggest knowledge and a value system acquired through extensive acquisition of knowledge—and an aspiration to achieve a higher cultural and social way of being.“)

Ein wenig erinnert mich das an Walter Ulbrichts Maxime, den Kapitalismus zu überholen, ohne ihn einzuholen. In jedem Fall ist es ein Angriff auf die Dominanz der Oberklasse, deren Angehörigen – in manchen Fälle zu Recht – unmoralisches Verhalten vorgeworfen wird. Damit, so die unausgesprochene Logik, verwirke sie ihren Führungsanspruch, der selbstredend den moralisch Überlegenen zukomme.

Man kann, meine ich, viele Diskussionen um soziale Gerechtigkeit und die Umverteilung des materiellen Reichtums auch als Angriffe der Aspirational Class auf die Oberklasse deuten, die es nach dem Sieg auf dem Schlachtfeld der Moral auch ökonomisch in die Knie zu zwingen gilt. Und wer die ökonomische Macht hat, das lehrt der Marxismus, verlangt auch die politische Macht.

Ein Problem ist allerdings die enorme Vielfalt an Themen und Meinungen, die man mit allerlei Statistiken inklusive alternativer Fakten zu belegen sucht. Wie immer, wenn sich breite Massen zu erheben versuchen, kommt es zu Grabenkämpfen. Und so zerfleischen sich vor allem in den sozialen Netzwerken Vegetarier und Veganer, Feministen und Queerfeministen und die Vertreter oder selbsternannten Beschützer dieser und jener Minderheiten.

Es ist ebenso auffällig, dass diese Grabenkämpfe innerhalb der urbanen Denkeliten ausgetragen und kommentiert werden. Wer in ländlichen, weniger entwickelten Gebieten lebt, bleibt außen vor, versteht oft gar nicht, worum es in diesem Debatten überhaupt geht. Als typisches Beispiel verweist Currid-Halkett auf die Praxis des Stillens von Säuglingen. Junge Müttern in Los Angeles und New York City (und mehr noch in Deutschland) sehen das als einzig richtige Art der Säuglingsernährung an. Afroamerikanische Mütter aus niederen Einkommensklassen in Atlanta, Georgia, würden, käme eine von ihnen die Idee, ihrer Kinder zu stillen, in ihrer Community für verrückt erklären. („In cultures like low income African Americans in Atlanta Georgia nobody breast-feeds and if you do you’re a fool.“)

Wenn man diese Differenzen aus der Sicht der Oberklasse betrachtet, dann liegt es nahe, daraus eine Strategie zu entwickeln, die dem eigenen Machterhalt dient. Es scheint relativ einfach, beliebig neue Argumente unters Volk zu werfen, vor allem solche, die Rassen- und Klassenkonflikte befeuern. Wer lang genug wühlt, wird an jeder Idee, jedem Konzept, egal ob neu oder bewährt, etwas auszusetzen finden. Und wenn zwei sich streiten, freut sich bekanntlich der Dritte.

 

Das Buch

Elizabeth Currid-Halkett: „The Sum of Small Things. A Theory of the Aspirational Class.“ Princeton: Princeton University Press, 2017. Gebundene Ausgabe: 23,99 €, e-Book: 20.39 €
Elizabeth Currid-Halkett: „The Sum of Small Things. A Theory of the Aspirational Class.“ Princeton: Princeton University Press, 2017. Gebundene Ausgabe: 23,99 €, e-Book: 20.39 €