Dancing into Battle

In „Dancing Into Battle“ beschreibt Nick Foulkes meisterhaft die sozialen Hierarchien und Normen in den britischen Streitkräften zur Zeit der Napoleonischen Kriege und zeichnet in diesem Zusammenhang ein eindrucksvolles Porträt Wellingtons, das diesen einmal nicht als glänzenden Helden und Strategen lobt, sondern als einen von Standesdünkel und Vorurteilen geprägten Aristokraten in Uniform zeigt.

Leben wie Gott in Brüssel

Nach Napoleons Abdankung 1814 machten sich zahlreiche vornehme britische Familien in Richtung europäisches Festland auf den Weg. Dort betrugen die Lebenshaltungskosten für einen standesgemäßen Haushalt kaum die Hälfte vom dem, was man in London dafür aufzubringen hatte. 

Das bevorzugte Ziel der Auswanderer war Brüssel, wo sich schnell eine große britische Gemeinde bildete, die nicht zuletzt davon profitierte, dass britische Besatzungstruppen in dem neu geschaffenen Vereinigtem Königreich der Niederlande stationiert waren. Aus Sicht der Londoner Außenpolitik waren die Niederlande, insbesondere jene Teile des heutigen Belgiens, ein Pufferstaat zwischen England, der neuen Hegemonialmacht im Westen, und dem aufstrebenden Preußen.

Was ein Offizierspatent kostete

Das Militär wiederum bot vor allem den Söhnen der britischen Elite ein gutes Auskommen, wenn sie sich ein Offizierspatent (engl.: commission) kaufen konnten. Die Kosten dafür waren abhängig vom jeweiligen Regiment. Je stylischer die Uniform, desto teurer das Patent. Bei der gewöhnlichen Infanterie kostete der Einstieg als Ensign etwa 450 Pfund Sterling, das entspricht etwa 20.000 GBP in heutiger Währung und entsprach zu jeder Zeit – hier sind Foulkes Recherchen äußerst detailliert – in etwa der viereinhalbfachen Jahresrente einer alleinstehenden adligen Dame, die in London ein einfaches Appartement mit einer Dienerin bewohnte. 

Ein Haushalt wie der des Herzogs und der Herzogin von Richmond verschlang hingegen in London an die 4000 Pfund Sterling pro Jahr, was sich in Brüssel auf 2000 Pfund optimieren ließ. Die Duchess nannte das „einen ökonomischen Plan“.

Wellington, obwohl selbst ein durch und durch erfahrener Kommandeur, war selbst der Meinung, das gesellschaftliche Status seiner Stabsoffiziere und Adjutanten wichtiger war als deren fachliche Qualifikation. Er umgab sich bevorzugt mit jungen Männern aus guten Familien, die allesamt wesentlich jünger waren als er selbst. Die Rede war dann auch von keinem Stab, sondern von einer „family“.

Krieg als Risikosport

Das Kriegshandwerk selbst, so Foulkes, war aus der Sicht des Adels eine Art Risikosport. Man ritt in die Schlacht wie zu einer Fuchsjagd, wobei zu bedenken ist, dass die meisten jungen Männer zu jener Zeit gar nichts anderes kannten als andauernde Feldzüge seit dem Beginn der Amerikanischen und Französischen Revolutionen. 

Auch die „einfachen Leute“ schätzten den Unterhaltungswert gewalttätiger Spektakel wie etwa von Boxkämpfen. Und wenn ein Unteroffizier („non commissioned officer“) der britischen Armee eine Differenz mit seiner Ehefrau austrug, dann konnte diese schon mal einige Hiebe mit Säbel oder Degen abbekommen. In Anbetracht dieser Tatsache wird es verständlich, dass ein sich anbahnender militärischer Konflikt als gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges betrachtet wurde. Und was sich in Brüssel im Frühjahr des Jahres 1815 abspielte, mag in mancherlei Hinsicht – vor allem aus heutiger Sicht betrachtet – surreal erscheinen. Allerdings darf man Foulkes‘ Analysen glauben, dass Wellingtons betont zur Schau getragene Unbekümmertheit trotz besseren Wissens auch eine geschickte Taktik zur Stärkung der Kampfmoral seiner Männer war. In diesem Sinne bediente oder tolerierte er zumindest auch Klatschbasenvereinigungen wie „The Ladies in the Park“, deren Gerüchteküche „Fake News“, zu jener Zeit von ernsthaften Londoner Politikern „Brüsseler Geschichten“ genannt, am laufenden Band fabrizierte.

Wellingtons Eitelkeit

Bemerkenswert ist, dass sich Foulkes eine militärhistorische wie gesellschaftliche Rehabilitation der Leistung von Henry Paget, Lord Uxbridge, auf die Fahnen schreibt. Uxbridge war von höherer Stelle in London als Befehlshaber der britische Kavallerie unter Wellington eingesetzt wurden. Delikaterweise hatte er einige Jahre vorher eine glühende Affäre mit Wellingtons Schwägerin, die sich daraufhin scheiden ließ und Uxbridge heiratete. Darauf angesprochen meinte Wellington, der selbst Beziehungen zu verheirateten Frauen unterhielt, es sei eben typisch für Uxbridge, mit jedermann davonzulaufen. Er hoffe allerdings, Uxbridge würde der Versuchung widerstehen, ausgerechnet mit ihm, Wellington, davonzulaufen. 

Dieser Ausspruch, meint Foulkes, zeige zum einen, wie pikiert Wellington reagierte, wenn er wichtige Posten nicht mit Mitgliedern seiner „family“ besetzen konnte. Gleichzeitig zeige er die Verachtung des aus der Infanterie (billigeres Patent) aufgestiegenen Wellington für die finanzkräftigeren und gesellschaftliche schillernderen Kavallerieoffiziere. Ähnliche Vorurteile habe Wellington auch gegenüber Offizieren der Artillerie gehegt. Hier aus dem Grund, weil diese als einzige im britischen Heer bereits zu jener Zeit eine formelle waffentechnische Ausbildung durchliefen – aus Sicht von Wellington eine Verschwendung von Zeit und Geld. 

Höchststrafe: 1000 Peitschenhiebe

Ein weiterer Schwerpunkt in Foulkes‘ Buch ist die Schilderung des Lebens der einfachen Soldaten. 

In der Armee selbst war das Auspeitschen die übliche Disziplinarstrafe. In einem Befehl von 1807 hatte der König verfügt, dass selbst bei kapitalen Vergehen ein Höchstmaß von 1000 Peitschenhieben als Strafe gelten sollte. Öffentliche Exempel, bei denen der Delinquent 500 Peitschenhiebe verabreicht bekam, waren laut Foulkes bei den 1815 um Brüssel stationierten britischen Truppen keine Seltenheit. Er bringt den Fall eines „drummer boys“, eines Teenagers von 15 oder 16 Jahren, der wegen Trunkenheit im Dienst gemaßregelt wurde in einer Weise, dass nach einigen Dutzend Hieben mit der Peitsche die Knochen seines Schulterblatts sichtbar waren. Und weil die befehshabenden Offiziere der Meinung waren, der vollstreckende Feldwebel schlage nicht hart genug zu, erhielt auch dieser noch eine Strafe von 250 Hieben. 

Ungehemmt saufen können

Ebenfalls überraschend erscheint dem heutigen Leser der hohe gesellschaftliche Stellenwert des Alkoholkonsums. Trank ein Gentleman sechs Flaschen Portwein zu Abend galt das als Zeichen größtmöglicher körperlicher wie geistiger Gesundheit und sexueller Potenz. 

Dank der Spottpreise für Gin („genever“ oder „holland“) lebten auch die gemeinen Soldaten in den Wochen und Monaten vor der Schlacht von Waterloo wie im Paradies. Die durchschnittliche Tagesration bestand aus einem Pfund Fleisch, einem Pfund Brot sowie ein bis sechs Pints (ein guter halber Liter) Gin.

Wellington war der Meinung, dass die meisten seiner Soldaten ohnehin nur dienten, um ungehemmt saufen zu können, was einmal mehr seinen Standesdünkel zeigte, andererseits keineswegs frei erfunden war.

Vom Ball zur Schlacht

Dass Wellington die Nachricht vom Vormarsch Napoleons auf dem Ball der Herzogin von Richmond erhielt, war reiner Zufall. An einem anderen Tag wäre es eben ein anderer Ball gewesen. Diese Vergnügungen fanden beinahe täglich in Brüssel statt. 

Den Verlauf der Schlachten von Quatre Bras und Waterloo handelt Foulkes im Zeitraffer ab und verweilt nur länger, wo es sich lohnt, das Schicksal eines einzelnen Protagonisten aus der Brüsseler Gesellschaft zu verfolgen. Als Beispiel mag James, Lord Hay, gelten, ein auffallend gut gekleideter und charmanter junger Mann, dem die Armee wie so vielen anderen das einzige mögliche Auskommen bot. Hay war nicht nur ein hervorragender Tänzer, sondern auch ein großartiger Reiter. Und Pferderennen waren neben den Bällen eine weitere beliebte Art von Vergnügen.

Obwohl erst achtzehn Jahre alt und aus verarmten Adel wurde Hay von vielen bewundert. Zu seinen Fans zählte die Tochter der Herzogin von Richmond, was in Sergej Bondartschuks monumentalem Waterloo-Film von 1971 korrekt dargestellt ist. Allerdings fiel Hay – seiner eigenen Vorhersage gemäß – schon beim ersten Treffen mit den Franzosen in Quatre Bras, weil – und das war für mich neu – die auffälligen Verzierungen seiner Uniform ihn zu einem bevorzugten Ziel der Schützen der französischen Avantgarde machten. Wahrscheinlich hielten sie ihn aufgrund der Uniform für einen besonders ranghohen Offizier. In Bondartschuks Film stirbt er als Kommandeur eines Karrees beim Angriff der französischen Kavallerie unter Marschall Ney. 

Brustpanzer als Kochgeschirr

Die Brustpanzer der französischen Kürassiere fanden nach der Schlacht vielfältige Verwendung auf britisch-alliierter Seite, unter anderem als Sitzgelegenheiten und als Kochgeschirr. Im letzteren Fall träufelte freilich immer ein wenig Flüssigkeit durch die Einschusslöcher. 

Foulkes beschreibt detailliert die Nachwirkungen der Schlacht. Ehefrauen suchen ihre Männer. Gaffer stecken ihre neugierigen Nasen in den übel riechenden Wind. Die Masse der Verwundeten muss tagelang ausharren, bis sie geborgen werden.

Von Waterloo zur Krim

Nicht weniger folgenschwer sind die Langzeitwirkungen. Hier stellt Foulkes fest, wie der Sieg von Waterloo die Weltsicht des britischen Adels und des Militärs bestätigte. Der Hochmut, den man schon vor der Schlacht den Vorfahren der heutigen Belgier entgegenbrachte, zementierte sich und wurde zum Markenzeichen britischer Eroberer überall auf der Welt. 

Eifrig baute das aufstrebende Empire einen Mythos, in dessen Zentrum die Person Wellingtons stand. Zweimal wurde der Herzog mit dem Amt des Premierministers betraut. Beide Male endete es in einem Desaster. Noch schlimmer kam es für die britische Armee, die unter dem Befehl von Fitzroy Somerset, Lord Raglan, der als Wellingtons Adjutant bei Waterloo einen Arm verloren hatte, 1853 in den Krimkrieg zog. Bedenkenlos wurde die Waterloo-Kampagne dort kopiert, was zu schwerwiegenden taktischen Fehlern führte und Somerset den Ruf und schließlich auch das Leben kostete.

Fazit

Zu Foulkes Buch ist abschließend nur eines zu sagen: unbedingte Leseempfehlung für alle, die sich mit den Napoleonischen Kriegen oder der Geschichte Großbritanniens befassen. Eine deutsche Übersetzung gibt es allerdings nicht.