Historische Vergewisserung: Gedanken zu Colson Whiteheads „Underground Railroad“

Seit Wochen kämpfe ich mit mir selbst. Es geht um die Frage, ob ich diesen Roman, den zahlreiche Rezensenten vor mir zum Teil in den Himmel gelobt haben, überhaupt lesen will.

Obwohl ich mir die digitale Leseprobe der e-Book-Ausgabe heruntergeladen und darin geschmökert habe, werde ich mit dem Stoff nicht warm. Mein Problem ist, ich keine zu viele historische Fakten, auf die das Buch referenziert oder sagen wir besser: zu referenzieren vorgibt. Denn worauf ich bei der Lektüre stoße, das wirkt auf mich primär wie eine Sammlung geschickt platzierter Klischees, ein Köder, dem durchschnittlich informierte Leser*innen auf dem Leim gehen sollen, was zumindest im Falle der meisten Rezensenten hervorragend gelingt.

Klar, was sollen historische Fakten, wo doch der Autor in der Manier des Magritteschen Surrealismus eine echte Dampfeisenbahn durch seine Geschichte rasen lässt? Sagt er damit nicht klar und deutlich: Das hier ist Fiktion, bitte nicht auf den historischen Wahrheitsgehalt prüfen!?

Grundsätzlich neige ich dazu, es genauso zu betrachten. Das sind die Momente, in denen ich dazu tendiere, das Buch zu lesen, um herauszufinden, was die Fantasie des Autors, locker historische Anhaltspunkte touchierend, ins Blaue hinein fabuliert. Und Whitehead, daran besteht schon nach der ersten beiden Seiten seines Romans kein Zweifel, ist ein erstklassiger Storyteller, einer, der es versteht, seine Leserschaft in die Geschichte hinein zu saugen.

Darf er darüber hinaus lax mit historischen Fakten in einer Geschichte umgehen, die durch ihr Genre und auch durch den vom Autor entworfenen Gang der Handlung eindeutig als FIKTION gekennzeichnet ist?

Ja, auch das. Denn es ist nicht zuletzt die Aufgabe eines guten Romans, Sachverhalte bewußt kontrastreich  darzustellen, um Probleme und Missstände in der Gesellschaft sichtbar zu machen..

So gesehen habe ich mit Whiteheads Werk gar kein Problem – eher schon mit den Rezensenten, die sich für ihre Analysen weiterer Klischees bedienen. Auf die Spitze treibt es dabei Burkhardt Müller, der in der ZEIT schreibt: „Zu einem Zeitpunkt, wo in Amerika die alten weißen Männer wieder obenauf sind und mit genussvoller Häme die emanzipatorischen Anstrengungen von Jahrzehnten zunichte machen, fühlen ihre Gegner die Notwendigkeit, sich neu zu formieren, wozu an zentraler Stelle die historische Vergewisserung gehört.“

Müller nimmt den Roman hier offenbar als Faktensammlung. Das kann passieren. Bedenklich ist, was er sich weiter zusammenspinnt: „Die titelgebende Underground Railroad, Untergrund-Eisenbahn, das war die Bezeichnung für das weitverzweigte Netzwerk, das weiße Abolitionisten im ganzen Land aufgebaut hatten, um Sklaven zur Flucht in den Norden zu verhelfen.“

In dem Bestreben, moderne Erscheinungsformen des Rassismus anzuprangern, käut der ZEIT-Rezensent jetzt selbst eine Legende wieder, die sich vor mehr als einhundert Jahren mehr oder weniger alte weiße Männer zurechtgeschustert haben. Die Basis dafür ist Wilbur Henry Sieberts Buch „The Underground Railroad from Slavery to Freedom“. Mit Ausnahme von Frederick Douglas und Harriet Tubman fokussieren Sieberts Recherche und Erzählungen ausschließlich auf den Erinnerungen weißer Aktivisten. So räumt er etwa John Rankin aus Ripley, Ohio, breiten Raum ein, erwähnt aber John P. Parker und William Q. Atwood, die zur gleichen Zeit im gleichen Ort wirkten, mit keiner Silbe. Parker und Atwood, man mag es bereits erahnen, waren freie Farbige.

Siebert malte auch Karten, in denen er Orte, von denen er hörte, mit Linien verband. So entstand das Bild eines Netzwerks, der „Railroad“, das aber erst – mit Ausnahme zweier Schiffsrouten – nördlich der Mason-Dixon-Linie beginnt. Historische Vergewisserung ist also durchaus angebracht und führt oft zu überraschenden Erkenntnissen.

So schreiben die Historiker John Hope Franklin und Loren Schweninger in ihrem Buch „Runaway Slaves: Rebels on the Plantation“, dass in der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg jährlich fünfzigtausend Sklaven nicht in den Norden sondern in verschiedene Gebiete des Südens flohen. Sie führen allerdings auch zahlreiche Beispiele für Gewaltakte an, die – nicht nur zwischen Sklaven und Sklavenhaltern – auch ein wesentliches Element in Whiteheads Geschichte sind. In diesem Punkt erfaßt er einen wesentlichen Aspekt, auch wenn viele von ihm entworfene Szenen einem historischen Lackmustest nicht standhalten.

So hielten sich Frauen und Mädchen auf Sklavenschiffen während der Atlantikpassage tagsüber an Deck auf, ohne „von Kopf bis Fuß in Fesseln gelegt“ zu sein. Es bestand also keine Notwendigkeit, dass „einige der abgebrühteren Maate“, das waren die – je nach Schiffstyp – zwei bis vier dem Kapitän direkt unterstellten Offiziere, irgendein Mädchen „aus dem Laderaum“ zerrten.

Und „Teil eines Großeinkaufs, achtundachtzig Menschenseelen für sechzig Kisten Rum und Schießpulver“ dürfte Coras Großmutter Ajarry ebenfalls nicht gewesen sein, wenn man in einer Studie des nigerianischen Historikers Ugo Nwokeji liest, dass die durchschnittliche Kaufrate in Ouidah für die Jahre 1751 bis 1800 bei 3,2 Personen pro Schiff pro Tag lag.

Diese Schiffe waren wochen- manchmal monatelang an der westafrikanischen Küste unterwegs, um „Ware“ zu finden. Diese wurde in den allermeisten Fällen auch nicht von „blonden Seeleuten“, sondern von afrikanischen Grumetes zu den wartenden Schiffen gerudert.

Dass ein Schiff aus Liverpool sich ausgerechnet im von Luso-Afrikanern dominierten Ouidah seine Ladung holt, scheint historisch ebenfalls wenig einleuchtend. Es könnte aber eine literarische Reminiszenz an Bruce Chatwins Roman „Der Vizekönig von Ouidah“ sein, dessen titelgebender Charakter auf Francisco Félix de Sousa basiert, einem der mächtigsten Protagonisten im transatlantischen Sklavenhandel des 18. und 19. Jahrhunderts.

De Sousas Porträt ähnelt dem bekannten Foto Garibaldis aus dessen Zeit in Südamerika. Beide Männer sind eng mit der Geschichte Brasiliens verbunden. Der einzige augenfällig Unterschied ist die Hautfarbe de Sousas, die eher der Pigmentierung Colson Whiteheads ähnelt, dessen Vorfahren mütterlicherseits – wie er in einem Interview der New York Times sagte – als Besitzer einer Schankwirtschaft und freie „Schwarze“ in Virginia lebten. Offenbar sahen sie -wie die meisten freien Afroamerikaner vor dem Bürgerkrieg – keine Notwendigkeit, den Südstaaten auf irgendeine Weise nach Norden zu entfliehen, der alles andere war als das gelobte Land.

Slave Cabin auf Mt. Vermont, VA

Historische Vergewisserung: Gedanken zu Colson Whiteheads „Underground Railroad“