Scheherazade im Winterland

Nadiras Mutter Ifeta heiratet den zwanzig Jahre älteren Witwer Dervo, um den Arbeiteinsätzen zu entgehen, zu denen die kommunistische Verwaltung im Jugoslawien der Nachkriegsjahre alle ledigen Mädchen heranziehen will.

Ihr Onkel Taib bringt ihr im Alter von fünf Jahren Lesen und Schreiben bei und überredet die Eltern, Nadira zur Schule zu schicken: „Er wünschte sich, einen Sohn zu haben, so klug wie Nadira. Ihm fiel gar nicht auf, dass der Wunsch ein bisschen schief wirkte.“

Gefangen in einer Welt, der sie sich aus mancherlei Gründen nicht wirklich zugehörig fühlt, entdeckt sie das Sehnsuchtsreich der Bücher: „Wie viele andere Kinder ihrer Generation verschlang sie gierig die bunten Lügen von Branko Ćopić und glaubte, auf der Welt lebten nur Märchenonkel und Helden mit Taubenherzen, Mädchen mit großen, dunklen Augen und Jungen, die in diese Mädchen verliebt waren.“

Der Konflikt mit den Eltern eskaliert, als ihre Lehrerin sie ohne Wissen (und Genehmigung!) des Vaters zur Teilnahme an einem Literaturwettbewerb drängt, den sie wider Erwarten gewinnt.

Safeta Obhodjas‘ „Scheherazade im Winterland“ ist ein Buch über eine Frau, die ihren Weg durchs Leben finden muss in einer Gesellschaft, hinter deren Fassade einer von den Machthabern propagierten kosmopolitischen Gesellschaft das traditionelle Familienleben mit den Möglichkeiten und Herausforderungen der Moderne kollidiert.

Einige Szenen sind autobiographisch geprägt, der Stil der Erzählerin geradelinig und durchdacht. Wie immer bei Safeta Obhodjas bekommt der Leser tiefe Einblicke in das Innenleben der Protagonistin, ihre Gedanken und Wertewelt.

Es ist ein Buch über kulturellen Wandel und Widerstände, die ihm entgegentreten. Und es ist ein Buch über die Emanzipation muslimischer Frauen mit vielen Hindernissen und ebenso vielen Männern – Vater, Ehemann, Mentoren – die bei jedem Erfolg der Frau aus dem Schatten treten, um zu betonen, ohne sie wäre das alles nie möglich gewesen.

„Ich bin die Autorin, deren Buch sich verkauft, aber nicht beachtet wird“, resümiert Nadira am Ende des Romans. „Es ist mir egal was sie denken. Ich weiß, dass ich mich mit meinen Themen nicht vergriffen habe. Ich will und muss über das schreiben, worüber andere, sogar Frauen, schweigen. Das, was ich schreibe, gehört nicht dem Onkel, nicht ‚ihm‘, nicht Nada, nicht Streten, es ist meins, nur meins!“

Erstmals erschienen als gebundene Fassung im Jahr 1998 gibt die Autorin jetzt eine überarbeitete Auflage im Selbstverlag als e-Book bei Amazon heraus. Preis: 8.05 Euro, für Kindle Unlimited: kostenlos.